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Ich weiss, was du im Sommer 1963 getan hast

Seinetwegen: Zora del Buonos bereichernde Suche nach dem «Töter» ihres Vaters. Im Dezember liest die Autorin in St.Gallen.
Von  Corinne Riedener , 
Foto: Stefan Bohrer, Zürich, 16.2.2024: Portrait von Zora del Buono in Zürich.

Hund Shedir wurde von einem Auto totgefahren. Stündlich stirbt ein Reh an einer Kühlerhaube. Der Vater einer ehemaligen Geliebten kam bei einem Autounfall ums Leben. Cousine Elenas Verlobter ist im Auto verunglückt. Und natürlich Lady Di, James Dean, Falco, Isadora Duncan oder Albert Camus, sie gehören zu den prominentesten Unfallopfern. Laut WHO sterben jährlich über 1,2 Millionen Menschen auf den Strassen dieser Welt. Das alles ist in Zora del Buonos neuem Roman nachzulesen.

Die Tötungsmaschine Auto spielt darin eine unheimliche Rolle und heult immer wieder auf, kaum meint man sie vergessen. Im Jahr 1963 starben im Kanton St.Gallen 78 Menschen im Strassenverkehr. Eine davon war del Buonos Vater. In einem Rank vor Uznach krachte ein anderer Fahrer mit 110 Kilometern pro Stunde frontal in seinen Wagen. Manfredi del Buono wurde nur 33. Seine Tochter Zora war damals acht Monate alt. Der «Töter», wie Zora del Buono den Lenker des anderen Wagens nennt, bekam dafür zwei Monate Gefängnis und eine Busse von 200 Franken.

Dokument einer Suche

Seinetwegen hat sie den gleichnamigen Roman geschrieben. Wobei nicht immer ganz klar ist, ob mit dem Titel nur der «Töter» oder nicht auch der Vater gemeint ist. Sie hat beide Männer nicht gekannt. Und doch haben sie je auf ihre Art eine bedeutende Rolle in ihrem Leben gespielt. Gefehlt hat ihr der Vater aber nicht. «Es tat mir immer leid für ihn», schreibt del Buono. «Aber ich vermisste ihn dennoch nicht. Eine vaterlose Kindheit bedeutete für mich nichts anderes, als mit Mama allein zu sein. Es war sehr schön, mit Mama allein zu sein.»

Zora del Buono: Seinetwegen. Verlag C.H.Beck, München, 2024.

Lesung in Kooperation mit dem Literaturhaus St.Gallen: 4. Dezember, 19:30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen

Über den Unfall geredet wurde daheim kaum. Als die Demenz ihrer Mutter voranschreitet und so die Vergangenheit zunehmend verschwimmt, beginnt es in Zora del Buono zu rumoren und sie will nun doch wissen, was E.T., der «Töter», für einer ist. Was der Unfall 1963 mit ihm und seinem Leben gemacht hat. Ob er oft daran denkt, dass er jemanden totgefahren hat. Die Bilder davon noch im Kopf hat. Sich Gedanken über seine Schuld macht.

Seinetwegen ist die Dokumentation dieser Suche. Sie schlängelt sich durch die Landstrassen zwischen Glarus und St.Gallen, aber auch durch allerhand Geschichte und Gesellschaftsschichten. Es ist nicht das erste Mal, dass del Buono den Unfalltod ihres Vaters zum Thema macht. Während der Suche stöbert sie in alten Texten, in denen sie davon schreibt, und in ihrem 2020 erschienenen Roman Die Marschallin, der die Lebensgeschichte ihrer Grossmutter väterlicherseits erzählt, schwingt der Verkehrsunfall ebenfalls mit.

Hochachtung zwischen den Zeilen

Es bereitet grosses Vergnügen, del Buono auf ihrer Suche zu begleiten. Sie wirft einem in jedem Kapitel neue Gedankengänge hin, mal als stichwortartige Listen, mal in Form von wiederkehrenden Gesprächen mit ihren lieben Bekannten, der Psychiaterin Isadora und dem Autor und Raumgestalter Henri, mal als spitze Klammerbemerkung. Das alles wirkt nie gestellt oder gestaltet, sondern unterstreicht den vielschichtigen und manchmal auch ausweichenden Suchprozess mit sprachlichen Mitteln. So kommt immer wieder das wohlige Gefühl auf, der Autorin beim Denken und Begreifen beizuwohnen.

Dabei schreibt sie über so viel mehr als über die Suche nach E.T. und ihrem Vater. Es geht auch um «Tschinggelemore», Slowenien im Ersten Weltkrieg, Verdingkinder, Anna Göldi, Hängetitten oder die Aidspandemie in den 1980er-Jahren. Und zwischen den Zeilen ist immer wieder die enorme Hochachtung für ihre Mutter zu spüren, die alleinerziehende Witwe und Akademikerin, die sie kaum je beim Vornamen nennt. Aber auch das Bedauern, dass ihre Mutter stets mit ihrer Trauer über Manfredis Tod allein bleiben wollte. Das Buch könnte genauso gut Ihretwegen heissen.

Seinetwegen steht völlig zurecht auf der Shortlist für den diesjährigen Schweizer Buchpreis, der am 17. November im Theater Basel verliehen wird. So bereichernd, unterhaltsam und vielfältig kontextualisiert wurde die Aufarbeitung eines Schicksalsschlages noch selten geschildert.

 

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