Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ich will nicht den Moralapostel spielen»

«Höhlenmord» heisst das neue Theaterstück von Dietmar Paul. Es basiert auf den Ereignissen des Kristallhöhlenmords, einem der bekanntesten Verbrechen der Ostschweiz. Seit 2012 ist die Tat verjährt – für den Regisseur «absolut unverständlich». Die Premiere ist am Freitag im Theater 111.
Von  Marion Loher
Eveline Ketterer als Sandra Schärer und Tobias Stumpp als Urs Brunner. (Bild: Das Klima)

Saiten: Herr Paul, Sie sind in Deutschland geboren und waren ein Jahr alt, als die beiden Mädchen 1982 in der Nähe der Kristallhöhle Kobelwald tot aufgefunden wurden. Weshalb handelt Ihr aktuelles Stück gerade vom Kristallhöhlenmord?

Dietmar Paul: Ich arbeite jetzt schon etwas länger in der Schweiz und habe durch die Medien von diesem Verbrechen erfahren. Ich war überrascht, als ich las, dass Mord in der Schweiz verjährt. In Deutschland und Österreich gibt es das nicht. In Deutschland wurde die Verjährung Ende der 1970er-Jahre abgeschafft, weil nach dem zweiten Weltkrieg viele Kriegsverbrecher untertauchten und man mehr Zeit brauchte, um ihnen den Prozess zu machen. Es ist für mich absolut unverständlich, dass ein Kapitalverbrechen wie der Kristallhöhlenmord verjähren kann, ohne jemanden je dafür belangt zu haben und man nach 30 Jahren auch keine Möglichkeit mehr hat, den Fall aufzuklären.

Das Verbrechen ist seit sechs Jahren verjährt. Weshalb bringen Sie das Theaterstück jetzt auf die Bühne?

Wäre ich vor sechs Jahren in St.Gallen gewesen, hätte ich es damals gemacht. Mir ist das Thema Verjährung sehr wichtig, und das ist heute genauso aktuell wie damals. Gerade eben ist wieder ein Buch herausgekommen, in dem es um ungeklärte Morde geht und die Frage, in wie weit die Verjährung sinnvoll ist. Mit dessen Autor, Walter Hauser, habe ich mich intensiv ausgetauscht. Bei meiner Recherche habe ich auch gemerkt, dass das Thema die Leute interessiert und viele, genau wie ich, nicht verstehen können, weshalb die Verjährung nicht aufgehoben wird. Ich weiss, dass es in der Politik auch schon Bestrebungen in diese Richtung gegeben hat, getan hat sich bisher aber nichts.

Der Kristallhöhlenmord:

Im Sommer 1982 verschwanden die 15-jährige Karin Gattiker und ihre zwei Jahre ältere Freundin Brigitte Meier auf ihrer Velotour durch die Ostschweiz in Oberriet. Am 31. Juli wurden die beiden Goldacherinnen zuletzt lebend gesehen. Neun Wochen später entdeckte ein Wanderer ihre Leichen im Wald, nahe der Kristallhöhle Kobelwald. Die Todesursache blieb unbekannt, die Polizei ging jedoch früh von einem gewaltsamen Tod aus. Ein Täter wurde nie ermittelt, der Fall nie aufgeklärt. Seit 2012 ist die Tat verjährt, die Beweise wurden vernichtet.

Dann steckt hinter dem Stück Höhlenmord auch eine politische Botschaft?

Zumindest wünsche ich mir, dass die Öffentlichkeit über das Thema diskutiert. Ich mag aber nicht mit erhobenem Zeigefinger dastehen und den Moralapostel spielen.

Sondern?

Im Zentrum des Stücks steht nicht unbedingt der Mord, sondern vielmehr die Folgen eines solchen Verbrechens – vor allem für die Hinterbliebenen. Sandra, die Zwillingsschwester von einer der beiden ermordeten Mädchen, hat ihr Leben der Suche nach dem Täter gewidmet. Kurz vor der Verjährung kommt sie mit neuen Beweisen, die den Schuldigen überführen könnten. Doch der zuständige Staatsanwalt weigert sich, den Fall wieder aufzurollen. Sandra steigert sich hinein, kann nicht loslassen und greift zu drastischen Mitteln. Die beiden Schauspieler Eveline Ketterer und Tobias Stumpp schaffen es ausgezeichnet, die innere Zerrissenheit der Figuren spürbar zu machen.

Weshalb haben Sie als Protagonistin die Zwillingsschwester geschaffen?

Ich wollte keine Nacherzählung der Ereignisse des Verbrechens, also nicht die Opfer exponieren. Dennoch suchte ich die bestmögliche Authentizität, und mit einem eineiigen Zwilling ist es fast so, als wenn der Mensch, der damals getötet wurde, 30 Jahre später auf der Bühne steht. Die Zwillingsschwester kann stärker als andere Geschwister darstellen, was aus dem Menschen geworden wäre, würde er heute noch leben. Im Stück gibt es eine Stelle, wo Sandra zum Staatsanwalt sagt: «Schau mir in die Augen. Es sind ihre Augen, ihre Lippen, es ist ihre Stimme.»

Premiere: 5. Oktober, Theater 111 St.Gallen
Weitere Vorstellungen: 6.10., 9., 10., 16. und 17. November (Theater 111) sowie am 3. (Tanzraum Herisau) und 30. November (Eisenwerk Frauenfeld).
dasklima.ch

Der «Höhlenmord» ist kein investigativer Krimi, sondern ein fiktives Drama. Haben Sie trotzdem eine Theorie, wer der Kristallhöhlenmörder sein könnte?

Wenn ich eine Theorie hätte, würde ich die sicherlich nicht laut sagen. Ich habe während meiner mehrmonatigen Recherche viel gehört und einiges erfahren, und die eine oder andere Theorie erscheint mir ziemlich plausibel.

Wer hat Sie bei der Recherche unterstützt?

Ich habe mit verschiedenen Leuten gesprochen, mit Richtern und Fallanalytikern, sogenannten Profilern, mit Menschen aus Goldach, welche die Familien der Opfer kannten, und mit der IG Kristallhöhlenmord. Ich habe aber nicht nur in Bezug auf die Mordopfer recherchiert, sondern auch mit Menschen geredet, die ebenfalls eine nahe stehende Person verloren haben, sowie mit Seelsorgern.

Hatten Sie im Vorfeld keine Bedenken, dass das Stück bei den Angehörigen der Opfer alte Wunden aufreissen könnte?

Natürlich hat mich das beschäftigt. Ich wusste aber auch, dass die Hinterbliebenen nicht darüber reden wollen. Deswegen habe ich auch eine eigene Geschichte entwickelt, zwar mit einigen Parallelen zum Kristallhöhlenmord, grundsätzlich aber total eigenständig.

Mit Höhlenmord bringt das Theaterensemble «Das Klima» sein siebtes Theaterstück auf die Bühne. Es ist nach Unter Null Ihr zweites Stück, das ein bekanntes Verbrechen der Ostschweiz thematisiert. Ist ein drittes regionales Krimi-Drama bereits in Planung?

Nein, unser Ansatz war ein regionales Thema aufzugreifen, das die Menschen in der Gegend interessiert. Dass es nun wieder ein Mordfall geworden ist, ist reiner Zufall. Eine besondere Faszination für Verbrechen habe ich nicht.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter