, 12. Januar 2018
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«Ich wollte Fragen erzählen»

Der 33-jährige Zürcher Cyril Schäublin zeigt mit «Dene Wos Guet Geit» seinen klugen Debutfilm im Kinok. Während seine strenge Ästhetik uns in jeder Einstellung herausfordert, macht sein trockener Humor unsere digitale Entfremdung umso spürbarer. Vor seinem Besuch in St.Gallen hat Timo Posselt ihn getroffen.

Szene aus dem Film.

Dene Wos Guet Geit ist ein Film über eine Enkeltrickbetrügerin in Zürich. Wie kommt man auf die Idee für einen solchen Film?

Nachdem ich in Peking und Berlin Film studierte, fand ich es eine schöne Herausforderung, in meiner Heimatstadt Zürich einen Film zu machen. Die Geschichte eines Enkeltrickbetrugs war dann ein guter roter Faden, um in diese Entdeckungsreise ins Wohlbekannte einzutauchen und Orte und Menschen in Zürich zu erkunden. Aber die Anfänge eines Films sind immer irgendwie geheimnisvoll.

Das Geheimnisvolle spürt man auch im Film. Wie ist aus diesem «Geheimnis» ein Film entstanden?

Es sind zuerst Fotografien und Zeichnungen von der Stadt entstanden. Viele Testszenen wurden zusammen mit Freunden gedreht, welche dann auch im finalen Film eine Rolle spielten. Die Entwicklung des Drehbuchs fand also organisch und in Einklang mit diesen Arbeiten statt. Das Frühstadium des Projekts fühlte sich schon sehr konkret an, also bereits filmisch und nicht lediglich als abstrakte Textform des Drehbuchs.

Premiere in Anwesenheit des Regisseurs: 12. Januar, 19 Uhr, Kinok St.Gallen. Weitere Vorstellungen im Januar.

kinok.ch

Zürich zeigt ihr im Film in bedrückender Leere. Wie habt ihr diese Bilder eingefangen?

Die Erzählung des Films war schon zu Beginn in sogenannten Tableaus Vivants angelegt, für welche Zeichnungen, Skizzen und Fotografien entstanden. Zusammen mit Kameramann Silvan Hillmann sind wir dann für das Locationscouting wochenlang durch die Stadt Zürich und ihre Vorstädte wie Glattbrugg, Schlieren oder Dietlikon gefahren, um die passenden Ausschnitte für die Szenen zu finden.

Ihr zeigt Fussgängerknöpfe und Handscanner in Grossaufnahmen. Gleichzeitig gibt es eine Reihe von Anschlussfehlern, wo nach dem Schnitt etwas fehlt, was davor noch da war. Warum?

Wenn diese Einstellungen auffallen, freut mich das. Weil man als Zuschauer dazu angehalten wird, über das Gesehene und die Form an sich nachzudenken, und nicht wie so oft im Kino einfach auf den Leim geführt wird. Das erinnert mich an Brecht. Es war eine klare und bewusste Entscheidung, solche Momente im Film zu haben.

Als Recherche hast du mit Enkeltrick-Fahndern der Polizei gesprochen und in einem Altersheim gearbeitet. Worauf hast du geachtet?

Mir war es sehr wichtig, Situationen genau zu erkunden und vor allem mit Menschen zu sprechen, zu erfahren, wie Menschen, die wir im Film zeigen möchten, mit sich selber und den Räumen, die sie umgeben, umgehen. Viele Szenen des Films, etwa das Demenztraining im Altersheim oder die Begegnung einer Seniorin mit einem Bankangestellten am Schalter, ergaben sich direkt aus solchen Beobachtungen und Rechercheausflügen heraus.

Die Dialoge im Film sind teilweise sehr absurd. Es wird fast nur noch von Wifi-Passwörtern, Kundennummern und Versicherungspolicen gesprochen. Wie schreibt man solche Dialoge?

Hört man sich ein wenig um, sprechen Menschen in den Trams oft über ihre aktuellen Rechnungen oder Versicherungen. Und wir alle diktieren immer wieder dieselben Angaben zu unserer «Identität», wenn wir mit der Bank telefonieren. Wir tauschen unsere Hotspots und Passwörter aus, wenn wir Internet brauchen. Die besagten Codes sind fester Bestandteil unserer Sprache geworden. Weil es immer schön ist, wenn Menschen miteinander sprechen, war es natürlich ausser Frage und sehr wertvoll, diese Dialoge in unseren Film aufzunehmen.

Was hat es mit dem Titel auf sich?

In seinem Lied Dene Wos Guet Geit geht Mani Matter spielerisch der Frage nach der Verteilung von Besitz nach. Das war für uns ein schöner Leitstern.

Mit Filmen wie Chrieg von Simon Jaquemet, Cherry Pie von Lorenz Merz und Skizzen von Lou von Lisa Blatter erlebt das Deutschschweizer Kino gerade eine Welle starker Filme von Autorinnen und Autoren. Welche Verbindungen siehst du zwischen diesen Filmen und deinem eigenen?

Etwas, was uns nicht verbindet, ist, dass viele von ihnen an der Zürcher Hochschule Film studierten. Das haben wir nicht gemacht. Dennoch sind mit wir in ständigem Austausch. Man erfährt gegenseitig viel Unterstützung. Ausserdem haben viele von ihnen eigene Produktionsfirmen gegründet und ihre Filme selbst produziert. Das finde ich eine spannende Entwicklung. Wir haben ebenfalls unsere eigene Produktionsfirma gegründet. Die ganze Filmlandschaft in der Schweiz ist wahnsinnig beeinflusst von den Produktionsfirmen, und die ganze Förderpolitik hängt damit zusammen. Man muss eigentlich eine grosse Produktionsfirma haben, um überhaupt Fördergelder zu bekommen. Das beeinflusst sicher die Filme, ob negativ oder positiv sei jetzt mal dahingestellt.

Wie war es, für diesen Film Geld aufzutreiben?

Jeder Film birgt ein gewisses Risiko. Für viele Förderstellen ist es wichtig, dass diese Risiken in Form von kompakten Drehbüchern oder dem Hintergrund einer etablierten Produktionsfirma so minim wie möglich gehalten werden. Wir glaubten aber fest daran, dass ein offener Prozess mutigere Entscheidungen einfordern würde. Meine wichtigsten Lehrer an der Filmschule Berlin, Lav Diaz und James Benning, forderten die Studierenden auf, sich nicht einer «Diktatur des Drehbuchs» zu unterwerfen. Also anstatt mit einem Film abgefertigte Antworten zu präsentieren, Fragen zu erzählen. Eine solche Art Filme zu machen, birgt vielleicht mehr Risiken für die Geldgeber, weshalb wir uns sehr über das Vertrauen und die positive Unterstützung der Zürcher Filmstiftung gefreut haben.

Welche Vorteile hat die eigene Produktionsfirma?

Man kann unabhängiger arbeiten, wenn man sich selber produziert. Das ist wertvoll. Ich wünsche mir natürlich sehr, dass mehr junge Produktionsfirmen von den Förderstellen das Vertrauen bekommen, ihre Filme zu machen.

Hast du schon ein neues Projekt?

Ja, Silvan Hillmann und ich haben auch schon mit der Recherche angefangen. Der Film handelt von Russischen und Schweizer Anarchisten in den jurassischen Uhrenfabriken des 19. Jahrhunderts.

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