, 23. Dezember 2020
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IG Velo jasst schieber.ch

Immunium® Akut #23 aus unserem Dezemberheft: Daniel Kehl freut sich jeden Freitag auf Bülbül, Fasthand und die Nachwuchs-Hoffnung Maxderdax. Und er hat jetzt ein Headset.

Freitagabend bin ich besetzt. Seit bald 40 Jahren. Als Einstimmung aufs Wochenende kicke ich mit Freunden. Danach gehen wir in eine Beiz, essen etwas und plaudern. Wir reden über Politik und Fussball, sind ernsthaft und geistreich, eine Sekunde später witzig und seicht, kurz danach schon wieder in einer feurigen Debatte. Zum Abschluss entspannen wir uns bei einem Jass. Der Abend ist ein grandioses Gesamtpaket.

Wir dachten: So wird es ewig weitergehen. Sollten wir eines Tages nicht mehr rennen und tschutten können, so würden wir uns halt direkt in der Beiz treffen. Dann kam der Lockdown im März. Es war wie ein fieses Foul oder ein ungerechter Platzverweis: Freitag allein zuhause, ohne Freunde? Die Vorstellung war undenkbar, schal und langweilig.

Ein Bekannter hatte die Lösung: «Jasst doch digital mit schieber.ch.» Wir spielten den Jass am PC zusammen als Test durch. Als Nickname verpasste er mir ein idiotisches «Alpendedi». Wie die Kebab-Bude am Blumenmarkt.

Schliesslich machen acht Leute mit: Kickoff ist wie gewohnt um 20:15 Uhr. Zuerst werden vier verschiedene Teams ausgelost. Einer eröffnet einen digitalen Jasstisch und wartet. Dann melden sich Jasser/-innen aus der ganzen Schweiz. Sie heissen Steinpilz45, Bond-James-Bond, husch44, Moosalp, sandypandy oder Cordon- Rouge.

Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad

Was für Menschen verstecken sich hinter den seltsamen Namen? Der Neugier darf man nicht nachgeben, denn an meinem Tisch will ich ja nur die eigenen Freunde haben.

Der Älteste in unserer Runde tauft sich «Bülbül», gleich wie der auffällige Singvogel in Afrika. Ein anderer, leidenschaftlicher Freizeitgitarrist, nennt sich «Fasthand». Der grosse Verehrer von Diego Maradona ist die «Legende». Unsere Nachwuchs-Hoffnung läuft als «Maxderdax» auf.

Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.

Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.

Nach dem ersten Abend merken wir, dass es gut ist, aber nicht so gut wie sonst. Wir eröffnen mit den Handys einen Chat und können so den Ton live mitlaufen lassen. Es ist wie vorher im «Adler». Man weiss im Voraus, was jeder sagt, wenn es gut oder eben katastrophal läuft. «Cartas miserablas», klagt jeweils unser Heimweh-Bündner «Pieder».

Jeder hockt allein in seiner Stube und doch sind wir uns nah. Es gibt drei Spielrunden in jeweils neuer Kombination. Einige quasseln permanent und kommen kaum zum Jassen. Andere schweigen cool und konzentriert. Manchmal wird es laut wie im «Adler». Meine Frau schenkt mir deshalb ein neues Gaming-Headset. Das Problem: Zwar hört sie nun meine Mitspieler nicht mehr, ich aber rede jetzt doppelt so laut.

Zwischen März und Mai spielen wir elf Freitagabende lang durch. Jedes Spiel, jeder Abend ist anders und überraschend. Im Sommer kehren wir nach dem Tschutten in den «Adler» zurück. Köbi und Maria begrüssen uns freudig. Maria weiss genau, was ich in der ersten Runde trinke. Sie bringt es ohne Bestellung an den Tisch.

Manchmal schauen wir zurück und sagen: «Digital war gut. Aber das Original ist besser.» Seit November treffen wir uns wieder online zum Jassen. Ich freue mich schon den ganzen Tag auf Bülbül, Fasthand und die anderen Freunde.

Daniel Kehl, 1962, ist Lehrer und St.Galler Stadtparlamentarier.

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