Saiten: Paul Grüninger ist seit 1993 rehabilitiert, er wurde posthum weltweit geehrt, 1998 folgte die Stiftungsgründung, es gibt den Grüninger-Preis, zwei Grüninger-Filme, Grüninger-Theaterstücke und so weiter. Kann man, 50 Jahre nach seinem Tod, quasi das «Ende der Geschichte» im Fall Grüninger feiern?
Stefan Keller: Nein, es ist kein Ende. Aber ein Abschnitt ist zu Ende gegangen. Wir haben am 14. Januar Ruth Roduner-Grüninger beerdigt, die Tochter von Paul Grüninger. Auch wenn die Rehabilitierung Grüningers ein zentrales Anliegen war, ging es stets um mehr: Er ist eine Symbolfigur für Fragen des Widerstands und der Menschenrechte überhaupt. Die Tätigkeit der Stiftung war daher auch von Beginn weg stärker in die Zukunft als in die Vergangenheit gerichtet. Sie will unter anderem Leute auszeichnen, die in einer vergleichbaren Situation, wie sie Grüninger erlebt hat, ähnlich oder in seinem Sinn handeln. Grüninger wurde damals alleingelassen. Der Paul-Grüninger-Preis sagt den Preisträgerinnen und Preisträgern von heute: Ihr seid nicht allein.
Paul und Alice Grüninger-Federer mit der im Dezember 2021 100jährig verstorbenen Tochter Ruth 1922.
Kannst du präzisieren, was die Symbolkraft der Person Grüninger 50 Jahre nach seinem Tod ist?
Paul Grüninger hat im Grunde das Selbstverständliche getan: Er hat Verfolgte nicht in den Tod oder zurück in die Verfolgung geschickt, sondern ihnen geholfen. Das war eine Position, die er vertreten hat, obwohl es niemand von ihm erwartete und obwohl ähnliche Figuren, wie etwa der Thurgauer Polizeikommandant, das Gegenteil taten.
Eine Ausnahmeerscheinung?
Die Frage ist für mich: Wie haben es die anderen geschafft, nicht so zu handeln wie er? Da stehen Menschen vor dir, die um ihr Leben betteln, und du schickst sie zurück zu den Mördern! Wie kann man das tun, wie bringt man es über sich? Grüningers Motivation ist daher überhaupt nicht rätselhaft, sondern sehr verständlich. Die Position der anderen ist rätselhaft.
Podium im Palace
Am 22. Februar, dem 50. Todestag von Paul Grüninger, organisiert das St.Galler Palace ein Podium. Historiker Stefan Keller, Ständerat Paul Rechsteiner, die Fribourger Geschichtsprofessorin Christina Späti und Dina Wyler, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, diskutieren über Grüningers Einsatz für die Flüchtlinge, den langen Kampf für seine Rehabilitierung sowie erinnerungspolitische Herausforderungen der Gegenwart.
22. Februar 20.15 Uhr Palace St.Gallen
Und eine andere Frage ist ja: Warum war der Widerstand, Grüninger zu rehabilitieren, in der St.Galler Politik so heftig und andauernd?
Vielleicht genau aus diesem Grund. Weil so klar war, dass er das einzig Richtige tat. Diese Einsicht konnten die Behörden nicht zulassen. Sie haben wohl befürchtet, der Staat fliege ihnen um die Ohren, wenn sie Grüninger posthum recht geben. Zudem, und das war doppelt subversiv: Grüninger war kein Linker. Er war Mitglied der Freisinnigen Partei, ein bürgerlicher Mann – wenn so einer, der mitten in der Gesellschaft lebte, diesen Mut und diese Humanität aufbringen konnte, dann hiess das: Die anderen hätten das auch tun können.
Das war der Hemmschuh für eine Rehabilitierung?
Es war ein Stachel in der Geschichte. Hans Rohrer, SP-Polizeivorstand in den 1990er-Jahren, hat mir einmal im Gespräch gesagt: Wenn wir Grüninger rehabilitieren und nächste Woche einen kurdischen Flüchtling in Kloten ausschaffen wollen, und der Polizist lässt ihn in Winterthur frei mit dem Argument: Grüninger habt ihr ja auch rehabilitiert – was machen wir dann…? Man hatte Angst vor Konsequenzen, vor dem Eingeständnis, dass wir uns auch heute noch unmenschlich verhalten.
Gibt es heute noch blinde Flecken, was die Schweizer Flüchtlingspolitik oder das Schicksal von Fluchthelfer:innen betrifft? Oder ist die Geschichte im Prinzip aufgearbeitet?
Es gibt bis heute keine Gesamtschau der illegalen Flüchtlingshilfe oder, wie ich es lieber nenne, des Widerstands in der Schweiz während des Nationalsozialismus. Von 2003 bis 2008 wurden die Fluchthelfer und Fluchthelferinnen zwar durch die Bundesversammlung rehabilitiert, wir haben seitens der Grüninger-Stiftung rund 50 Fälle für die entsprechende Rehabilitationskommission dokumentiert. Die Akten dieser Leute sind noch da, auch mündliche Quellen wurden gesichert. Was fehlt, ist eine zusammenfassende Darstellung.
Ruth Roduner ist mit 100 Jahren gestorben. Fast alle Zeitzeugen und Zeitzeuginnen sind tot. Was bedeutet das für die Geschichtsschreibung?
Der vermutlich letzte noch lebende Flüchtling, den ich im Fall Grüninger interviewte, Erich Billig, ist im Sommer 2020 gestorben. Ich bin froh um jeden Zeitzeugen, der irgendwann interviewt worden ist, denn Akten geben fast immer nur die Sicht der Beamten wieder. Die Phase, in der man Zeitzeugen – die Shoa-Überlebenden – befragte, war allerdings kurz. Man fing viel zu spät damit an und sie starben der Forschung weg.
Joseph Spring und sein Cousin Sylver Henenberg im Winter 1943. Kurze Zeit später wurden sie von Schweizer Beamten der Gestapo übergeben. (Bild: Familienbesitz)
Ich selber habe nach Grüningers Fall ein Buch über Joseph Spring geschrieben, der als 16-Jähriger von Schweizer Grenzbeamten der Gestapo ausgeliefert wurde, in Handschellen. Er hat Auschwitz, weitere Lager und mehrere Todesmärsche überlebt und wird dieser Tage in Melbourne 95 Jahre alt. Spring kehrte zurück und führte im Jahr 2000 einen Wiedergutmachungsprozess gegen die Schweiz. Er verlor den Prozess vor Bundesgericht – die symbolische finanzielle Entschädigung wurde ihm jedoch zugesprochen, weil die Richter wohl ein schlechtes Gewissen hatten. Ich recherchierte damals für Spring einige Beweismittel und kurz vor dem Gerichtstermin entschieden wir, unabhängig vom Ausgang ein Buch daraus zu machen. So ist Die Rückkehr. Joseph Springs Geschichte entstanden.
Filme im Kinok St.Gallen
Grüningers Fall von Richard Dindo, mit anschliessender Diskussion: 24. Februar 19.45 Uhr
Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S., von Richard Dindo und Niklaus Meienberg: 27. Februar 11 Uhr
kinok.ch
Die Kantonsschule St.Gallen führt am Todestag des Polizeikommandanten einen Grüningertag durch. Was soll heutigen Jugendlichen in Sachen Grüninger vermittelt werden?
Wir stellen fest, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene auch in St.Gallen gar nicht wissen, wer Paul Grüninger war und was er tat. Die Generation, die heute um 30 Jahre alt ist, hat die Auseinandersetzung um die Rehabilitierung gerade noch mitbekommen, aber Jüngere kennen oft nicht einmal mehr den Namen. An der Kantonsschule wird das Thema nun von Lehrpersonen und Schülern aus verschiedenen Blickwinkeln untersucht und diskutiert. Vertreter der Paul Grüninger Stiftung werden präsent sein und Auskunft geben. Unser Anliegen ist es schlicht, zu erzählen, wer Grüninger war. Nach meiner Erfahrung finden Jugendliche die Geschichte spannend.
Der Grüninger-Preis ehrt alle paar Jahre Menschen, die sich für Geflüchtete stark machen. Hat der Preis Wirkung? Was konnte die Stiftung bewegen?
Die Wirkung ist schwer abzuschätzen, aber im Einzelfall konnten wir sicher einiges bewirken. 2019 haben wir die Crew des Rettungssschiffs «Iuventa» ausgezeichnet. Zum einen konnte sie das Preisgeld für den Prozess einsetzen, der ihr in Italien gemacht wurde, zum andern fand im Rahmen der Preisverleihung eine Tagung kriminalisierter Fluchthelferinnen und Fluchthelfer in St.Gallen statt. Der Preis hat die Crew hoffentlich ermutigt und ihr Solidarität signalisiert, eben: Ihr seid nicht allein.
2019 mit dem Paul Grüninger-Preis ausgezeichnet: Das Rettungsschiff Iuventa im Mittelmeer. (Bild: pd)
Wichtig ist: Der Preis soll stets eine Intervention sein und für die Ausgezeichneten Öffentlichkeit schaffen. Dieses Jahr startet eine neue Ausschreibung, ein nächster Paul Grüninger Preis wird im Frühling 2023 verliehen.
Auf dem Mittelmeer oder an der weissrussischen Grenze spielen sich schreckliche Dramen ab. Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Sind wir immer noch gleich weit wie damals?
Man kann Geschichte und Gegenwart vergleichen, aber sicher nicht gleichsetzen. Dass einer im Jura der Gestapo übergeben wird und direkt ins Vernichtungslager kommt, ist unvergleichlich. Heute sind die Situationen anders, diffuser, weiter weg, auch bequemer für uns, denn die Menschen ertrinken nicht im Bodensee, sondern im Mittelmeer, sie werden nicht in Rorschach ans Ufer gespült – man kann gut wegschauen. Ich bin trotzdem optimistisch und glaube: Es hat sich manches zum Positiven verändert. Heute ist klarer, was Unrecht ist und was Recht. Alle wissen, dass es ein Unrecht ist, was im Mittelmeer passiert. Aber es wird vielleicht einmal historische Arbeiten darüber geben, was wir gewusst und geduldet haben. Man wird fragen, warum wir nichts unternommen haben. Dennoch glaube, ich, dass wir aus der Geschichte stets lernen.
Was lernen wir also aus dem Fall Grüninger?
Von Grüninger und den anderen Fluchthelfern kann man lernen, dass jemand, auch wenn es aussichtslos erscheint, handeln kann. Und dass es darauf ankommt, etwas zu tun. Viele sagen: Man habe damals eben nichts machen können. Aber man konnte. Das ist auch staatsbürgerlich eine nützliche Lehre: Es gibt stets Möglichkeiten, etwas zu tun, Widerstand zu leisten. Wobei das Wort Widerstand Grüninger sicher nie in den Sinn gekommen wäre. Er hat einfach getan, was er aus menschlicher Sicht für richtig hielt. Er glaubte, ein paar andere würden das auch so sehen. Doch als der Druck anstieg, hielt keiner mehr zu ihm. Du kannst etwas tun: Das ist die Lehre aus Paul Grüningers Geschichte.
Stefan Keller, Journalist und Historiker, hat 1993 das Buch Grüningers Fall geschrieben, das Grundlage für die spätere Rehabilitierung Paul Grüningers war.
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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