Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ihre Freiheit ist eine Lüge»

Der ganz normale Irrsinn.150 Menschen protestieren am Samstagmorgen in der St.Galler Innenstadt gegen allerlei: Impfzwang, Corona-Massnahmen, Diktatur. Und die Polizei prügelt sich durch eine harmlose Gegendemonstration. Beobachtungen und offene Fragen. von Matthias Fässler
Von  Matthias Fässler , 
Der «Stille Protest» am 14. November 2020 in St.Gallen. (Bild: Matthias Fässler)

Die Herbstsonne scheint, Menschen shoppen sich durch die systemrelevante Innenstadt. Der Gallusplatz hat sich mittlerweile fast geleert, da präsentiert der Kommunikationsbeauftragte der Stadtpolizei die hastig zusammengeschusterte und vom Einsatzleiter diktierte Bilanz dieses Samstagmorgens: eine friedliche Demonstration gegen die Coronamassnahmen, eine illegale Gegendemonstration, gegenseitige Provokationen, ein Angriff auf Polizisten, Schlagstockeinsatz, keine Verletzten, dafür Anzeigen gegen zwei Gegendemonstranten.

Ganz schön was los also. Die grösseren und koordinierten Coronaproteste sind mittlerweile auch in St.Gallen angekommen. Nur, was genau ist passiert? Und wie benutzt man einen Schlagstock, ohne Menschen damit zu verletzen? Vielleicht ist es doch ein bisschen komplizierter.

Mehr als schiefe Vergleiche

Am Tag zuvor hatte das BAG 6739 Neuinfektionen vermeldet, europäischer Spitzenwert, wenn man die Zahlen herunterrechnet. Dazu 97 neue Todesfälle, 262 Spitaleinweisungen. Mittlerweile haben die Intensivstationen in einigen Kantonen ihre Kapazitätsgrenze schon fast erreicht. Doch während Spitäler und wissenschaftliche Gremien wegen steigender Infektionszahlen und fehlendem Gesundheitspersonal Alarm schlagen, fürchten sich andere vor einer «Gesundheitsdiktatur».

Zwei davon stehen an diesem Morgen unter der grossen Linde auf dem Gallusplatz: Martin und Simone Ehrismann. Als Teil des Vereins «Reaktion» haben sie zur Demonstration gegen die Coronamasssnahmen aufgerufen. Am Ende werden es rund 150 Personen sein, die sich ihnen anschliessen und in weissen Schutzanzügen und mit Plakaten ausgerüstet durch die Innenstadt ziehen.

Darauf sind Sprüche zu lesen wie: «Gehorche», «WHO allwissend», «Hinterfrage nicht», Gandhi wird zitiert, Benjamin Franklin. Kein Zitat zu grossspurig, um auf das Unrecht zu verweisen, das einem da grad widerfährt, weil man in der Migros eine Maske tragen muss oder in Restaurants nur noch zu viert an einen Tisch sitzen darf.

Doch es bleibt nicht bei Gandhi und Franklin: Obwohl die OrganisatorInnen im Telegram-Chat, über den hauptsächlich mobilisiert wurde, angekündigt hatten, dass «suggestive Botschaften zum 2. Weltkrieg oder den (sic!) Holocaust», wie etwa «Impfen macht frei», nicht zugelassen würden, tauchen gleich mehrere Schilder mit ebendiesen Botschaften auf. Oder auch: «Gehorsam macht frei».

«Kein Problem», finden die Ehrismanns auf Anfrage, es sei schliesslich ein Hinweis auf das aktuelle Geschehen und habe nichts mit der Nazi-Zeit zu tun.

Es sind mitunter solche antisemitischen Inhalte auf den Coronademonstrationen, die befürchten lassen, dass die Proteste auch als Mobilisierungsfeld für Rechtsextreme genutzt werden können. In Deutschland laufen gerade regelmässig bekannte Neonazis in den ersten Reihen der Demonstrationen mit und sind an Angriffen auf die Polizei beteiligt.

Auch in der Schweiz gibt es vereinzelt Anzeichen dafür: So rief etwa Ignaz Bearth, Mitglied der PNOS und einstiger Sprecher der erfolglosen Pegida Schweiz, ebenfalls dazu auf, am Stillen Protest in St.Gallen teilzunehmen. Er wohnt in der Ostschweiz.

Wiederum kein Problem, finden die Ehrismanns. Zwar grenze man sich von Rechtsextremismus ab, aber wenn Leute aus diesem Spektrum an der Demonstration teilnehmen wollten, ohne Gewalt, ohne Krawall, dann sei das natürlich möglich.

Auch weil sich solche Proteste noch immer zu wenig gegen rechts abgrenzen und es Anzeichen gab, dass mehrere Rechtsextreme teilnehmen könnten, organisierten sich im Vorfeld lokale Antifa-Gruppen. Am Tag selber bleibt es diesbezüglich dann jedoch ziemlich still. Scheinbar beschränken sich Neonazis gerade darauf, martialische Bergsteigervideos zu drehen und auf Dächern rumzuposieren.

Klangschalenaktivismus

Die Demonstration am Samstag war nicht der erste Stille Protest dieser Art. Bereits in Schaffhausen und Zürich fanden ähnliche Aktionen statt, allerdings in deutlich kleinerem Rahmen.

Bislang ist es dem Verein und der noch sehr bescheidenen Protestbewegung gegen die Coronamassnahmen nicht gelungen, eine politische Öffentlichkeit herzustellen, die über diesen höchst symbolischen und diffusen Klangschalenaktivismus hinausgeht. Auch wenn es ihr an diesem Samstag durchaus gelang, die Aufmerksamkeit in der Stadt auf sich zu ziehen, fehlt es an konkreten Forderungen und einheitlichen Positionen.

Für linke Gegenproteste bedeutet das immer auch ein Dilemma: Wie protestiert man gegen solche Aktionen und Vereine, ohne sie grösser zu machen als sie sind? Und wie sorgt man dafür, dass bei all dem Abreagieren daran und der potentiellen Gefahr rechter Mobilisierungen andere Fragen nicht vergessen gehen: etwa jene, wer diese Krise bezahlt und wie wir es schaffen, das Geld bei jenen zu holen, die von der Krise profitieren. Oder wie es sein kann, dass gerade Wirtschaftsverbände und -lobbys der Bundesregierung den Takt vorgeben und weitere wichtige Massnahmen blockieren. Oder wie wir es hinkriegen, Pflegearbeit besser zu entlöhnen.

Keine einfachen Fragen, und natürlich das Mindeste, dem Coronaprotest zu sagen, was man von ihm hält. Während das die einen mit Plakaten und unmissverständlichen Botschaften taten («Gönd hei»), wiesen andere auf das beschränkte Freiheitsverständnis der Coronaproteste hin («Ihre Freiheit ist eine Lüge»), die sich erst dann politisch zu engagieren scheinen, wenn die eigenen Freiheiten und Eitelkeiten betroffen sind. Und eben nicht von einer Freiheit ausgehen, die Solidarität mit anderen beinhaltet.

Stapo ausser Rand und Band

Und natürlich bleiben auch noch andere Fragen offen, die sich vor allem die Polizei gefallen lassen muss. Sie war es, die mit übermässiger Härte auf eine kleine Gruppe reagierte, die sich hinter einem Transparent auf dem Gallusplatz versammelt hatte, als der Stille Protest wieder am Ausgangsort eintraf.

Die rund 30 AktivistInnen des Gegenprotests standen etwa 20 Minuten von den Bereitschaftspolizisten unbehelligt auf dem Platz, Personenkontrollen wurden zu diesem Zeitpunkt nicht vorgenommen.

Als sich die friedliche Gruppe danach in Richtung Innenstadt auflösen wollte, stürmten mehrere mittlerweile eingetroffene Beamte in die Gruppe hinein, wohl um Personenkontrollen vorzunehmen. Dabei prügelten sie mehrmals mit Schlagstöcken auf DemonstrantInnen ein, wobei sich – entgegen der Darstellung der Polizei – mehrere Personen leichte Verletzungen zugezogen haben.

Die Polizisten wirkten dabei so überfordert und unkoordiniert, dass es keine Überraschung war, dass innerhalb der GegendemonstrantInnen Panik ausbrach. Der von der Polizei später konstruierte «Angriff» auf die Beamten war nichts weiter als der Versuch der GegendemonstrantInnen, ihre Kollegen von der Polizei wegzuziehen.

Auch die TeilnehmerInnen des Gegenprotests widersprechen der Darstellung der Polizei.

Damit bleiben auch die Frage und die Skepsis, ob es nicht dieselben autoritären Sehnsüchte sind, die in den Augen der schlagstockschwingenden Polizisten aufblitzen, wie jene Gelüste, die sich hinter manchem der Schilder des Protests gegen die Massnahmen verbergen – mögen sie sich noch so freiheitsliebend geben.

Der Polizei hätte klar sein müssen, dass sie die Situation eskalieren lässt, wenn sie die Personenkontrolle und -anhaltung um jeden Preis durchsetzen will. Sie hätte die ziemlich unspektakuläre und friedliche Gegendemonstration, die sie vorher so lange gewähren liess, ruhig abziehen lassen können. Mittlerweile jedoch, so bestätigen mehrere Quellen, telefoniert sie sich quer durch die Stadt und verteilt persönlich Vorladungen, um diesem scheinbar so ungeheuerlichen Gegenprotest Herr zu werden.

Man braucht nicht an Verschwörungen zu glauben, um zu merken, dass es hier auch darum geht, junge linke Aktivistinnen und Aktivisten einzuschüchtern und zu kriminalisieren. Gerade auch, wenn man bedenkt, wie geduldig die Polizei noch vor wenigen Monaten in St.Gallen gegen unbewilligte Coronademonstrationen am Bahnhof vorging und erst nach mehreren Durchsagen und direkten Gesprächen verständnisvoll Personenkontrollen durchführte. Und im Vergleich dazu am vergangenen Samstag kurzerhand und ohne Ankündigung den Knüppel aus dem Sack zieht.

Ginge es nach der kantonalen SVP, müssten die VeranstalterInnen von nicht bewilligten Demonstrationen künftig solche Polizeieinsätze gar noch selber berappen.

Ironische Pointe: Einigen GegendemonstrantInnen wirft die Polizei nun vor, gegen das Verbot von Menschenansammlungen von über 15 Personen im öffentlichen Raum verstossen zu haben. Der ganz normale Irrsinn.

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923