Ich erinnere mich noch gut, wie ich vor elf Jahren hier anfing. Als neo-bachelorisierte Journalistin, quasi frisch ab Presse, mit nur ein bisschen Erfahrung beim «Tagblatt» und als Freie. Saiten war der perfekte Ort für «meinen» Journalismus: mit Haltung. Und der Laden hatte etwas Anrüchiges, Freies, Wildes. Unangepasst im besten Sinn. Schon damals hatte man manchmal Mühe, sich auf den eigenwillig gestalteten Heftseiten zurechtzufinden. Als gelernte Grafikerin gefiel mir das natürlich.
Ich bewundere alle unsere Vorgänger:innen. Vor allem die ersten Saitenjahre waren geprägt von grossem Pioniergeist und ebenso grossen Geldsorgen. Es war ein Herzensprojekt. Für manche war Saiten eine Zwischenstation, vielleicht eine Lebensphase, dann zogen sie in grössere Städte, grössere Häuser, grössere Redaktionen. Ein Sprungbrett eben. Eine ehemalige Saitenredaktorin und mittlerweile national verdiente Journalistin hat einmal gesagt, Saiten sei für sie «ein journalistischer Kleinmädchentraum» gewesen.
Das Heft ist 1994 aus der Kultur- und Musikszene heraus entstanden. Lange fühlte man sich vor allem ihr verpflichtet. Damals hiess es im Untertitel noch «St. Galler Kultur- und Musikmagazin». Auch das Schreiben an sich genoss einen hohen Stellenwert. Nebst Plattenbesprechungen und kolumnistischen Beiträgen findet man in alten Ausgaben etliche literarisch angehauchte Texte, auch fiktive. Zwischendurch ein blumiges Portrait.
Mit den Jahren ist Saiten immer journalistischer und auch politischer geworden. Und dicker. Das erste Heft bestand noch aus 20 Seiten, in den Nullerjahren hatte sich der Umfang bereits verdreifacht. Als ich 2013 bei Saiten anheuerte – wenig später feierten wir das 20-Jahr-Jubiläum –, war aus dem löchrigen Tretboot längst ein gutgetakeltes Segelschiff namens «Ostschweizer Kulturmagazin» geworden. Mit einer famosen Aussicht. Es gab keinen Grund, wieder abzuspringen und das Glück an anderen journalistischen Ufern zu suchen. Zudem sorgte rundherum die Medienkrise für reichlich Kollisionen: Etliche Redaktionen wurden ausgedünnt oder grad ganz geschlossen. Saiten blieb immer klein und wendig.
Die Erosion der Medien und ihr damit einhergehender Bedeutungsverlust ist ein Drama, nicht nur für die Demokratie. Auch in der Ostschweiz. Manche Lücken in der lokalen und regionalen Berichterstattung konnten wir füllen, obwohl Saiten nie dafür gemacht wurde. Damit wuchsen auch die Ansprüche – unsere eigenen und die von aussen. Wir haben uns in den letzten Jahren breiter ausgerichtet und weiter professionalisiert. Der Pioniergeist und (zum Teil) die Geldsorgen sind geblieben. Heute befahren wir das Ostschweizer Nebelmeer mit der allerbesten Crew weit und breit, egal welche Geister unser Schiff kreuzen. Nur eins ist seit den Anfängen fast unverändert: Saiten hat immer noch (nur) 2000 Abonnent:innen. Hier könnt ihr Mitglied werden: saiten.ch/abo.
Das erste Saiten ist am 1. April 1994 erschienen. Die aktuelle Ausgabe steht ganz im Zeichen dieses runden Geburtstags. Roman und Adrian Riklin werfen einen Blick zurück in die Gründungszeit, garniert mit Erinnerungen ihrer Mitstreiter:innen. Wir wollen uns aber auch vor den 90er-Jahren insgesamt verbeugen: Roman Hertler hat eine kleine Presseschau vom April ’94 zusammengestellt, Jürg Zentner schwelgt in Erinnerungen an die 90er in St. Gallen und Mia Nägeli erklärt, warum uns diese Dekade bis heute nicht loslässt. Die Foto-Lovestory zum 90er-Schwerpunkt haben Mindaugas Matulis und die Saiten-Grafik konzipiert. In den Hauptrollen: Luisa Zürcher, Basil Kehl, Skiba Shapiro und Neil Werndli.
Ausserdem im Jubelmonat April: Die Recherche zur Schliessung des Appenzeller Volkskunde-Museums in Stein, das Interview vor dem zweiten Wahlgang mit Regierungsratskandidatin Bettina Surber, ein postkolonialer Blick in hiesige Sakralbauten, allerhand Kultur und eine Pfahlbauer-Plakathommage von Can Isik.
Übrigens: Wir feiern die 30 Jahre imfall schono live. Immer mal wieder ein bisschen. Voraussichtlich im Juni findet das nächste Stadtgespräch mit Kubik & Fässler statt, da wird Saiten ein Thema sein. Zudem kooperieren wir dieses Jahr mit Eric Facon und seinem Kulturstammtisch-Podcast. Und am 21. September richten wir einen Kongress ganz im Zeichen des Kulturjournalismus aus – samt Fest am Abend. More to come! Und falls ihr uns und euch selbst das Jubeljahr ein bisschen versüssen wollt: Schickt uns eure drei liebsten Hits der 90er an redaktion@saiten.ch. Wir machen dann eine Playlist draus und teilen sie gerne. Hopp! (Corinne Riedener)
ReaktionenViel geklicktRedeplatz mit Peter Hartmann und Maria HuberStimmrecht SangmoBildfang: Der Tod fährt mit24/7 Traumacore von Mia Nägeli
Perspektiven
Blick zurück in die Gründungszeit: Adrian und Romal Riklin. (Bild: Florian Bachmann)
von Roman und Adrian Riklin
Wie hat sich die Welt den St. Galler:innen im Monat der Saiten-Erstausgabe präsentiert? News, Meldungen und Kuriositäten aus einer anderen Zeit, zusammengesucht in zwei St.Galler Zeitungen, die es längst nicht mehr gibt. von Roman Hertler
Laut, fröhlich und alles war möglich: Die 90er-Jahre fegten mit ihrem Optimismus und Hedonismus die Tristesse der 80er-Jahre aus den verknöcherten Gassen. Und ich war mittendrin. von Jürg Zentner
Zwischen Revival und Zukunftsangst: Was uns wieder und wieder in die 90ies zurückführt. Ein subjektiver Rückblick auf Schweine und Star Trek. von Mia Nägeli
von Mindaugas Matulis und D-O-M-E
In den Hauptrollen: Ron Rhythmus, Polly Politik, Hanna Headline und Michael Miteinander.
von Judith Altenau
Bettina Surber tritt zum zweiten Wahlgang als St. Galler Regierungsrätin an. Im Interview spricht die Anwältin und Sozialdemokratin über Folgen der (rechts-)bürgerlichen Mehrheit im Parlament, die grössten politischen Baustellen im Kanton und die schwierige Lage der Hauptstadt. von Corinne Riedener
Bild: Ladina Bischof
Kultur
Anfang April schliesst das Appenzeller Volkskunde-Museum in Stein. Nur temporär, aber die Zukunft ist ungewiss. Die Gründe dafür sind ebenso verworren wie die jüngere Geschichte des Museums. Es geht um Finanzen, Personalwechsel an Schlüsselpositionen, die Strategie des Kantons und die Pläne der Appenzeller Schaukäserei. von David Gadze
Bild: Louis Vaucher
Zur Aufarbeitung der kolonial-rassistischen Vergangenheit lohnt sich ein Blick in die Gotteshäuser. Eine Spurensuche in hiesigen Kirchen. von Ann-Katrin Gässlein und Hans Fässler
Waren die reichsten St. Galler im 16. Jahrhundert Sklavenhändler? Diesen und weiteren Fragen geht das Stadtarchiv im postkolonialen Themenmonat nach. von Roman Hertler
Werner Schweizer untersucht in seinem neuen Dokfilm die Affäre Flükiger. Die RAF, jurassische Separatist:innen und eine weisse Amsel spielen eine Rolle. Und die Schweizer Politik. von Corinne Riedener
Kolladderall veröffentlichen ihr erstes Album Chaot*ina. Ein Werk über Wut, Suchtprobleme, Transfeindlichkeit und Minderwertigkeitskomplexe. von Andi Giger
Benoît Billotte nutzt die Pflanzen für seine künstlerische Arbeit und stellt sie auch inhaltlich in den Mittelpunkt. Jetzt im Kunstzeughaus Rapperswil. von Kristin Schmidt
Salzhaus, Little WEF, Treppi, Phyne, Protestarchitektur
Analog im April
von Theresa Mörtl
Abgesang
Keller Geschichten: Heftli
Comic von Julia Kubik
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty