, 31. März 2017
keine Kommentare

Im April: Saiten im Angesicht des…

…Todes. Ein Heft über das Lebensende. Ausserdem: neue Kolumnen, neuer Kulturteil, neue Rubriken.

Jan Andersen, 27 Jahre. Geboren am 21. Februar 1978, gestorben am 14. Juni 2005 im Hamburg Leuchtfeuer Hospiz. (Bild: Walter Schels)

Frühling, alles will ans Licht, und Saiten schreibt vom Tod. Der scheinbare Gegensatz ist gewollt, und je nach Menschenbild hängt eins mit dem andern sowieso unauflösbar zusammen. «Media vita in morte sumus» hat Notker um das Jahr 750 in St.Gallen gedichtet – Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.

Das stimmte damals allerdings noch in einem wörtlicheren Sinn als heute. Vom Tod wollen in einer Zeit, in der die Lebenserwartung zumindest in der Wohlstandsschweiz bald einmal bei 90 Jahren liegt, viele nichts sehen und hören. Das Sterben soll möglichst unsichtbar und klinisch stattfinden – das ist zumindest die eine Seite der Realität. Die andere gibt es auch, und wir sind bei der Arbeit an diesem Heft vielfach darauf gestossen: Sterbebegleitung, Palliativmedizin, Patientenverfügungen, aber auch Sterbehilfe und andere ethische Fragen um das finale Selbstbestimmungsrecht werden mehr und mehr öffentlich diskutiert. Der Grund dürfte trivial sein: Die alternde Gesellschaft kommt um sie nicht mehr herum.

Und das Niveau der Diskussion ist hoch. Im Angesicht des Todes haben Plattheiten und Ideologien keinen Platz mehr. In diesem Heft kommen Menschen zu Wort, die sich aus persönlicher oder professioneller Betroffenheit mit Sterben und Tod auseinandersetzen: die Sterbebegleiterin, die Ärztin, die Sterbewillige auf ihren letzten Gang schickt, der Altersheimleiter und die 92-jährige Heimbewohnerin, die Betreuerin eines krebskranken Kindes, die Verfechterin des Freitods. Die Bilder stammen vom deutschen Fotografen Walter Schels, der Menschen vor und nach dem Tod porträtiert hat. Er lässt uns, wie hoffentlich die Texte auch, dem Tod ins Auge schauen.

Glücklich, wer dies gelassen tun kann. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann konnte es nicht – aus dem kürzlich aus dem Nachlass herausgegebenen Band Male oscuro mit «Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit» nach dem Zusammenbruch 1962 spricht eine quälende Rebellion gegen das «dunkle Übel», das die Autorin bis zum Tod 1973 nie mehr losliess. Es sind Anklagen an die Medizin und Traumnotate aus einem Seelengefängnis, zu dem sie und niemand sonst einen Schlüssel fand. «In diesen Anstalten hier kann man nicht überleben, man soll mich also lieber umbringen auf eine harmlose Weise», heisst es 1973 in einem Briefentwurf an den Verleger Siegfried Unseld. «Denn die Leiden sind furchtbar, unvorstellbar, tierisch, wenn das nicht ein falsches Wort wäre. Man leidet ja wie ein Mensch, das ist das schlimmste. Der grösste Irrtum der Psychiatrie ist, dass sie meint, der Kranke habe eine Zukunft. Die hat er eben nicht. Er hat die Krankheit, damit also die Vergangenheit, nichts als das. Er hat nichts anderes, er ist dort, wie ein Tiefkühlgemüse, festgefroren. Er hat die Endstation erreicht.»

Zeugnisse wie dieses gibt es vermutlich ebenso viele wie umgekehrt Erfahrungsberichte von der eigentümlichen Beglückung im Angesicht des Todes, wie dies etwa die Eltern des kleinen Vincent beschreiben. Bei dieser letzten aller letzten Fragen ist alles offen. Ausser das eine: Es trifft uns alle.

Weiter im Heft: der neu gestaltete, erweiterte Kulturteil, neue Kolumnen, neue Rubriken. Viel frühlingshafter Aufbruch also…

Peter Surber

 

Der Inhalt:

Reaktionen/In eigener Sache
Blickwinkel von Wassili Widmer
Stadtpunkt von Dani Fels
Stimmrecht von Gülistan Aslan
Redeplatz
 mit Pino Stinelli
Gastrecht
 von Rainer von Arx
Herr Sutter sorgt sich… von Bernhard Thöny
Evil Dad von Marcel Müller

Im Angesicht des…

Sterben: Versuch einer Annäherung
Psychoonkologin, Sterbebegleiterin und Ethiker geben Auskunft.
von Urs Fitze

Der Mann mit dem Schnauz
von O.G.

Schlaf, Chindli, schlaf
Wenn ein Kind stirbt: Die Betreuerin erzählt.
von Frédéric Zwicker

Grand Hotel der letzten schönen Tage
Ein Besuch bei Frau Kühn im Hof Riedern.
von Claudio Bucher

«Hätte ich den Eid geschworen, würde ich ihn brechen»
Interview mit Erika Preisig, Sterbehelferin.
von Frédéric Zwicker

Sterben lassen
von Corinne Riedener

Letzter Wille. Die Infos.

Elisabetta fährt nach Hause.
von Julia Sutter

Die Bilder zum Titelthema stammen von Walter Schels.

Perspektiven

Flaschenpost
 von Nina Keel aus London

#saitenfährtein: Frauenfeld

Im Eisenwerk, im Bücherreich.
von Peter Surber

Appenzell Ausserrhoden
Rheintal
Winterthur
Toggenburg

Kultur

Mystik und Wortlaut: Das Interview mit Hildegard Elisabeth Keller.
von Peter Surber

Kultursparen? Kulturmachen! Kultur fördern!
von Peter Surber und Josef Felix Müller

Gut so: Papst und Abstinenzler mit Album Nummer drei.
von Frédéric Zwicker

Zweimal Jugendtheater zum Ersten und Zweiten Weltkrieg.
von Inka Grabowsky

Wolfram Lotz: Rede zum unmöglichen Theater

Miklós Klaus Rózsa, Fotograf des Widerstands. 

von Michael Felix Grieder

Der Kulturparcours – quer durch die Ostschweiz.

Mixologie
 von Niklaus Reichle und Philipp Grob

Am Schalter im April: Daniel Ammann

Abgesang

Kehl buchstabiert die Ostschweiz
Kellers Geschichten
Charles Pfahlbauer jr.
Kreuzweiseworte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Julia Kubik

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!