«Teufen Factory» heisst die Schau im Zeughaus Teufen, unlängst eröffnet; sie erinnert an ein fast vergessenes Stück Ostschweizer Kunst-Geschichte: an 1963 und 1964, als in Teufen rund um ein Expo-Projekt ein wuslig-kreativer Geist herrschte. In St.Gallen erinnert die Ausstellung «Ricordi e Stima» an die italienischen Gastarbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg, mehr dazu im Heft. Trogen und Herisau verwandeln sich, für einen Film über das Frauenstimmrecht, in die 70er zurück. Die Mode zitiert die 90er, oder sind es gerade die Nuller oder die späten 80er? Wo man hinschaut: Rückblicke. Retrospektiven. Reaktionen.
Die Welt im Rückwärtsgang? Vermutlich ist die Sache vertrackter. Wenn das Theater St.Gallen Opern in historischem Gewand aufführt, ist das vielleicht retro, kann aber höchst lebendig ausfallen. Wenn Historiker Stefan Keller in Saiten Monat für Monat Trouvaillen ausgräbt, gräbt er zwar in der Vergangenheit, aber unter dem Staub kommen Fragen an die Gegenwart hervor. Wenn Theaterleute aus der Fremde zurückkehren und hier Heimat-Fragen stellen, so ist das ein Zurück, das zugleich nach vorne weist.
Warum das so ist? Weil Menschen am Werk sind. Und wo das der Fall ist, pathetisch gesagt: Wo Leben ist, gibt es kein Zurück. Aber, im guten Fall; Gegenwart und Zukunft im Wissen um das Vergangene. Rückblick mit Aussicht. Im schlechten Fall hingegen müffelt es nach Vorgestern und (politische) Hinterwäldlerei blockiert den Weg in eine lebenswerte Zukunft.
Ende der Theorie. Saiten hat das Thema praktisch interessiert. Wir fragen drei junge Frauen, was für sie «retro» heisst und ob sie konservativer sind als ihre Eltern. Wir betreiben Motivforschung bei Theaterleuten, die es zurück in die alte Heimat gezogen oder verschlagen hat. Wir porträtieren den Aus- oder vielmehr Umsteiger Stefan und seine Suche nach neuer Einfachheit. Und wir lassen uns von einem, der auszog, erklären, dass man nicht um jeden Preis zurückkommen muss – zumindest nicht ins Rheintal … Dazu Reflexionen über Retromania im Musik- und Kunstbetrieb, wie Simon Reynolds das Phänomen schon 2012 unter popkulturellen Vorzeichen auf den Punkt gebracht hat. Und zur Erinnerung an die spooky 90er: Fabio Zgraggens Illustrationen.
Weiter im Heft: Erkundungen im Kulturdorf Herisau. Eine Lobrede auf die Kleine Kunstschule. Rück- und Vorschauen auf das Ostschweizer Kulturgeschehen. Und ein Pferdeschwanz.
Peter Surber
Positionen/Reaktionen
Blickwinkel von Tamara JanesStadtpunkt von Dani FelsRedeplatz mit Monika Gähwiler-BrändleRetro I: Neulich im EngelRetro II: Requiem auf einen grossen Raum
Feminismus ist das neue VeganDrei junge Frauen über Christen, Drogen und Feminismus. von Corinne Riedener
Auf der Suche nach dem einfachen LebenEin Aussteiger auf Achse. Von Urs-Peter Zwingli
Zorn gegen den ZeitgeistFür eine neue Kunst des Widerstands. von Georg Gatsas
The beat repeats itselfDie Popmusik tritt an Ort und Stelle. von Damian Hohl
ZroggViele Theaterleute zieht es zurück in die Ostschweiz. Warum eigentlich? von Peter Surber
Bier im ExilVon einem, der aus der Provinz in die Stadt zog. von Samuel Tanner
Perspektiven
Flaschenpost von Tom Straub aus WienVorarlbergSchaffhausenThurgauAppenzell InnerrhodenStimmrecht von Yonas Gebrehiwet
Teil drei unserer Besuche in der Agglo rund um Gross-St.Gallen.von Peter Surber
Die Kleine Kunstschule ist ein Pionier der Kunstförderung. von Sarah Schmalz
Reisenotizen aus Kappadokien. von Rolf Bossart
Zwei Romandebüts von Ostschweizer Autorinnen. von Eva Bachmann
Die erste Biographie über den Immo-König Bruno Stefanini. von Urs-Oskar Keller
In St.Gallen ertönt ein 28-stündiges Musikstück. von Michael Felix Grieder
Lalier singt über das Sterben, die Liebe und Ponys. von Corinne Riedener
Legendäre Plattencover von Nirvana bis The Young Gods. von Katharina Flieger
Italienische Einwanderer in der Ostschweiz. von Peter Surber
Das vergessene Tschetschenien brennt noch immer. von Urs-Peter Zwingli
Nachtasyl / Weiss auf schwarz
Abgesang
Kellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung