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Im Bann des Virus

Vielleicht ist all das, was hier steht, ein paar Tage später längst nicht mehr lesenswert. Vielleicht ist es aber auch lesbar als Zeitdokument – als Chronik einer nie dagewesenen Situation. Mehr als ein «Vielleicht» gibt es nicht in diesen Corona-Zeiten. Der Beitrag aus dem «infizierten» Aprilheft von Saiten.
Von  Peter Surber

Man weiss gar nicht, wo anfangen, jetzt, Mitte März, zwei Tage nach diesem Freitag, dem 13., dem Tag, als der Bundesrat die Schulen und einen Teil der Grenzen geschlossen hat und die Schweiz in den Ausnahmezustand geriet, so wie ein Staat nach dem andern rundherum auch. Surreal, unfasslich, «unfuckingglaublich», wie der Kollege schreibt – man bleibt an den Wörtern stecken, das Denken dreht im Kreis.

Man möchte beim Heute anfangen, bei der Starre, die sich über das öffentliche Leben gelegt hat in kürzester Zeit, bei den geschlossenen Schulen, den sich jagenden Absagen, dieser plötzlichen Leere im Terminkalender und der Mischung aus Erleichterung und Schrecken, die damit einhergeht. Bei dem jähen Aha-Gefühl: Aha, es geht auch ohne das alles? Aber wie lange? Oder anfangen bei diesem Scheissgefühl am Montag früh im Hals, diesem leichten Kratzen, dem plötzlichen Schweissausbruch: Ist das jetzt Corona, hats mich auch erwischt, oder bloss ein Panikanfall, der vorbeigeht?

Aber das Reden von Heute fühlt sich schal an, untauglich, heute ist morgen schon wieder ganz anders, wer weiss, wie es dem Land und mir und uns allen in einer Woche geht oder in einem Monat.

Die Geburt der Religion aus der Pandemie

Vielleicht muss man, der historischen Einmaligkeit des Ganzen geschuldet, ganz vorne anfangen. Im Neolithikum. Der bis dahin nomadisch, als Jäger und Sammler sich bewegende Mensch wird nach und nach sesshaft, wird zum Tierhalter, die Population nimmt zu und mit ihr die Krankheitsanfälligkeit. Von den Tieren, so stellen es die Kulturgeschichtler Carel van Schaik und Kai Michel in ihrem Buch Das Tagebuch der Menschheit dar, springen Krankheitserreger über auf die Menschen,  Pest und Pocken, Karies und Masern, Grippe und Cholera. Der Dichtestress und die fehlende Immunabwehr tragen das ihre bei zum Entstehen von frühen Epidemien. Und, so die Theorie der Autoren, damit zur Entstehung von Religion: Der Mensch, rat- und kenntnislos angesichts der neuartigen Krankheiten, rettet sich in die Vorstellung von höheren Mächten, setzt auf die Existenz von Göttern, die als Strafe die Seuchen geschickt haben – die sich aber auch besänftigen lassen. Mit denen man «dealen» kann. Rituale, Opfergänge, Beschwörungen und Gebete sollen helfen, mit den übermächtigen Kräften in Austausch zu treten und den Krankheiten Paroli zu bieten. Die Autoren nennen es einen «Urknall der Kultur», Religion wird zur «Allzweckwaffe der kulturellen Evolution»: Regeln und Massnahmen werden formuliert und zu «Systemen der Krisenbewältigung» weiterentwickelt. Im Buch Mose im Alten Testament der Bibel tritt Jahwe als Krankheitserreger und Arzt in einem auf: Wer ihm gehorcht, wird verschont von Seuchen, wer sich widersetzt, über den kommen Aussatz und Pestilenz.

Die Geburt der Religion aus der Pandemie: Das ist, nimmt man wie die beiden Autoren die Bibel als «Tagebuch» der Evolution ernst, zumindest nachvollziehbar, mehr dazu unter anderem auch hier. Und es animiert dazu, sich zu fragen, was heute aus der aktuellen Corona-Pandemie «geboren» werden könnte.

Die Religion hat zumindest weitherum abgedankt, an ihre Stelle ist die Wissenschaft getreten mit ihrem ungeheuren Wissen um körperliche und seelische Vorgänge, um Ansteckung und Übertragungswege – und mit ihren dennoch weiterhin ebenso ungeheuren Lücken, was das Wissen über den Umgang und die Bekämpfung epidemischer Krankheiten betrifft. Gerade überbieten sich, Mitte März, die professionellen und die selbsternannten Epidemiologen mit Prophezeiungen, wie rasch sich das Virus verbreiten wird, wann die Seuche ihren «Peak» erreicht haben wird und wie man ihr Herr werden soll. Mehr testen? Weniger testen? Durchseuchen? Isolieren? Trotz allem medizinischem Fortschritt bleiben genau jene Fragen unbeantwortbar, die sich jeder und jede jetzt im Alltag stellt.

Wenn also nicht, wie damals im biblischen Altertum, die Religion zum Motor der Weiterentwicklung wird, was dann? Welche «Moral» die Gesellschaft der aktuellen Krise abringen wird, welche Schlussfolgerungen unsere und die folgende Generation aus dem Coronajahr 2020 (hoffen wir, dass es bei diesem Jahr bleibt) ziehen wird – darüber lohnt sich nicht einmal zu spekulieren, zu wenig absehbar sind zur Stunde noch die Wendungen, welche die Geschichte noch nehmen wird. Allerdings: Ein paar Einsichten liessen sich jetzt schon gewinnen. Dazu später, weil…

…. während ich dies am Schreiben bin, 16. März, wird grad der «Lockdown» verkündet vom Bundesrat. Alles zu, Grenzen, Beizen, Geschäfte, ausser die lebensnotwendigen. Immerhin: kein Ausgehverbot. Aber Kontakte möglichst nur noch, wenn sie unvermeidlich sind. Das schreibt sich so und ist zur Stunde noch unvorstellbar. Wird man sich daran gewöhnen?

Halten wir uns zuerst einmal noch ans Konkrete, Vorstellbare. Halten wir uns an die plötzlich zwar klein scheinende Frage: Wie geht es mit der Kultur in und nach den Coronazeiten weiter?

Die freie Kultur ungeschützt

In den Wochen bis zum ominösen 16. März jagten sich zum einen die Absagen – erst wurden Grossanlässe über 1000 Personen, dann kleinere mit mehr als 100 Personen verboten, Restaurants, Bars und Klubs durften noch maximal 50 Besucherinnen und Besucher aufnehmen, die Abstand-Vorschriften wurden verschärft, «Social Distancing» war und ist das Wort der Stunde. Das machte zuerst allen Festivals den Garaus, dann den grösseren Häusern, Theater, Konzerte, Vernissagen, Begehungen und Begegnungen aller Art mussten gestrichen werden, dann folgten die Kleineren und Kleinen, Tag für Tag nahm die Zahl der Anlässe ab und die Zahl der Absagen zu.

Parallel liefen die Diskussionen um Notmassnahmen auf Hochtouren – insbesondere für freischaffende Künstlerinnen und Künstler, für Techniker, Grafikerinnen, Caterer, Zulieferer, Gastronominnen, kurzum für den ganzen Wirtschaftszweig, der an «der Kultur» dranhängt. Vertreterinnen der Branchenverbände trafen sich mit dem Bundesamt für Kultur, das war am 12. März, eine Ewigkeit scheint das schon wieder her zu sein – und fanden provisorisch ermutigende Antworten auf die Krise. Der Bundesrat präzisierte am 13. März die Hilfsprogramme.

Im Einzelnen forderten die Berufsverbände und Interessengemeinschaften der Kulturschaffenden: temporäre Lösungen für die Arbeitslosenversicherung für Selbständigerwerbende und alle, bei denen die Kurzarbeit jetzt nicht greifen würde, unkomplizierten Zugang zu Kurzarbeit für alle KMU im Bereich Kultur, Kompensationen für ausgefallene Veranstaltungen, eine Notfallkasse für Kulturschaffende und Betriebe und den Erhalt der Fördergelder der Öffentlichen Hand und wenn möglich auch der privaten Stiftungen.

Die Finanzen sind nur das eine

Claudia Rüegsegger ist eine dieser Kulturschaffenden – zum einen in der freien Szene tätig als Gründerin und Leiterin des Momoll-Theaters in Wil, das mit Eigenproduktionen namentlich für Jugendliche eine 35-jährige Geschichte hat, und zum andern als Geschäftsführerin des Eisenwerks in Frauenfeld, einem der nicht minder traditionsreichen Lokale für Veranstaltungen und Kurse aller Art: Jazz, Literatur, Ausstellungen, Theater und anderes.

Das Eisenwerk hat am 16. März wie alle andern dicht gemacht. Claudia Rüegsegger lobt den Vorstand und das Team («wir waren uns sehr einig») und die Behörden: Noch gleichentags kam vom Kanton Thurgau und der Stadt Frauenfeld die Zusage, die Leistungsvereinbarung werde aufrechterhalten – auch wenn die Leistung nicht erbracht werden könne. Das heisse: Künstlergagen würden trotzdem bezahlt, für die bereits ausgefallenen oder noch ausfallenden Produktionen, aber auch für die Theaterpädagogik-Kurse, die ebenfalls gestrichen werden mussten. «Das war ein super Zeichen von Kanton und Stadt», sagt Rüegsegger. Auch die beiden Festanstellungen für Betrieb und Technik seien vorerst gesichert, alle anderen in Programmgruppen Engagierten arbeiteten ehrenamtlich. Schwieriger sei die Lage für das Restaurant im Eisenwerk, das bereits Kurzarbeit angemeldet hat.

Damit sei zumindest im Kulturbetrieb zwar die finanzielle Seite geregelt – was mindestens so ins Gewicht fällt, ist für Rüegsegger aber der soziale Aspekt. Kultur heisst Begegnung – was, wenn diese Begegnung wegfällt? Das Momoll-Theater, Rüegseggers Theatergruppe, steckt in der «heissen» Phase für seine neue Produktion, die am 25. April Premiere haben sollte. Das Ensemble sind Jugendliche; noch am 15. März wurde letztmals geprobt, auf Distanz, gerade seien die Spielerinnen und Spieler so richtig zum «intensiven Team» geworden – schmerzlich, an diesem Punkt aufzuhören. Auch bei diesem Projekt könne sie zwar die Löhne der mitwirkenden Profis (Bühne, Kostüme, Tanz, Musik) bezahlen, aber der Probenprozess, die Auseinandersetzung in der Gruppe und die Erfahrungen der Jugendlichen: das ist der unbezahlbare und unersetzliche Teil eines solchen Projekts. «Begegnung ist der Kern der Kultur. Wenn sie in Frage gestellt ist, dann ist die Kulturarbeit ihres tieferen Sinns beraubt.» Der soziale Austausch, das gemeinsame Tun, die Auseinandersetzung mit anderen: Damit lädt sich die Batterie des Lebens auf, sagt Claudia Rüegsegger.

Entsprechend skeptisch sieht die Theatermacherin denn auch die mittelfristige Perspektive. Zum einen sei für das Momoll-Theater fraglich, ob die Tätigkeit nach der Zwangspause einfach wieder «hochgefahren» werden könne. Sie ist überzeugt: «Es wird zu einer Flurbereinigung kommen, auf vielen Gebieten und auch in der Kulturszene, wo heute ein Überangebot besteht.» Zum andern werde sich die Sinnfrage nochmal ganz neu stellen – was sind die Themen, die Theater wirklich verhandeln muss?

Nochmal ein Schritt zurück: Die Sätze, die vor diesem 16. März öffentlich geäussert werden, klingen zu diesem Zeitpunkt noch vernünftig – aufbauende Durchhalteparolen, erste Forderungen, erste Einsichten. So schreibt etwas die IG Kultur Ost am 13. März:

«Die aktuelle Notlage macht zum einen klar, wie bedeutend die Kultur- und Veranstaltungsbranche für die Schweizer Wirtschaft insgesamt ist. Und sie ruft zum andern vielen Leuten ins Bewusstsein, wie unvorstellbar uns heute ein Leben ohne kulturelle Aktivitäten geworden ist.» Und weiter: «Gemeinsames Ziel aller Beteiligten muss es sein, die vielfältige und umsatzstarke Kulturlandschaft der Schweiz zu erhalten und den Menschen, die sie täglich erschaffen, nicht nur sinnstiftende, sondern auch existenzsichernde Arbeitsbedingungen zu ermöglichen.»

Die Stunde der kreativen Hilfs-Ideen

Es ist die Phase der kreativen Unterstützungs-Ideen. Die Ticketing-Plattform Eventfrog ruft unter dem Titel «Jedes Ticket zählt» dazu auf, virtuelle Eintritte zu buchen und zu bezahlen – um den ausgefallenen Veranstaltungen trotzdem zumindest einige Einnahmen zu bescheren. Bis Mitte März seien einige tausend Franken zusammengekommen, sagt Geschäftsführer Reto Baumgartner auf Anfrage; ein gutes Dutzend Institutionen machte bis dahin mit, namentlich im Mittelland, in der Ostschweiz hoffte man auf zusätzliche Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Die Aktion läuft weiter: eventfrog.ch/jedes-ticket-zaehlt.

Zu einer kollektiven Selbsthilfeaktion unter dem Titel «Kultur-Quarantäne» ruft in den gleichen Tagen der St.Galler Wendelin Reinhardt auf, selber kein Kulturschaffender, aber, wie er schreibt, besorgt über die Situation, in die Kulturschaffende jetzt geraten sind. Das Virus verlagere die Bereiche Arbeit, Schule und Kultur auf digitale Medien. Für viele Daheimgebliebenen heisse dies in den kommenden Wochen oder Monaten Home Office beziehungsweise E-Learning sowie Netflix u.ä. zur Unterhaltung. «Da Kunst und Kultur als Lebens-Mittel nicht unterschätzt werden sollten, mache ich mir also auch um die Grundversorgung der Menschen zuhause Sorgen, wenn nun reihum alle Live-Auftritte verunmöglicht werden.»

Reinhardt schlägt deshalb in einem Mail an rund 60 Kulturschaffende und Institutionen der Ostschweiz Streamings von in kleinem Rahmen weiterhin durchgeführten Anlässen durch, die zu einem reduzierten Preis zu Hause verfolgt werden könnten. Er erhofft sich davon auch überraschende Kollaborationen von Kunstschaffenden und Sparten.

Nachdem kulturelle Veranstaltungen inzwischen komplett untersagt wurden, ist der primäre Live-Gedanke zwar vom Tisch, das Bedürfnis nach einer Distanz-Lösung jedoch umso dringender. Es habe denn auch gute Reaktionen gegeben, sagt Reinhardt auf Anfrage. Musiker Marius Tschirky applaudiert heftig: «Solche Leute brauchen wir jetzt, die uns aus unserer Depression herausreissen und was tun.» Und die Schauspielerin Eveline Ketterer vom St.Galler Theater 111 stellt kurzerhand eine Online-Plattform zur Verfügung, auf der gefilmte Vorführungen gestreamt werden könnten. Dabei müsse man, wie schon Reinhardt bedacht hatte, die rechtliche Situation der Werke klären und die Bezahlsysteme gut durchdenken.

Reinhardt stellt fest, dass die naheliegende Streaming-Idee nun rundum realisiert wird. Ob die von ihm vorgeschlagene Non-Profit-Soforthilfe für die «kleinen Fische» im Kulturbetrieb ein Bedürfnis sei, werde sich zeigen. Die gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Pandemie jedenfalls stecken für Reinhardt voller spannender Paradoxien. «Eine davon: Corona – bringing people together. Eine weitere. Entschleunigung tut gut – ob aus eigener Einsicht oder von oben diktiert.»

Fluch und Segen des Streamings

Streamings für ohne Publikum stattfindende Kulturanlässe propagiert auch die Plattform thurgaukultur.ch und lanciert die Solidaritäts-Aktion #deinebühne. Ob Konzert, Lesung, Theater, Kleinkunst oder Ausstellung: Kulturschaffende mit ausgefallenen Projekten können sich melden, und die Redaktion streamt über ihre Facebook-Seite Aufführungen oder Teile daraus. «Für uns war es erstmal wichtig, ein Zeichen zu setzen. Für all die wunderbaren Künstlerinnen und Künstler, die in unserer Region leben und hier so wichtige Arbeit machen», sagt Redaktor Michael Lünstroth. Die Resonanz sei gut, aber wie erfolgreich die Idee sei, müsse sich erst weisen.

Andere Institutionen lancieren Crowdfundings gleich für sich selber, viele suchen das Heil im Streaming – aber genau darin liegt auch ein Haken. Das findet zumindest Bassist und Saiten-Co-Verlagsleiter Marc Jenny: «Als Musiker bin ich ein Verfechter der unmittelbaren Wirkung und des Austauschs. Konzerte von mir als Bildschirm-Inspiration für andere kann ich mir nicht vorstellen. Dafür liegt mein Fokus bei Live-Auftritten zu sehr auf dem Kontakt und der Verbindung zu den Menschen vor Ort. Ebenfalls schwierig finde ich den Umstand, dass ich eigentlich genau das Kulturerlebnis als etwas erhalten möchte, dass man sich nicht aus x-beliebiger Quelle zu Hause auf dem Sofa reinziehen kann. Die Streaming-Idee läuft dem zuwider.»

Was, wenn alles wegbricht? Die Schauspielerin Jeanne Devos, in Ausserrhoden aufgewachsen, an deutschen Bühnen bekanntgeworden und seit einigen Jahren freischaffend mit Wohnsitz in Zürich, hat Mitte März auf einen Schlag all ihre Engagements eingebüsst, wie unzählige andere auch. Noch eine Woche vorher habe sie sich eher «zur Witzfraktion» gezählt und die Sache nicht so ganz ernst genommen. Jetzt sind zwei Produktionen gestrichen, die eine am Theater Basel, die andere am Staatstheater Augsburg, bei denen sie engagiert war. Ob es für solche Stückverträge ein Ausfallhonorar gibt, weiss sie zur Stunde noch nicht. Und wie es für Freien weitergeht, steht für sie in den Sternen. Feste Häuser könnten den Betrieb rasch wieder hochfahren, wenn die Sperre aufgehoben wird – für freie Produktionen sei das viel schwieriger. Auch Verschiebetermine müssen erst einmal gefunden werden.

Jeanne Devos denkt an eigenen Projekten herum, sie könnte sich im Moment auch vorstellen, unentgeltlich sinnvolle Arbeit zu leisten, und sie macht sich weniger Sorgen um sich selber als um die zahllosen kleinen Geschäfte, die in ihrer Existenz bedroht sind. Das Gute an der Lage: Sie spüre weitherum sehr starke Solidarität. «Und positiv ist der Effekt der Entschleunigung – in einer Zeit, in der alles auf Ehrgeiz und Planung und Produzieren um jeden Preis angelegt ist, kann das auch etwas Gutes bewirken.»

Ein paar Lektionen

Auch Claudia Rüegsegger ist überzeugt, die Coronakrise habe das Zeug dazu, uns ein paar Lektionen beizubringen, die wir sonst verpasst hätten. Die Wichtigste: Solidarität. Bloss hat sie Bedenken, ob eine Generation, die auf «Geiz ist geil» und Individualismus getrimmt worden ist, dafür gut genug vorbereitet sei.

Damit sind wir, inzwischen ist es der 18. März, Abschlusstag des Aprilhefts von Saiten und der dritte Tag nach der Ausrufung der «ausserordentlichen Lage», nochmal bei den Einsichten angelangt, die aus der Krise zu gewinnen wären.

Die eine, schon genannt: Solidarität. Sie ist das Gebot der Stunde, wird quer durch die Generationen bereits vielerorts praktiziert, macht aber fatalerweise an den Landesgrenzen Halt.

Eine zweite: Unsere Luxus-Gesellschaft macht gerade die Erfahrung durch, dass es mit Sicherheit und Wohlstand und unbegrenzten Wahl- und Entfaltungsmöglichkeiten vielleicht doch nicht soweit her ist, wie es die letzten prosperierenden Jahrzehnte glauben machten. Die Folgen dieser kollektiven Kränkung sind noch nicht abzusehen.

Zum Dritten: Das Virus greift am empfindlichsten Punkt an, beim Sozialleben, mehr dazu im Beitrag saiten.ch/das-ego-virus. Das Virus durchkreuzt unsere Mobilitäts-, Arbeits- und Freizeitgewohnheiten, es bremst uns aus, zwingt uns in die Isolation und wirft uns damit auf uns zurück und auf die Frage, was wir mit uns selber überhaupt anzufangen wissen.

Das Virus erinnert uns so in mehrfacher Hinsicht an die Fragilität der menschlichen Existenz. Das schärft im besten Fall das Bewusstsein für die Werte, um die es gehen soll im Leben, und fördert den Respekt vor der Natur, die in der Gestalt eines unsichtbaren Winzlings offensichtlich ein Stück mächtiger ist als der Mensch. Lassen wir uns auf diese Provokation ein, so könnte am Ende der Coronakrise «religio» neu geschehen, nicht in steinzeitlicher, sondern in zeitgemässer Ausprägung: als Rückverbindung zu sich selber und zur Schöpfung.

Dieser Beitrag erscheint im Aprilheft von Saiten.

Zu den inzwischen, nach Drucklegung des Aprilhefts aufgegleisten Hilfsprogrammen für die Kulturszene: der Beitrag hier.

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
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Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
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Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
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