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Im besten Sinn eskaliert

Moshpits, Chili con Carne und eine Outdoor-Bühne: Die Betriebsgruppe des St.Galler Jugendkulturraums flon hat sich nicht lumpen lassen und zum 20sten eine 13-stündige Sause auf die Beine gestellt.
Von  Corinne Riedener
S.O.S. bei der Arbeit. (Bilder: Martin Schlegel)

«20 Jahre flon, Jubiläumseskalation!» war das Motto am Samstag im Jugendkulturraum flon. Und ja, dieses Geburtstagsfest war definitiv weit entfernt von steifen Ansprachen, gequälten Gruppenbildern und überteuerten Blumensträussen. Stattdessen gab es auf der Seite Davidstrasse ab 14 Uhr eine kleine Wall of Fame, Liegestühle und eine Tanzfläche samt Sound und partiellem Babybesuch. Und auf der anderen Seite, mit bester Aussicht auf das Bullenquartier, warteten eine Outdoor-Bühne, PingPong und Chili con und ohne Carne.

Am Nachmittag und dem frühen Abend standen eine Breakdance-Show, eine «Tombola mit fancy Preisen» und Auftritte von Saijan, niem ネン und Loco Estrito auf dem Programm. Richtig «eskaliert» – im besten Sinn – ist das Fest erst danach, als es nach innen verlegt wurde.

Den Start um halb elf machte Rapper Wesno aus Wattwil, dieses Mal nicht mit Synth-Verstärkung sondern mit Live Band. Danach stürmten S.O.S. die Bühne und veranstalteten ordentlich Rambazamba im gut gefüllten flon. Die Berner Crew um die MCs Dawill und Nativ gilt als Act der Stunde und zeigt der Schweiz seit einiger Zeit, wie man das macht mit diesem zeitgenössischen Rap. Viel Humor, Ansagen und eine riesen Portion vertrappter Liebe.

Trappen mit S.O.S.: «Nie meh go büglä, büglä!»

Wer sie am Samstag zuvor am Royal in Biel, dem mit Abstand sympathischsten Schweizer Hip Hop-Openair, gesehen hat, wusste genau: das endet im Abriss. Und das Publikum wurde alles andere als enttäuscht. Vergesst das Rumgehüpfe bei Jump Around von House of Pain früher, das war Kinderkacke. S.O.S. live, das heisst Moshpits, platte Zehen und verbogene Brillen. Und nach dem Konzert völlig verschwitzt, aber glücklich ausgepowert irgendwo stranden.

Nicht erwachsen geworden, aber eine Konkurrenz

Mit einem Jugendtreff, wie man sich den landläufig vorstellt, hatte die Jubiläumssause am Samstag wenig zu tun. Aber dieses Image hat das flon auch schon länger abgeschüttelt, zumindest in den Augen jener, die dort regelmässig verkehren.

Die Partys und Konzerte im flon unterscheiden sich nicht wirklich von jenen im Kugl, im Palace oder in der Grabenhalle, abgesehen davon, dass es keinen harten Alkohol gibt und das ganze Projekt, wie auch die Jugendbeiz talhof, ehrenamtlich von jungen Erwachsenen gemanagt und vom städtischen Jugendsekretariat unterstützt wird.

Vielleicht sind die Budgets und Acts etwas kleiner, aber Organisation und Infrastruktur im flon sind mit den Jahren ständig professioneller geworden – ohne dass der Raum dabei an Niederschwelligkeit eingebüsst hat. Der flon ist nicht erwachsen geworden, das wäre das falsche Wort. Aber er hat sich zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz im St.Galler Nachtleben gemausert. Nur müssen das einige noch merken.

«Ich habe Freunde gefunden, Gleichgesinnte»

Fragt man Ehemalige aus der Betriebsgruppe, hört man immer wieder dasselbe: «Ohne flon wäre ich heute nicht da, wo ich bin.» Das sagt auch Berd Schlüchter. Der Exil-St.Galler ist der ehrenamtlich organisierten Betriebsgruppe im Frühling 2012 beigetreten und war bis Ende 2015 Mitglied. Richtig austreten will er aber bis heute nicht, manchmal ist er noch in beratender Funktion tätig, etwa wenn es um Marketing oder Social Media-Angelegenheiten geht. Oder er hilft an der Bar aus, wie am vergangenen Samstag.

«Mit der Arbeit im flon konnte ich mir wahnsinnig schnell ein Netzwerk aufbauen», sagt Berd. «Man hat DJs kennengelernt, Künstler, dort mal Hände geschüttelt und auf ein ‹Weisch no, ich han dir döt mol usgholfe› gehofft, wenn man wieder einmal mit jemandem arbeiten wollte. Und ich habe Freunde gefunden. Gleichgesinnte.»

Es sei sehr cool, dass man im flon so viel Verantwortung tragen dürfe in jungen Jahren, dass man von Booking über Bar, Kasse, Technik und Catering alles selber organisieren kann, sagt er. Was natürlich auch heisst, dass man sich am Tag des Events schon am Morgen trifft, Bühnenelemente umbaut, Licht- und Tontechnik vorbereitet, Künstler ins Hotel begleitet, allfällige Spezialwünsche erfüllt und in der gleichen Nacht noch alles wieder abbaut, Böden fegt, Toiletten putzt und Zigistummel aus dem Boden grübelt. Bis zum wohlverdienten Feierabendbier in der Morgendämmerung.

«Man kann nur gewinnen»

«Als Jugendlicher erhält man nirgendwo eine vergleichbare Plattform. Man kann nichts verlieren, nur gewinnen. Und durch die ganze Verantwortung, die man erhält, lernt man wirklich eine ganze Menge», schwärmt Berd. «Führungsqualitäten zum Beispiel, man schnuppert Eventorganisationsluft, verbessert sich ständig und weiss einfach, wie der Hase läuft. Wenn ich heute in einen Club oder an ein Konzert gehe, sehe ich das mit völlig anderen Augen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie viel Arbeit dahinter steckt.»

Schon am Nachmittag: No standing – only dancing.

Wie viel Arbeit so ein Event mit sich bringt, weiss auch Dan Van De Gaer von der aktuellen Betriebsgruppe, die die Jubiläumseskalation am Samstag organisiert hat. «Es wurde etwa halb fünf Uhr morgens, bis wir alles aufgeräumt haben», sagt der 20-Jährige am Sonntag.

Seine Bilanz fällt durchwegs positiv aus: «Am Nachmittag hatte es zwar noch nicht so viele Leute, aber die Stimmung war super. Der ganze Tag verlief sehr entspannt, auch dank der knapp 20 Helferinnen und Helfer, Zwischenfälle gab es keine – und S.O.S. war ja wohl das absolute Highlight!»

Dan darf noch einige Jahre in der Betriebsgruppe bleiben, anders als Berd, der wie alle über 25 seinen Platz für jüngere frei machen musste. «Ich finds schon ein bisschen schade, dass ich gehen musste», sagt er lachend. «Wenn ich den Mut hätte, würde ich mir glatt das flon-Logo auf die Stirn tätowieren. Dieser Raum ist halt schon eine saugute Sache. Die nächsten 20 Jahre soll er einfach so bleiben, wie er ist.»

 

ACTS!!!

Posted by flon on Donnerstag, 24. August 2017

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