Und hinter tausend Bildern keine Welt… Dieses Heft fragt, in Anlehnung an eine Zeile von Rilke: Wie kann man obenauf schwimmen in der Bilderflut, wie nach Schätzen tauchen? Unsere Welten wollen geordnet sein – davon erzählen die Archive. Sie sind der Versuch, Orientierung zu finden, mit fotografischen Sammlungen wird eine visuelle Verbindung zur Vergangenheit geschaffen. Eigene Erinnerungen verschmelzen zum kollektiven Gedächtnis – auch zum regional verankerten. Ein in Kürze erscheinender Bildband nimmt sich dem fotografischen Erbe der Ostschweiz an und stellt zwölf hiesige Archive vor. Ist ein solches Buch noch zeitgemäss? Die Frage führt unweigerlich zum Gross-Thema Digitalisierung: Wie bleibt das fotografische Gestern zugänglich für morgen?
Die weitherum und mit Selbstverständlichkeit geführte Debatte täuscht über das Nicht-Selbstverständliche hinweg: Sich mit Archiven herumzuschlagen ist ein Privileg, Folge einer nicht-nomadischen Lebensweise und einer langen Phase des Friedens. So kann gehortet und rekonstruiert werden, nichts ist im Krieg verbrannt oder musste zurückgelassen werden. Das Wesen des physischen Archivs ist dem der Migration entgegengesetzt. Und es ist Inbegriff von Definitionsmacht: Wer entscheidet, was wert ist, archiviert zu werden? Nach welchen Kriterien wird gesammelt, wie gewichtet und geordnet?
Archive bleiben stets subjektiv und fragmentarisch – und so sind auch die Zugänge in diesem Heft. Die Fotografen Claudio Baeggli und Sebastian Stadler reden über ihre zuällig ergatterten Beutestücke; Claudio Bucher hat die in einem Schliessfach der UBS wartende Geschichte über den Maler Herbert Boeckl und seine Geliebte Marcile gefunden. Im planlosen Sammeln verstecken sich Überraschungen, wie sie der Historiker Stefan Keller sucht. Und die Fotografin Katalin Deér hört im Echo des Archivs die Gegenwart.
Punktum: Saiten schafft selber «Ordnung», hat für einmal Bild und Text getrennt und fügt zusammen, was zusammengehören könnte. Das ungewohnte Erscheinungsbild dieser Ausgabe lehnt sich an alte Publikationen an, bei denen aus technischen Gründen die Bilder in der Mitte versammelt waren. Es ist aber auch inspiriert durch Künstler wie den Hamburger Peter Piller, der in seinen Arbeiten mit vorgefundenen Bildern das Banale multipliziert, bis sich das Besondere zeigt. Auf zum fröhlichen Bilderfinden in der ordentlichen Unordnung!
DER INHALT:
Reaktionen
PositionenBlickwinkel von Sebastian StadlerRedeplatz mit Fred KurerEinspruch von GreenpeaceStadtpunkt von Dani FelsHört, hört I+IIStimmrecht von Leyla Kanyare
PerspektivenFlaschenpost: St.Petersburg von Lika NüssliAppenzell AusserrhodenWinterthurToggenburgRheintal
ReportDie Wartende.von Claudio Bucher
FOTOARCHIVE
Von Daguerreotypie bis Instagram.Historische Fotoarchive heute.von Peter Surber
Bilderbeute.Die Fotografen Stadler und Baeggli im Gespräch.von Katharina Flieger
Die Wucht des Belanglosen.Peter Piller im Fotomuseum Winterthur.von Krisn Schmidt
Archiv-Echo.Wieder-Fotografieren mit eigenem Blick.von Katalin Deér
Tausend Schnipsel.Eine Geschichte.von Corinne Riedener
Saiten-Fotografen und ihre Archive.
Bildlegenden
TheaterTheater im Erschöpfungsfuror.Auszug aus Krik des Theaters.von Bernd Stegemann
LiteraturDie Leistungen des Niggli-Verlags.von Eva Bachmann
Neue Bücher aus dem O.von Florian Vetsch
FilmMarcel Gislers Elecoboy.von Andreas Kneubühler
KunstLebendes Design-Archiv.von Peter Surber
MusikGutes vom Stern.von Felix Michael Grieder
Weiss auf schwarzJoachim Ringelnatz
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerBoulevard
Manuel Stahlberger zeichnet den Dezember-Comic.
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.