Im digitalen Dschungel zu Hause
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Piero Stinelli gehört zu den Internetpionieren der Schweiz. (Bild: Andri Vöhringer)
In seinem Leben dreht sich vieles ums Analoge und ums Sammeln: Im Laden Klang und Kleid in der St.Galler Altstadt verkauft er seit 1993 Schallplatten, aber auch allerhand Vintage-Produkte, Memorabilia, Hüte und – wie es der Name sagt – Kleider. Und er selbst ist ein passionierter Sammler alter Schellackplatten.
Doch Piero Stinelli, besser bekannt unter dem Namen Pino, ist auch in der digitalen Welt zu Hause. Mit der von ihm mitgegründeten Firma Vadian.net betreibt er seit über 30 Jahren diverse Websites und bietet IT-Dienstleistungen an. Und als das WWW, das heute das Nervensystem der modernen Gesellschaft bildet, in den frühen 90er-Jahren öffentlich zugänglich wurde, gehörte er zu den Internetpionieren in der Schweiz.
Ums Sammeln geht es auch in Stinellis neuster digitaler Errungenschaft: Er initiierte die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen, des weltweit erst vierten Standorts des Internet Archive. Dieses führt unter archive.org eine digitale Bibliothek und hat sich der Archivierung digitaler und analoger Daten und Medien verschrieben. Es ist gewissermassen das Gedächtnis des Internets.
Die Wahl des Standorts St.Gallen hat eine lange Vorgeschichte: Ende November 2016 schrieb Internet-Archive-Gründer Brewster Kahle im Blog von archive.org, das Ziel, eine digitale Kopie des Archivs in einem anderen Land zu errichten, werde nun realisiert und man baue das Internet Archive of Canada auf, verbunden mit einem Spendenaufruf. Es war eine direkte Reaktion auf die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten: «Am 9. November erwachten wir in Amerika zu einer neuen Regierung, die radikale Veränderungen versprach. Dies führte uns deutlich vor Augen, dass Institutionen wie die unsere, die auf Langfristigkeit angelegt sind, sich auf Veränderungen einstellen müssen», hiess es in Kahles Post.
Wenige Tage später wandte sich Pino Stinelli per E-Mail an das Internet Archive. Er schlug vor, neben dem 2004 in Amsterdam eröffneten Internet Archive Europe einen zweiten Standort in Europa zu gründen, wofür sich die Schweiz aufgrund der stabilen politischen Verhältnisse und insbesondere die Stadt St.Gallen wegen ihrer langen Bibliothekstradition, aber auch als Universitätsstandort gut eignen würde. Er berichtete auch der kantonalen Standortförderung von der Idee, das Internet Archive nach St.Gallen zu holen. Beat Ulrich, der damalige Leiter, zeigte sich davon sehr angetan und wollte die Verantwortlichen zu Gesprächen vor Ort einladen. Er spricht auch heute noch von einem «Perfect Match». «Es handelt sich nicht um eine beliebige Firma, die man ansiedelt, und es geht auch nicht primär um Arbeitsplätze», sagt Ulrich. «Wo könnte so etwas besser hinpassen als in die Wissens- und Archivstadt St.Gallen.»
Das Internet Archive antwortete auf Stinellis Nachricht, dass dies eine spannende Idee sei, die Geldbeschaffung für den Standort in Kanada aber bereits laufe und es nun verwirrend wäre, gleich einen weiteren Standort ins Auge zu fassen. Man wolle das jedoch gerne zu einem späteren Zeitpunkt prüfen.
Etwa zwei Jahre später meldete sich Beat Ulrich, inzwischen Geschäftsführer des St.Gallen Symposiums, im Kontext anderer IT-Kontakte wieder bei Pino Stinelli. Dabei hätten sie sich auch über das Internet Archive unterhalten, erzählt Stinelli. Ulrich habe gesagt, er besuche fürs Symposium ohnehin bald ein paar Firmen im Silicon Valley, das wäre doch eine gute Gelegenheit, um auch am Hauptsitz von Internet Archive in San Francisco vorbeizuschauen – und Stinelli bot ihm sogleich an, ihn zu begleiten.
Nach ein paar Videomeetings ist es im Dezember 2019 dann so weit: Stinelli und Ulrich machen sich auf den Weg in die USA. Ihr Ziel: mit einer Absichtserklärung, dass das Internet Archive bei einem nächsten möglichen Standortentscheid nach St.Gallen kommen will, zurückkehren. «Es gab grosses Interesse von öffentlichen Institutionen und Stiftungen, bei der Ansiedlung mitzuhelfen», sagt Stinelli. Auch die IT-Bildungsoffensive des Kantons St.Gallen, dank der von 2019 bis 2027 jährlich 75 Millionen Franken in die digitale Zukunft fliessen, und die dadurch begünstigte Einführung des Informatikstudiums an der Universität St.Gallen hätten geholfen, die Verantwortlichen zu überzeugen. Schliesslich habe Brewster Kahle die (unverbindliche) Absichtserklärung unterzeichnet.
Doch diese war kaum mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt war, als zwei Monate später das Coronavirus die Welt und damit auch das Projekt zum Stillstand brachte. Und als die Pandemie endlich überstanden war, wütete in der Ukraine der Krieg. «Da war es schwierig, Geld für ein solches Projekt zu sammeln», sagt Stinelli. Erst 2024 wurden die Gespräche wieder aufgenommen. So wurde St.Gallen zum zweiten europäischen Standort und zum vierten weltweit.
Wichtig sei nun, die wertvolle Arbeit des Internet Archive zu vermitteln, betont Stinelli, der auch im Beirat von Internet Archive Switzerland sitzt. «Ein Ziel von mir ist, diese Inhalte besser und immersiv erlebbar zu machen – an Orten, wo es ums Wissen geht, in Museen, Bibliotheken, an der Uni.» Auf archive.org sei letztlich «das Weltwissen» archiviert. Es sei ein Trugschluss zu glauben, dieses sei ohnehin im Internet gesichert. Websites würden sich verändern, Links verschwinden. Davon sei beispielsweise auch ein digitales Lexikon wie Wikipedia betroffen. «Wikipedia würde ohne das Internet Archive nicht mehr funktionieren», sagt Stinelli. Denn wenn ein Onlineartikel irgendwann gelöscht werde und so die Quelle verschwinde, müsste auch der jeweilige Wikipedia-Eintrag wieder umgeschrieben werden. Das Internet Archive ersetze jedoch solche «broken links» durch Millionen von Verweisen ins eigene Archiv und leiste damit einen wichtigen Teil zur Wissensbewahrung.
Dazu trage auch die Digitalisierung und das Zugänglichmachen von Büchern im Internet Archive wesentlich bei. Stinelli hofft, dass dank des neuen Standorts in St.Gallen künftig der «angelsächsische Überhang», also der Fokus auf englischsprachige Bücher, etwas abnehme und vermehrt auch Bücher und Medien in anderen Sprachen ins Archiv fliessen.
Pino Stinellis Faible für die digitale Welt reicht in eine Zeit zurück, als sie für die breite Bevölkerung noch kaum existierte. In den 80ern, als Teenie, sei er ein Computernerd gewesen und habe hobbymässig programmiert, erzählt er. Die Freude sei ihm irgendwann aber vergangen, weil die damaligen Computerspeicher so schnell voll gewesen seien.
Der junge Pino Stinelli in einem Beitrag des Schweizer Fernsehens (ab 1:50).
Sie kehrte zurück, als er 1990 das Studium der Staatswissenschaften an der HSG begann. Die Studierenden hätten einen Zugang zum Intranet erhalten. «Dieses hatte auch eine Hintertür ins Internet», sagt Stinelli. Das hiess damals: ein paar tausend Server, die vor allem für den Austausch von Dateien (FTP) oder für einfache Suchdienste wie WAIS – mitentwickelt von Brewster Kahle – oder Gopher «gebaut» waren. «Ab dem ersten Augenblick hat es mir den Ärmel reingezogen. Ich habe angefangen, all diese Server zu durchforsten.» Stinelli begann, selber Dienste zu programmieren – Messenger, Plattformen, um ein Fax übers Internet zu verschicken, oder ein digitales Telefonbuch.
Mit der Zeit sei er zur «humanen Suchmaschine» geworden, sagt Stinelli. Er wusste, wo welche Informationen im Netz zu finden waren. Viele davon verbargen sich entweder hinter kryptischen URLs oder in Foren beispielsweise von Universitäten. Er fand, es müsse viel einfacher sein, solche Informationen zugänglich zu machen. Als er realisiert habe, dass man Internetadressen auch mit nachvollziehbaren Namen registrieren lassen könne, habe er sich – unter Mithilfe verschiedener Personen und Institutionen – zahlreiche Domains gesichert – news.ch, wetter.ch, jobs.ch, kredit.ch, restaurant.ch, hotel.ch etc. Nicht mit dem Ziel, sie eines Tages teuer zu verkaufen, sondern um sie als Portale zu betreiben, viele davon mit Partnerfirmen, welche die Inhalte lieferten. «Gerade zu einer Zeit, als es noch kaum spezialisierte Websites gab, konnte man das gut so lösen.»
1995 gründete Stinelli zusammen mit Till Bannwart die Firma Vadian.net, die sie auch heute noch gemeinsam führen. Sie entwickelten unter anderem CMS-Systeme für ausländische Institutionen und Firmen, um News zu verbreiten. «Um etwas Vergleichbares in der Schweiz aufzubauen war es noch zu früh, es waren noch zu wenige Personen im Schweizer Internet unterwegs. Auch die grossen Medienhäuser publizierten damals auf ihren Websites nur wenige Nachrichtenmeldungen pro Tag», sagt Stinelli.
Nach mehrjähriger Aufbauarbeit – die Schweizer Nachrichtenagentur SDA (seit 2018 Keystone-SDA, Anm. d. Red.), die mehrheitlich im Besitz der grossen Medienhäuser ist, habe sich lange geweigert, einem reinen Online-Medium die Inhalte zu verkaufen – ging 2000 die Plattform news.ch an den Start und lieferte kostenlos redaktionell bearbeitete Agenturmeldungen und eigene Inhalte. Von Anfang an belieferte news.ch auch andere Portale wie Bluewin, Swissonline, Cablecom, MSN oder jene der grossen Mobilfunkanbieter mit ihren Beiträgen. «In den frühen Nullerjahren stammte über die Hälfte der in der Schweiz im Internet konsumierten News von uns», sagt Stinelli.
Doch die immer unvorteilhafteren Konditionen der SDA, die Stinelli als «missbräuchliche Praktiken» bezeichnet (die SDA wurde 2014 von der Wettbewerbskommission gebüsst, d. Red.), sinkende Werbeeinnahmen wegen Google und Facebook sowie die Internet-Offensive der grossen Zeitungen und Verlage zwangen news.ch 2016 dazu, den redaktionellen Betrieb einzustellen. Die Seite ist zwar immer noch im Archiv-Modus online und wird mit Beiträgen von Partnerwebsites, die Vadian.net betreibt, gelegentlich aktualisiert, aber klassische News gibt es nicht mehr. Auch der erste Onlinekalender von Saiten stammte von Vadian.net.
Wie viele Domains heute auf Vadian.net registriert sind, weiss Pino Stinelli selbst nicht genau. «Es sind einige», sagt er mit einem Lachen.
Das Analoge und das Digitale verband er im grossen Stil auch für seinen Laden Klang und Kleid, den er 1993 mitgegründet hatte. Er machte daraus einen der grössten Onlineshops der Schweiz. Was mit einem Bestellformular für Lavalampen begann, entwickelte sich zu einem Webshop mit Warenkorb-System, in dem nebst eigenen Artikeln auch «Special Interest»-Produkte externer Anbieter:innen eingebunden waren, beispielsweise für zehntausende ausländische Filme im Originalton. Auch dutzende Themenshops gehörten dazu, ob für Kostüme, Videos oder anderes.
Vor rund zehn Jahren entschied Stinelli jedoch, das Online-Angebot «aus ökologischen und ethischen Gründen» – insbesondere wegen der Päckliflut – zurückzufahren, aber auch deshalb, damit persönliche Begegnungen im Laden wieder in den Vordergrund treten. In diesem Fall ist das Analoge wichtiger als das Digitale.
archive.org internetarchive.ch
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