«What People Do for Money: Some Joint Ventures» – der Titel der eben eröffneten Manifesta-Ausstellung soll provozieren, doch provoziert derzeit vielmehr deren Umgang mit dem gewählten Themenfokus: Die 11. Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst beschäftigt sich mit Fragen nach den Verbindungen von Kunst und anderen (gewerbsmässigen) Formen der Arbeit. Sie begibt sich mit 130 Kunstschaffenden und Künstlerkollektiven an verschiedenen Standorten auf die Spur unterschiedlichster Berufe und Berufungen; fragt nach «dem Stellenwert der Arbeit ins unserem Leben» und danach, welchem Broterwerb Kunstschaffende nachgehen und wie Berufe in Kunstwerken repräsentiert oder verhandelt werden.
Blick in den Ausstellungsraum Löwenbräukunst. (Bilder: manifesta)
Nach Genk-Limburg in Belgien und dem russischen St.Petersburg findet die Manifesta also in Zürich statt. Die Wahl des Austragungsortes sei der Perspektive geschuldet, über die Zürich als «global city» verfüge. In einem Staat mit direkter Demokratie, vier Landessprachen und einer isolationistischen Aussenpolitik beheimatet besitze die Stadt «einen geradezu idyllischen Charakter» und ermögliche einen «ungewöhnlichen Blickwinkel auf die gegenwärtige Krise Europas», so Hedwig Fijen, die Gründerin und Leiterin der Manifesta.
Satelliten und Holzfloss
Zahlreich sind die Medienschaffenden erschienen. Der Clubsaal des Kaufleuten ist überfüllt, als Hedwig Fijen, Zürichs Stadtpräsidentin Corinne Mauch und der Künstler Christian Jankowski die Pressekonferenz eröffnen. Erstmals wurde die Manifesta nicht mehr von einem Team, sondern von einem einzigen Künstler kuratiert – Christian Jankoswki, Aktionskünstler aus Berlin, bezeichnet die Stadt Zürich als eine «Inspirationsquelle und Reibungsfeld für das kuratorische Konzept der Manifesta» und verweist neben dem marketingträchtigen Dada-Jubiläum auf die Finanzkraft der Stadt: «Die Zürcher Zünfte waren ein prägendes Momentum für die Entwicklung der Stadt zur Finanz- und Wirtschaftsmetropole. Das Geld hat wiederum auch die Kunstwelt und das Kunstschaffen ermöglicht und die Stadt zu einem Anziehungspunkt für Top-Galerien gemacht. Hier herrschten ideale Bedingungen für die Entstehung von Berufen in der Kunstwelt.»
Neben traditionellen Berufsfeldern sollen sogenannte Themenkammern auch den Künstlerberuf reflektieren – von der Arbeitspause über den Zwang zur (Eigen-)vermarktung bis zu Kunst als Zweitberuf und zur Netzkunst, wo der Künstler oder die Künstlerin verschwindet. Zu sehen gibt es neben den Hauptstandorten Löwenbräukunst und Helmhaus verschiedene sogenannte Satelliten, Performances im Cabaret Voltaire (das nun zum «Zunfthaus der Künstler» umbenannt wurde, wobei «Gewerkschaft» womöglich die zeitgemässere Variante wäre als «Zunft») und – auf dem Zürichsee schwimmend – den «Pavillon of Reflections». Die Holzkonstruktion wurde von Studierenden der ETH entworfen und beherbergt ein temporäres Kino. Dort werden Dokumentarfilme von Studierenden der ZHdK (Departement Cast / Audiovisual Media) zu sehen sein. Darunter findet sich ein Film des Ostschweizers Eloy Martinez, der das Werk des französischen Schriftstellers Michel Houllebecq porträtiert hat. Mit LED-Screen, Zuschauertribüne, Bad und Bar soll der Holzpavillon «Raum bieten für Dialoge und Reflektionen».
Der Holzpavillon des Nachdenkens.
Wessen Arbeitsalltag?
Aber: Was bedeutet die eingangs zitierte Frage nach dem «Stellenwert der Arbeit in unserem Leben»? Was ist denn «unser» Leben – wessen Leben, wessen Arbeitsalltag ist hier mitgemeint? Und für wen genau herrschen «ideale Bedingungen für die Entstehung von Berufen in der Kunstwelt» – und für wen nicht?
Die Ausstellung: Manifesta 11, 11. Juni bis 18. September, diverse Orte in Zürich.Tickets von 25 CHF bis 150 CHF (Saisonpass). Mi 18–20 Uhr freier Eintritt. Eintritt kostenlos zu den Ausstellungen Löwenbräukunst und Helmhaus.
m11.manifesta.org
Das Buch: The Air Will Not Deny You. Zürich im Zeichen einer anderen Globalität. Hrsg. Franziska Koch, Daniel Kurjaković und Lea Pfäffli.
diaphanes.de
Kein prunkvoll inszeniertes Bauwerk, dafür einen umso dringenderen Raum für Dialog und Reflexionen eröffnet die Publikation «The Air Will Not Deny You. Zürich im Zeichen einer anderen Globalität». Das Buch ist ein erster Output der Kooperationsplattform «DeNeutralize», die sich als Zusammenschluss unterschiedlicher Institutionen (ICFAR – Institute for Contempirary Art Research der ZHdK; ETH – Professur für Geschichte der modernen Welt; Johan Jacobs Museum) im vergangenen Herbst während der Vorbereitungen auf die Manifesta formierte.
Eduardo Simantob, Mitinitiator der Plattform und des Redaktionsteams der Publikation, erklärt den Arbeitstitel DeNeutralize: «Das hierzulande verbreitete Neutralitätverständnis vermeidet eine nüchterne Auseinandersetzung mit der Schweizer Geschichte und Kultur als Teil einer westlichen Kultur.» Der Band versammelt Essays und Analysen, Bild- und Text-Montagen zur Rolle Zürichs im Prozess «einer häufig verdrängten und somit wenig bekannten Globalität». Rund 40 Historiker und Historikerinnen, Künstler und Künstlerinnen lassen so ein Geflecht von Perspektiven auf ein anderes Zürich entstehen, als es dieser Tage von der Manifesta verkauft wird.
Blick in die Ausstellung im Helmhaus.
Verpasste Chance
Die Biennale war denn auch Auslöser für Kritik von unterschiedlichsten Seiten. Simantob benennt ein strukturelles Problem: «In Stadt und Kanton Zürich hat die Manifesta sämtliche Finanzierungsquellen für Kultur beansprucht. Kunstschaffende, deren Projekte nichts mit der Manifesta zu tun haben, haben in dieser Zeit keinerlei Chancen auf Unterstützung.»
Und: Das Konzept von «What People Do for Money: Some Joint Ventures» und die Repräsentation Zürichs als reiche, globale Stadt wiederspiegle einzig das etablierte Zürich. Eduardo Simantob kritisiert: «Die Verantwortlichen verpassen einen günstigen Anlass, um die Geschichte und die Gegenwart globaler Machtverhältnisse und Wege, die durch Zürich führen, zu analysieren.»
Dies übernimmt nun der Sammelband «The Air Will Not Deny You»; er zeigt auf, wie die Stadt in den vergangenen zwei Jahrhunderten als diskrete Finanzdienstleisterin und Drehscheibe für den globalen Kolonialwaren-, Kunst- oder Goldhandel in Erscheinung tritt. Ihre Funktion als Wissenschaftsdienstleisterin und Drehscheibe für den globalen Daten-, Ideen- und Theorientransfer wird darin ebenso reflektiert wie ihre Rolle als Gastgeberin für internationale Konferenzen zu Eugenik und Rassenforschung; als Ausstellungsort für «fremde Völker», ethnographische Sammlungen oder als Sitz der FIFA. Vor allem aber ist sie Lebensmittelpunkt von Migrantinnen und Migranten, die seit Generationen trotz Fremdenfeindlichkeit und Assimilationspolitik in der Limmatstadt heimisch werden.
Arbeitende Prominenz zur Eröffnung, links Bundesrat Alain Berset.
Volunteers don’t work
Pünktlich zur Eröffnung wurde zudem auf dem Blog tsüri.ch ein Artikel veröffentlicht, in dem die Arbeitsbedingungen von Hilfskräften der Manifesta heftig kritisiert wurden. Auf Nachfrage am Ende der Pressekonferenz sagten die Veranstalter, die rechtlichen Bestimmungen würden eingehalten und es herrsche Transparenz bezüglich der Arbeitsbedingungen. Ein Studierender der ZHdK berichtete im Anschluss von einer Anwerbungsveranstaltung an der Kunsthochschule, bei der Jankowski mehrfach betonte, die «Freiwilligenarbeit» der Studierenden sei eine «Win-win-Situation» – sei sei doch man mit der Arbeit als «Kabelträger» stets am nächsten bei wichtigen Personen und komme mit diesen in Kontakt. Welchen Arbeitsbegriff die Manifesta-Leitung vertritt, wurde zum Schluss der Pressekonferenz deutlich, als Fijen konstatierte: «Volunteers don’t work.»
Mag sich Zürich diesen Sommer zu einem «Disney-Land der Kunst» verwandeln, wie es Eduardo Simantob nannte, so wurde mit der Manifesta doch bereits im Vorfeld ein Dialog angestossen – wenn auch zwischen anderen Menschen, Gruppierungen und mit anderen Inhalten, als von den Ausstellungsmachern beabsichtigt. Lohnenswert ist der Besuch der Ausstellungsorte mit Einblicken in unterschiedlichste Berufe und künstlerische Experimente alleweil. Und sich etwas Zeit zum reflektieren zu nehmen und anschliessend den Kopf ins kalte Seewasser zu tauchen, kann nicht schaden.
Redaktionell: IFCAR nicht ICFAR
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