, 25. Juni 2015
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Saiten im Juli und August: Sommerfigur

Fitness ist messbar – aber aufgepasst! Selbstversuche, Bekenntnisse und Kritik. Ausserdem: der Untergang von St.Gallen. Zuvor aber noch: der Kultursommer.

Haben Sie gut geschlafen? Wie war das Mittagessen? Und sind Sie danach ein paar Schritte gegangen? Solche Fragen, die man gern im Smalltalk mit den Nachbarn herunterbetet, haben seit einiger Zeit ein ganz anderes Gewicht bekommen. Man kann sie nämlich dank erschwinglichen, tragbaren Messgeräten (genannt Activity- oder Fitness-Tracker) plötzlich objektiv beantworten.

Im Sommer 2015 plaudern wir am Gartenhag über Schlafphasen, Kalorien- oder Vitaminaufnahme und Schrittzahlen – und vergleichen unsere Werte über Apps und soziale Netzwerke mit jenen des Nachbarn. Jeden Tag entstehen so neue Exemplare des Quantified Self, also des in Zahlen erfassten Ichs, auf der virtuellen Landkarte. Das Ziel der grossen Vermessungsaktion heisst vielleicht Selbsterkenntnis, sicher Selbstoptimierung. Parallel dazu boomen Fitnesstrend und Körperkult. Gerade haben sich im Juni SRF 1 und 3 eine Woche lang täglich mit Nachrichten von der «grössten Bewegungsaktion der Schweiz» überboten: 90’000 Personen machten mit, spulten innert fünf Tagen insgesamt 1’111’616 Kilometer ab, St.Gallen gewann das City-Duell.

Die Reaktionen sind unterschiedlich. Sind Menschen, die in Extremfällen sogar ihr Sexleben quantifizieren, nicht eher Maschinen?, fragen die einen. Freuen wir uns doch einfach, dass das eigene (un-)gesunde Verhalten endlich ohne den verführerischen Selbstbetrug erfasst wird, entgegnen die anderen.

Die Debatte in diesem Sommerheft eröffnet der bekennende Selbstoptimierer Andreas Niedermann. Der in Wien lebende Autor und Ex-Trainer erzählt eine ziemlich böse Geschichte über ebendiesen Selbstbetrug, der jeden Januar in den Fitnesszentren Hochkonjunktur hat. «Bewegungsenthusiast» Niedermann jedenfalls misstraut der Kategorisierung von Gesundheit als neue Religion, er sieht sie eher als Mittel zum Zweck: «Genuss braucht einen genussfähigen Körper.» Auch damit als Antrieb im Hinterkopf haben wir in einem Selbstversuch drei Wochen mit einen Activity-Tracker gelebt. Nennen wir das Resultat einmal vorsichtig zwiespältig.

Ausserdem hat sich die Redaktion ein Forschungsprojekt angeschaut, in dem eine Krankenkasse ihre Mitglieder Schritte zählen lässt – auf der Suche nach Antworten auf explodierende Gesundheitskosten. Und Gastautor Michael Zwicker stellt Aussagen von klugen Köpfen unserer Zeit zur Quantified Self-Bewegung vor. Die Bilder zum Thema kommen aus einem New Yorker Boxkeller. Sie stammen vom Fotografen Jiří Makovec, der in St.Gallen und New York lebt und eben einen Werkbeitrag des Kantons St.Gallen erhalten hat.

Nebst dem Gewichtestemmen, Bahnenschwimmen und Datenhuben haben wir die Lockerheit nicht vergessen: Der traditionelle Sommerführer bringt Tipps für Kultur an bekannten, aber auch abseitigen Orten. Für manche muss man ein paar Schritte auf sich nehmen – 10’000, wie es der Activity Tracker empfiehlt, müssen es ja nicht unbedingt sein.

In diesem Sinne: Auf einen bewegten, faulen, aber vor allem schönen Sommer!
Urs-Peter Zwingli

 

DER INHALT:

Reaktionen

Positionen
Blickwinkel von Marco Kamber
Redeplatz mit Michael Buchs
Einspruch
Stadtpunkt von Dani Fels
Dreckquiem
Requiem II

 

SELF:

Die Welt ist ein Gym. Da kotzen nur die Guten.
Über den Wert der Selbstoptimierung und die Lust am Verzicht.
von Andreas Niedermann

«Mache Gesundheit zu deinem Ziel»
Selbstversuch mit einem Activity-Tracker.
von Urs-Peter Zwingli

Die Menschmaschine optimiert sich
Der eigene Körper lässt sich einfach und peinlich genau vermessen. Doch zu welchem Preis?
von Michael Zwicker

Auch die HSG zählt Schritte
Die Uni St.Gallen und eine Krankenkasse erforschen, welchen Einfluss Schrittzähler auf das Bewegungs verhalten haben.

Sie wollen kein Training. Sie wollen einen Ablass.
Denunziationen eines Fitnesstrainers.
von Andreas Niedermann

Selftracking? Selbstkultivierung!
Gesundheit zwischen Neurologie und Tai Chi.
von Peter Surber

Das Titelthema fotografierte Jiří Makovec

 

Report: Menschenversuche in der «Irrenanstalt»
Der Kanton Thurgau arbeitet ein düsteres Kapitel auf.
von Harry Rosenbaum

Perspektiven
Flaschenpost von Richard Butz aus Transnistr­ien
Schaffhausen
Vorarlberg
Thurgau
Rapperswil-Jona
Stimmrecht von Yonas Gebrehiwet

Kultursommer – Ausgewähltes aus Musik, Theater, Kino, Kunst & Co. im Juli und August

Die Ruinen von St.Gallen. von K.

Abgesang
Kellers Geschichten
Bureau Elmiger
Boulevard

 

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