Die Mutter trinkt, nein: säuft. Trauert dem abgehauenen Mann und Vater ihrer Tochter Lina nach. Lina muss ihre leergetrunkenen Flaschen ordnen, Grün, Braun, Weiss. Ihre Sätze sind ebenso zwanghaft wie die Flaschenordnung, sie klammert sich an Floskeln aus der Werbung – «die mit dem Wohlfühlaroma…» – und flüchtet sich in eine kindliche Traumwelt mit einem erfundenen alter ego, Klara.
Die Flaschen sieht man in der Inszenierung in der Kellerbühne nicht. Klara kritzelt statt dessen Strichlisten auf die Wände, pro Flasche ein Strich. Immer mehr Striche, die die Mutter immer wieder wegwischt, tapezieren und symbolisieren das Familiengefängnis. Grün Braun Weiss heisst die Ordnung, «Wir zwei ein Ganzes» heisst die Beschwörungsformel der Mutter für ihr Zwangsregime, in das von aussen nichts eindringen darf, kein Dreck, kein Brief, kein Mensch, kein anderes Wort. Das Zweiergefängnis ist die grausame Strafe der Mutter an ihrer Tochter dafür, dass sie als Kleinkind angeblich die Ordnung ihres Vaters zerstört und seinen Weggang verschuldet habe. Das Verdikt: lebenslänglich.
Es ist eine neurotische Mutter-Tochter-Beziehung, die Rebecca C. Schnyder in ihrem neuen Stück «Alles trennt» entwirft. Und die, im richtigen Leben, dringend eine Therapie bräuchte. Auf der Theaterbühne übernimmt, klassisches Muster, eine dritte Person diese Rolle: Leo klopft eines Tages an, mit einem eingeschriebenen Brief vom Gericht, wird zögernd eingelassen und von Lina mit ihren Werbe-Sätzen traktiert. Er versteht nichts und ist zugleich fasziniert – für sie ist Leo ein Bote aus der Real-Welt. «Ich habe aufgepasst»: Das ist der Lina-Satz gegenüber ihrer Mutter. Er wird mehr und mehr zur Lüge. Und langsam bekommen die Gefängnismauern Risse.
Raffiniertes Sprachspiel
Im Stück passiert der Bruch auf raffinierte Art sprachlich. Schnyder lässt in Linas mantra-artig wiederholte Satzformeln andere, eigene Wörter eindringen. Die Formeln werden für Momente brüchig, dann wieder klammert sie sich wie eine Ertrinkende am Angelernten fest oder übt neue, freiere Leo-Sätze. Die rigide Sprachpartitur, anfangs so repetitiv wie die Flaschenstriche an der Wand, bekommt neue Ober- und Untertöne.
Die Bühne spielt das Sprachspiel gewitzt mit. Am Anfang steht eine geschlossene Kiste da, man denkt an einen Flaschencontainer – nach und nach baut Lina Wand um Wand ab, die Kiste wird zum Puppenhaus, durch dessen Luken sich Leo nur mühsam in Linas Welt hineinquetschen kann. Das ist komisch und anrührend zugleich, ein kindlich zuckersüsser Wohnungstraum für Klara, die ersehnte «andere Lina», die junge Frau, die irgendwann ihr Leben selbst in die Hand nehmen wird.
Ein Befreiungsschlag
Eine Entwicklung gesteht die Autorin allerdings nur ihrer Hauptfigur Lina zu. Leo bleibt der begriffsstutzige Biedermann, Mutter Renata das menschliche Wrack, das sie von Beginn weg ist und aus der sie auch die Erinnerung an den kirschroten Lippenstift von früher nur für einen Moment herausholt. Offen bleibt am Ende auch, ob Lina ein eigenes Leben gelingt. Zumindest greift sie zur (hier nicht zu verratenden) Tat: ein Befreiungsschlag auch für das Publikum aus der klaustrophobischen Stimmung in der passend engen Kellerbühne.
Am Ende gab es heftigen Premierenapplaus für ein Stück, das in äusserster Zuspitzung eine familiäre Katastrophe entwirft, die man keiner Mutter und keiner Tochter wünschen würde – und die dennoch auch ihre komödiantischen Seiten hat. Es spielen Judith Koch, Doris Strütt und Romeo Meyer, Regie führt Stefan Camenzind, Bühne und Kostüme stammen von Angelica Paz Soldan und Jacqueline Kobler.
Weitere Vorstellungen: Freitag 15. und Samstag 16. September, 20 Uhr.
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