Basel hat eins – ein wirbliges, Szenen vernetzendes. Lenzburg hat eins, mit internationaler Ausstrahlung. Gottlieben hat auch eins: ein konzentriertes, arbeitsförderliches Refugium. Sieben Städte und Orte in der Schweiz haben eins. St.Gallen hat (noch) keins.
Aber das soll sich ändern, wenn es nach dem Willen einer Gruppe von Initiantinnen geht. Sie haben sich im Umfeld der Frauenbibliothek Wyborada zusammengefunden und setzen sich für ein Literaturhaus in der Stadt St.Gallen ein. Das sei nötig, um der Buchstadt St.Gallen mehr Profil und Ausstrahlung zu geben. Kritische Stimmen halten dagegen, es sei in Sachen Literatur jetzt schon viel los mit engagierten Akteurinnen und Akteuren. Und Kultur brauche nicht noch mehr Häuser, sondern mehr Bewegung.
Das Literaturhaus-Projekt startet dieser Tage – wenn auch noch ohne ein neues Haus, dafür umso bewegter. Ebenfalls auf der Zielgeraden ist der Architekturwettbewerb für die künftige Hauptstadt-Bibliothek. Gründe genug, die St.Galler Buchstadt-Geschichte um eine paar Seiten weiter zu schreiben. Wir reden über die Bibliothek und darüber, was ein Literaturhaus leisten kann und soll. Wir stellen das neue Förderprogramm Buch und Literatur Ost+ vor. Und fragen: Wie kommt das Buch zu den Leuten, wie kommen die Leute zum Buch, wie steht es um das Lesen und Schreiben überhaupt in der digitalen Gegenwart?
Spektakuläre neue Bibliotheken in anderen Städten beweisen, dass man sich offensichtlich kaum irgendwo sonst so kommunikativ und kreativ treffen, begegnen, austauschen kann wie rund ums Buch. Bibliotheken oder Literaturhäuser sind jener «dritte Ort» in Gesellschaften, die ihre öffentlichen Räume neu definieren müssen. Bis das in St.Gallen soweit ist, geht dieses Heft schon mal voraus, bringt weitere Literaturakteure ins Frage- und Antwortspiel, stellt Neuerscheinungen vor, lästert über den Regionalkrimi-Hype, lässt sich von Lino belehren, dass es Wichtigeres als Lesen gibt, kurzum: Saiten im Oktober ist auch ein Literaturhaus. Die Illustrationen, Wandtexte aus einem Gefängnis, zeigen ihrerseits: Literatur ist mehr als das, was zwischen zwei Buchdeckeln klemmt.
Ausserdem im Perspektiven-Schwerpunkt zu den Wahlen: das Interview mit Ständerat Paul Rechsteiner, ein Blick auf seinen Kontrahenten Roland Rino Büchel und der Appell, am 20. Oktober queer zu wählen. Und nicht zu vergessen: Knöppel. Lesen Sie die Packungsbeilage.
Peter Surber
Reaktionen/PositionenNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserGlücksfall und UnfallRedeplatz mit Jennifer AbderhaldenStimmrecht von Farida FerecliTestfall Münsterlingen von Harry Rosenbaum
Mehrsprachig, dialogisch, mobil: Patricia Holder und Karin K. Bühler über das Literaturhaus-Programm.Von Peter Surber
Warum ein Literaturhaus, warum die Villa? Fragen an Sandra Meier.
Wie funktioniert ein Buch? Annette Hugs trobadora.montage und das Programm Literatur Ost+.Von Eva Bachmann
Frauen schreiben. Und wo bleiben die Männer? Fragen an das Autorenpaar Julia Sutter und Simon Deckert.
Die inklusive Bibliothek: Katrin Meier über das Konzept der «Public library».Von Peter Surber
Mord in der Appenzellerbahn – eine Abrechnung mit den Regionalkrimis.Von Ralph Weibel
Neue Bücher aus dem Osten.
Vier Buchfragen, vier Antworten: Von Leonie Schwendimann, Florian Vetsch, Gallus Frei-Tomic und Rainer Stöckli
Lieber in den Wald.Von Lino
Wahlen I: Paul Rechsteiner im grossen Interview.Von Roman Hertler und Corinne Riedener
Wahlen II: Roland Rino Büchel – Showman an der rechten Seitenlinie.Von Roman Hertler
Wahlen III: Warum hat es so wenig queere Menschen im Schweizer Parlament?Von Anna Rosenwasser
Die Kohlestadt: Flaschenpost aus Frostburg.Von Miriam Rizvi
Milo Raus neues Evangelium verknüpft die Bibel mit der Flüchtlingskrise.Von Peter Surber und Rolf Bossart
Der Spielfilm Grâce à Dieu erzählt die Geschichte der Opfer eines pädophilen Priesters in Lyon.Von Corinne Riedener
Wichtige Hinweise zur Veröffentlichung des neuen Knöppel-Albums Faszination Glied®.Von Roman Hertler und Corinne Riedener
Ein Hauch von Buddenbrooks: Der Fünfeckpalast von Trogen im Buch.Von Hanspeter Spörri
Zwei Bücher übers Alter für die Babyboomer.Von Gabriele Barbey
All Ship Shape zeigen, wie der Geruch von Regen auf Asphalt tönt.Von Jonas Bartholdi
AbgesangBoulevardKellers GeschichtenPfahlbauerComic von Julia Kubik
Ganz Sangallä fahrt uf Bern – auch SENF. Wir tickern den Cupfinal der Espen ab 14 Uhr live aus dem Wankdorf.
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium