, 11. Juli 2017
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«I’m only human»

«Human – eine gewisse Ungewissheit in mir»: Vor Bildern aus der derzeitigen medialen Berichterstattung tanzen, singen und spielen 30 Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren auf eindrucksvolle Art ihre Gefühlswelt zwischen Festival und Flüchtlingskrise. von Veronika Fischer

Bilder: Bjørn Jansen, Theater Konstanz

Wie fühlt sie sich an, die Welt zwischen Kindheit und Erwachsensein? Welche Themen sind aktuell? Blicke ich zurück, so ist es eine Zeit der grossen Unsicherheiten. Wie hat man auszusehen und sich zu benehmen? Wie reagiert man auf Ungerechtigkeiten, im Klassenzimmer, in der Welt? Wie reagiert man auf die erste Begegnung mit der Liebe? Erste Demos, erster Kuss, erste durchtanzte Nächte, erste Tränen wegen Oliver (oder war es Julian?). Wie fühlt es sich an, in dieser Zeit ein Teenager zu sein?

Wenn ich an mediale Katastrophen zurückdenke, fällt mir der Tod von Lady Di ein. Die Live-Übertragung der Beerdigung, ein Spektakel mit Elton Johns Candle in the Wind. Das waren emotionale Momente. Verändert hat sich dies drastisch mit dem elften September.

Vermutlich kann sich jeder und jede erinnern, wo er oder sie war, als die Nachricht eintraf. Fassungslos starrten alle auf die Bilder im Fernsehen, die immer und immer wieder Aufnahmen von einstürzenden Gebäuden zeigten und Menschen, die daraus in den Tod sprangen. Wie ist es aber, heute in dieser Phase des Lebens zu sein, wenn regelmässig Bilder von Terroranschlägen die Medienwelt fluten?

Paris, Nizza, Berlin, London, Manchester

Wie lebt es sich damit, wenn man ständig Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer erhält oder von brennenden Unterkünften? Was passiert mit jungen, ungeformten, freien Denkweisen, wenn man mit einer Politik der Türkei, Russlands oder den USA konfrontiert wird?

30 Jugendliche des Tanzclubs am Jungen Theater Konstanz stehen auf der Bühne von Human – eine gewisse Ungewissheit in mir und erzählen mittels Tanz, Dialogen, Bildern und Musik aus ihrer Welt. Sie haben das Stück selbst konzipiert und knapp ein Jahr daran gearbeitet, zum Teil zwischen den Abiprüfungen.

Es geht ihnen um Halt, Sinnsuche, Sehnsucht und Fragen, die schwer zu beantworten sind. «Alles fühlt sich so weit weg an. Es ist nicht mein Leben, nicht mein Thema», heisst es in einem Statement. Dann fliegen, schweben, fallen die Darstellenden in ausdrucksstarken Choreographien (Ingrid Blomeyer-Wittig) in die Themen, die ihnen Angst bereiten: Abschiebungen, Einreiseverbote, Diktaturen und Terrorismus werden diametral Freiheit, Solidarität, Mitgefühl und Wut gegenübergestellt.

Wut als treibende Kraft des Stückes

Es ist ein kleines Kunststück, das den Jugendlichen unter Regie von Tanja Jäckel hier gelingt: Sie zeigen einen Umgang mit diesem Gefühl, das nicht zerstörerisch, blendend und hasspredigend fungiert, sondern nützen die Kraft aus der Mitte ihres Körpers, um etwas zu schaffen – Musik und Tanz.

Weitere Vorstellungen:
15. Juli, 20 Uhr, Spiegelhalle Konstanz und 16. September, Kantinale im Neuwerk Konstanz
theaterkonstanz.de

In verschiedenen Szenen wird mit rhythmisch bewegenden Körpern ausgedrückt, wo die Sprache ihre Vermittlungsfähigkeit verliert. So wird ein harmloses Ballspiel zum Abknallen, das Ticken der Uhr, des Vergänglichen, zum antreibenden Puls und Hilflosigkeit in Form von Lähmung zu Wut in Kraft und Energie umgewandelt.

Allen voran bewegt sich Sophia Foltin mit einem fantastischen Ausdruck über die Bühne und als wäre dem nicht genug, schwingt sie bei den musikalischen Stücken noch die Drums am Schlagzeug. Eine eigens für das Stück zusammengewürfelte Band spielt Stücke wie Cold Water von Damian Rice, Legendary von Welshly Arms, Human von Rag’n’Bone Man oder First Day of my life von Bright Eyes.

Hier glänzt Theo Hartmann als Frontsänger und Gitarrist mit einer Stimme, die mit ihrer Einfühlsamkeit und Verletzlichkeit Gänsehaut beschert. Ebenfalls Gänsehaut bekommt man, wenn Natalie Sumrah oder Pascale Marte das Mikrofon in die Hände bekommen. In ihrer Power erinnern sie an Pussy Riot und wenn sie ihre Stimmen erheben, wird abermals deutlich, wie aus Wut Wunderbares gemacht werden kann.

Das eindrückliche Stück zeigt in all seinen Facetten und persönlichen Gesichtern auf, dass in der Offenheit der Jugend deren grösste Stärke und zugleich auch die grösste Verletzlichkeit liegt. Wie sich die Darsteller eine Welt wünschen würden? Hierauf kommen Antworten, die von der Leichtigkeit eines Erdbeereises bis zu einem absoluten Füreinander einstehen reichen. Auch das wieder ein Sinnbild für die paradoxe Welt, in der wir heute aufwachsen.

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