, 24. September 2017
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Im «Räuber»-Käfig

Die Strubelfrisuren sind grossartig, die Bühne sehr künstlich, das Stück: nicht totzukriegen, aber auch nicht richtig lebendig. Schauspieldirektor Jonas Knecht startet am Theater St.Gallen mit Schillers «Räubern» zwiespältig.

Am Ende hat Karl seine treue Geliebte Amalia von Edelreich erwürgt, Bruder Franz ist tot, die Räuberkumpane Roller und Spiegelberg und Schweizer auch, der Vater eine Leiche, «die ganze Welt geht zugrunde», und wozu das alles?

Vielleicht hatte Schiller recht damit, dass sein Stück unaufführbar sei. Es könnte die «Zärtlichkeit unserer Sitten empören», schreibt er in der Vorrede; auf der Bühne zitiert Jessica Cuna daraus. Sie führt als Moderatorin («Rädchendreherin» nennt sie der Besetzungszettel) gewitzt durch den Abend, gibt Regieanweisungen, liefert zum wüsten Geschehen Philosophisches und Medizinisches aus Schillers Dissertation und anderen Quellen. Sie kündigt die Personen an und erklärt sie für tot, wenn sie tot sind, gemeuchelt, erwürgt, erschossen, per Selbstmord oder vor Schreck umgekippt.

Zuvor hat Franz seinen Vater einen «zähen Klumpen Fleisch» geschimpft, weil er sich weigert abzukratzen; Karl hat am Ende «einen Engel geschlachtet», der Mensch ist «Morast» und bleibt es. Grosser Schillerton, wüste und geflügelte Worte Schlag auf Schlag, Sätze wie Prankenschläge – bloss eben: Wo soll man hin mit dieser Sprache, mit diesen Rasereien? Immerhin sind mehrere Schulklassen in der Premiere, die haben Anrecht auf einen Schiller für hier und heute.

Franz Moor (Tobias Graupner).

Die St.Galler Inszenierung geht von Beginn weg, mit der Figur der Rädchendreherin, auf ironische Distanz zum Stück. Sie sagt: 1:1 geht dieser Schiller nicht mehr. Unaufführbar –  aber nicht deshalb, weil die Räuber die Moral beleidigen (die ist längst über alle Berge), sondern wegen ihrem schwülen Menschheitspathos, der Übersteigerung der Affekte ins Monströse, den sich jagenden Katastrophen, der Drastik der Sprache und Figuren, die aus Philosophie statt aus Fleisch und Blut sind, wie Schiller selber (in seiner anonymen Selbstrezension des Buchs) kritisierte.

Hotzenplotze und Amaliendoppel

Wohin also mit diesem Stück? Jonas Knecht und seine Truppe setzen auf das Format Räuberrevue. Zwei Musiker sind live auf der Bühne, Andi Peter und Martin Flüge liefern mit Klavier, Gitarre, singender Säge, Perkussion, Harmonium und Melodika den Soundtrack zum Geschehen – mal rockig, mal atmosphärisch wie Filmmusik, oft allzu beliebig. Papa Moor (Bruno Riedl) gibt beim ersten Auftritt einen schmissigen Karl-Song zum Besten, die doppelte Amalia (Diana Dengler und Anna Blumer) legt einen Tango aufs Parkett. Die Räuber rappen, unvermeidlich, einen Räuber-Rap.

Zur Revue passt die poppige Ausstattung. Kostümfrau Friederike Meisel steckt die Moors in grellfarbene, aus der Mode geratene Tenüs. Die Räuberbande ist ein Haufen Hotzenplotze mit Strubelfrisuren über dem Sonntagsgwändli (Hans-Jürg Müller, Matthias Albold, Birgit Bücker, Marcus Schäfer sowie Pady Zlatanovski, Hermi Widmer, Markus Schäpper und Till Frehner). Meist schreien sie herum, manchmal sprechen sie aber auch hoch diszipliniert im Chor. Oder werden, wie Schweizer gegen Ende, ernst und berührend.

«Sie liebt mich»: Karl (Dimitri Stapfer) und die doppelte Amalia (Diana Dengler, Anna Blumer).

Grell ist auch das Spiel; über weite Strecken dreht das Ensemble die Affektschraube noch ein paar Windungen über Schiller hinaus weiter. Amalia schmachtet und leidet erbärmlich – dank der Doppelbesetzung wird daraus aber keine Pein, sondern eine virtuose Sprech- und Bewegungs-Performance. Dengler und Blumer ringen in verschrobenen Choreographien um die Worte und die Männer und um eine Liebe, die ihnen heute, würde sie mit Ernst gespielt, niemand abnähme.

Nächste Vorstellungen: 26. September, 2., 5. Oktober
Theater St.Gallen
theatersg.ch

Wie die zwei Amalien leistet das ganze Räuber-Ensemble drei Stunden lang Theater mit ganzem Körpereinsatz. Allen voran Tobias Graupners Franz. Er presst sich vom ersten stockenden «Warum» an seinen Riesentext aus dem von Magenkrämpfen geplagten Leib heraus. Ein Nervenbündel, eine Zeitbombe. Dimitri Stapfers Karl ist weicher und anfechtbarer, sprunghaft, beleidigbar, kindlich.

Beide tragen noch die kurze Hose, die selbe wie in der Eingangsszene der kleine Karl und der kleine Franz (wechselnd gespielt von Nils Etter, Linus Seger, Oskar Rittgardt und Elhad Hoti). So ist von Beginn weg klar: Die verletzte Kindheit, das Familientrauma ist, was Knecht interessiert. Auf diesem Feld soll, unter der ironischen Oberfläche, die «Seele bei ihren geheimsten Operationen» ertappt werden, wie es Schillers Vorrede verspricht.

Im Glasgefängnis

Karl, der innig geliebte, und Franz, der brutal abgewiesene Sohn: Der Gegensatz spiegelt sich auf der von Markus Karner gebauten Bühne. Hier Karls Wald, ein künstliches Topfpflanzen-Plastikgehölz, das die Räuber nach und nach anschleppen. Dort das Moorische Schloss: ein protziger Glaskasten, hoch aufragend, drehbar wie die Bergstation auf dem Hohen Kasten, auf drei Seiten Fenster, die vierte Seite eine Art Kristallwand von ausgesuchter Hässlichkeit. Kein Ausgang: ein gläserner Käfig, in dem der alte und der junge Moor und die zwei Amalien eingesperrt sind. Halb Tiger, halb Schlange windet sich Franz darin, ein Entkommen gibt es nicht, und je brennender das Entsetzen, je höllischer die Predigt von Pastor Moser (Marcus Schäfer), desto schneller dreht der Kasten.

Es ist ein starkes Bild, das stärkste dieser Inszenierung. Und zugleich ein quälendes; der Kasten macht die Bühne eng, die Stimmung klaustrophobisch und die Spielsituation verkünstelt. Das ist symptomatisch für den Zwiespalt dieser Räuber insgesamt: Wir sehen ihnen beim Räuberspielen zu, wir erhalten ein Exempel in Kinderpsychologie, aber beschränkt auf Franz und nicht auf der Höhe heutiger systemischer Kenntnisse. Schillers Figuren, mehr als 200 Jahre alt, werden zwar mit dramaturgischem Geschick und vielen Spielideen ins Heute bugsiert, doch ihre Gefühle und Handlungen verbindet nichts mit dieser Gegenwart.

Der Schrecken bleibt privat

Diese Verbindung gäbe es aber. Tobias Graupners frühkindlich verletzter Rächer Franz, Dimitri Stapfers in die Katastrophe stolpernder Idealist Karl, in beiden kann man (und tut es auch oft) das Psychogramm heutiger und gestriger Terroristen und Despoten sehen – ob 40 Jahre nach dem «bleiernen» RAF-Herbst in Deutschland, mit Blick auf den Terror von heute oder auf die Zerstörungswut irrgewordener Machomänner von Trump bis Kim. Die St.Galler Räuber-Inszenierung verzichtet auf jegliche solche Assoziationen. Wer will, kann sie ahnen – zum Beispiel im panischen Zittern des alten Dieners Daniel (Hans Jürg Müller), den Franz in die Knie zu zwingen versucht.

So ehrenwert es ist, den Klassiker dem allgemeinmenschlichen und nicht dem tagesaktuellen Gehalt zuliebe aus der Schublade zu holen: Die Schiller’schen Figuren räubern politisch, sie schlagen mit Tigerkrallen ins Fleisch der Gesellschaft. In St.Gallen bleiben sie privat. Und damit in ihrer Monstrosität allein.

Tot, sagt die Rädchendreherin. Tot. Tot. Und dann stehen sie wieder auf und räumen gemeinsam die Bühne auf, bis sie wieder so leer ist wie am Anfang.

Bilder: Iko Freese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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