, 12. Juni 2018
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Im Schosse des Volkes

Was lernt man, wenn man sich freiwillig in Parallelwelten begibt? Hans Fässler hat seine «Von-einer-Filterblase-zur-andern»-Serie nach Peach Weber, Daniele Ganser, Christoph Blocher und FC St.Gallen (Spiel gegen Lausanne) mit Andreas Gabalier fortgesetzt.

Zur Vorbereitung und Einstimmung auf das Konzert erinnerte ich mich an eine Geschichte von Peter Bichsel. Der Schriftsteller und Beizenhocker hatte ein Pärchen getroffen, das ihm zu einem Schlager aus der Musikbox mit leuchtenden Augen erklärte, sie hätten sich bei dieser Musik kennengelernt. Bichsel sagte über das Stück: «Äs isch äs gruusigs Lied gsy!» Und war trotzdem gerührt.

Wie man den Namen «Gabalier» ausspricht, weiss ich immer noch nicht – beim Konzert vom 9. Juni 2018 im Kybun-Park (Gabalier sagte «Kübun-Stadion»), habe ich beides gehört: die Variante, die sich auf «Plaisir» und jene, die sich auf «Oh weh!» reimt. Der selbsternannte Volks-Rock’n-Roller erklärt in seiner Künstlerbiographie seinen französisch anmutenden Namen mit der Besetzung der Steiermark durch die revolutionären französischen Truppen im Jahr 1797. Natürlich nicht einfach so, sondern mit dem ihm offenbar einleuchtenden Grund, dass ein französischer Soldat lieber das lokale steirische Kürbiskernöl habe geniessen wollen, anstatt «mit Marschgepäck und schlechter Verpflegung quer durch den Kontinent zu latschen».

Man ist also ideologisch bereits ein bisschen vorgeglüht, als man sich nach Bratwurst und Bier in die Schlange der wartenden Fans einreiht. Man wünscht sich ziemlich voreingenommen, der Soldat wäre gelatscht und hätte für liberté und égalité gesorgt, statt für gabalier. Man hat Gabaliers Auseinandersetzung mit der österreichischen Bundeshymne im Kopf, die er in der alten Version («Heimat bist du grosser Söhne») vorzieht, weil die neue («Heimat grosser Töchter und Söhne») für ihn ein Ausdruck des «Gender-Wahnsinns» ist. Man weiss auch, dass sich nicht nur der in Arbor Felix wohnhafte Stratosphärenspringer und Orbán-Fan Felix Baumgartner wegen dem Satz «Es ist nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl heute noch auf ein Weiberl steht» für ihn aussprach, sondern auch ein ziemlich übler FPÖ-Politiker.

Er will nur spielen (und verdienen)

Und dann ist alles gar nicht so schlimm. Da steht ein (vom FC St.Gallen Fansektor aus gesehen) winziges Männchen auf der Bühne und bietet sehr lauten und manchmal sogar fetzigen Rock’n Roll. Die Band hat ein Bläser-Trio, das gar nicht mal so schlecht ist, einen E-Gitarristen, der ein bisschen aussieht und abgeht wie Alice Cooper, und die background vocals liefern zwei Sängerinnen im Dirndl, von denen die eine schwarz ist und die andere rötliche Haare hat und eine gute Stimme. Und Gabalier, der auf zwei riesigen Bildschirmen neben der Bühne meist medium close up und in ultra high definition zu sehen ist, hält sich gendermässig und politisch zurück.

Er freut sich über die vielen charmanten Damen in ihren hübschen Dirndln («Ihr seid’s fesch!»), fordert sie auf, mit dem linken Schulterblatt zu wippen, und singt schmachtende Liebeslieder. Einmal scheint er auf die Debatten um seine Person anzuspielen und sagt etwas über die Medien. Was genau, habe ich aus akustischen Gründen nicht verstanden, aber ein paar Fans schon, und die haben geklatscht. Dann singt er auch noch ein Lied darüber, dass man sich treu sein soll («A Meinung ham / Dahinter stehn / Die Welt mit eigenen Augen sehn / Ned ollas glauben wos a poar so red’n»). Wer wollte da von Mitte-links über Mitte-rechts bis Bieder-unpolitisch etwas dagegen haben?

Die Gabalier-Fans ihrerseits sind ein fröhliches Völklein, das seinen Spass haben will und dem man nicht wirklich böse sein kann. Vor allem dann nicht, wenn man eine Reihe vor diesem kleinen Mädchen sitzt. Sie ist vielleicht in der ersten oder zweiten Primarklasse und mit ihrer Familie aus dem Bernbiet angereist, wie man dem Dialekt nach schliesst. Sie trägt ein rotes Dirndl oder eine Art Tracht und ist vor Freude völlig aus dem Häuschen. Als der Bühnennebel die Erscheinung von Gabalier ankündigt, zählt die Familie lauthals rückwärts, und das Mädchen singt und tanzt dann eine Stunde lang so glücklich und durch ihre Brillengläser strahlend mit, dass man sich mit Gabalier und der Welt versöhnen möchte.

Natürlich, so sagt man sich dann wieder nüchtern, ist alles ein letztlich ziemlich national-konservativ-alpines Business, das mit 18 Lastwagen und 400 Tonnen Material anfährt und Widersprüche auftürmt wie Lautsprecher. Die hart rockende Band mit High-Tech-Sound, perfektionierter Video-, Licht- und Bühnentechnik teilt dem Stadion singend mit: «So san mia Bergbauernbuam!» Was niemand im Publikum stört, weil die ja auch die Band und sich selber in ihren Dirndln permanent mit ihren iPhone X 5,8″ Super Retina Display, dem Samsung Galaxy S9+ und dem Huawei P20 LITE 64 GB  Dual Sim Blue abknipsen. Vor allem, wenn sie diese lustigen Gabalier-Brillen mit Hirschgeweih tragen.

Gabalier ist zwischen den Songs ein praktisch charismafreier Unterhalter, der einigermassen penetrant seine neueste CD bewirbt und sich beim lokalen Publikum immer wieder mit Sprüchen anbiedert: «St.Gallen, wie ist die Stimmung?» Und der den 19’000 Fans im Stadion so treuherzig und doch gekünstelt von seiner kürzlich erlittenen Hirnerschütterung erzählt: Im Spital habe man ihm geraten, etwas kürzer zu treten, aber er habe sich gesagt: «Aber solange mich der Teufel nicht holt, solange im Kybunpark viele Leute auf mich warten!» Ein Spruch, der mit der FC St.Gallen Event AG hätte abgesprochen sein können.

Die Sehnsucht nach Ursprung

Die Dirndl und die Lederhosen, von denen ich an diesem Abend wohl einige Tausend aus der Ferne und einige Hundert aus der Nähe gesehen habe, sind ein Phänomen, das einer soziologischen oder kulturtheoretischen Studie würdig wäre und nicht nur einer Saiten-Konzertkritik. Zuhanden des Autors oder der Autorin, die sich vielleicht bald an die Arbeit machen, eine vorsichtige These: Sie sind in einer zunehmend banalisierten, kommerzialisierten, digitalisierten und globalisierten Welt Ausdruck einer tiefsitzenden Sehnsucht nach Verortung, nach Heimat («Heimweh» hiess die Schweizer Vorgruppe im Stadion!), nach Herkunft.

Diese Sehnsucht treibt die Menschen zum Whiskey-Genuss in den Alpstein, ins Tattoo-Studio, an die allgegenwärtigen Mittelaltermärkte, zu den Highland-Games nach Appowila, vor die FIFA-WM-Public-Viewing-Leinwände und ans Open-Air ins Sittertobel. Man will ums Verrecken (oder zumindest um den Preis von € 89.90 für ein Billig-Dirndl made in China) einer Gruppe zugehören und träumt den Traum von der «Aufhebung der Gegensätze im Schosse des Volkes» (Niklaus Meienberg).

Mit dem Schweizer Dramatiker, dem im St.Galler Lachenquartier eine Strasse gewidmet ist, könnte man formulieren, dass eine Geschichte erst dann zu Ende erzählt ist, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Und diese Wendung heisst in unserem Fall Reto Scherrer.

Das bittere Ende

Der Radio- und Fernsehmoderator trat plötzlich unerträglich gut gelaunt auf die Bühne, kniete – mit einem kleinkarierten Hemd bekleidet – vor Gabalier nieder, hampelte herum und versuchte mit dummen und dümmlichen Sprüchen Stimmung und Werbung für den «Donschtig-Jass» (natürlich mit Andreas Gabalier) vom kommenden Juli in Zermatt herzustellen. Dann kündigte er die Wettaufgabe für Gabalier an: Dieser musste sich die Namen von zehn Frauen merken, die im Dirndl auf der Bühne aufgereiht waren. Die Frauen waren dort angeschrieben «wo die Frauen so schön sind», wie der vermutlich leicht sabbernde Scherrer erklärte (ich konnte es von meinem Sitzplatz aus nicht sicher erkennen): mittels Klebe-Etikette am Dekolleté. Gabalier, dem das Ganze offenbar fast ein bisschen peinlich war, gab sich alle Mühe, die Namen zu lernen, worauf Scherrer, der vermutlich jetzt schon stark sabberte (ich konnte es von meinem Sitzplatz aus nicht sicher erkennen), die Tatsache, dass die Frauen die Klebe-Etiketten selbst entfernt hatten, mit der Bemerkung kommentierte, das hätte er eigentlich selbst machen wollen. Vermutlich hatte Scherrer sich bei der Planung seines Auftritts gesagt: «Was mein Moderations-Kollege Kilchsperger mit ‘Brustumfang-Schätzen’ kann, kann ich auch.»

Ich werde nach dem Erlebnis vom vergangenen Samstag vermutlich eine Volksinitiative mit dem Titel «Veto für Reto» lancieren, welche den bisherigen Artikel 93 der Bundesverfassung (Radio und Fernsehen) durch einen zusätzlichen Art.1bis wie folgt ändert: «Radio und Fernsehen sowie andere Formen der öffentlichen fernmeldetechnischen Verbreitung von Darbietungen und Informationen bleiben etwa gleich wie jetzt, einfach ohne Reto Scherrer.» Natürlich kann man sagen, Reto Scherrer gehöre nicht in die Bundesverfassung. Aber er gehört vor allem nicht ins Radio und nicht ins Fernsehen.

Bilder: Hans Fässler

 

 

 

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