, 22. Dezember 2020
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Im Sehnsuchtsland

«(Aus)gewandert nach Georgien»: Fast zwei Jahre hat Ruth Wili auf saiten.ch Tagebuch geführt. Jetzt ist der Bericht ihrer abenteuerlichen Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer als Buch erschienen, erweitert um die Zeit in Georgien selber.

Salome und ihre Mutter Mariam im Dorf Keda in Georgien. (Bilder: Ruth Wili)

Im Februar 2017 bricht sie auf, zu Fuss von St.Gallen, begleitet von ihrem Hund Homer und mit einem vagen Ziel: ein Haus in Georgien, das in ihren Träumen aufgetaucht ist. Ein Sehnsuchtsort. Ende Jahr will sie wieder zurück sein. Daraus werden schliesslich drei volle Jahre. Über ihre Wanderung und ihre Erlebnisse hat Ruth Wili jetzt ein Buch herausgebracht: (Aus)gewandert nach Georgien, im Untertitel: Wie ich vom Bodensee ans Schwarze Meer ging und beinahe nicht mehr zurückfand.

Die erste Hälfte der Geschichte, die Chronik ihrer Wanderung bis zur Ankunft in Georgien, hat Ruth Wili als Tagebuch in 32 Kapiteln für saiten.ch (unter dem Titel Go all the way) geschrieben. Für das Buch wurden sie leicht überarbeitet und ergänzt um einen zweiten Teil, der ihre Zeit in Georgien nacherzählt.

Eine zentrale Rolle nehmen dabei die Begegnungen mit den Menschen in Georgien und die wachsenden Freundschaften ein, insbesondere zu Salome und Nato und anderen Frauen im Dorf Keda, in dem sie «hängengeblieben» ist. Die andere Hauptrolle spielen die Hunde. Zu Homer kam bereits in Bulgarien ein zweiter herrenloser Hund hinzu, ein schwarzer wilder Kerl namens Pluto. In Georgien vermehrt sich die Ruth’sche Koppel um Mimi und eine Reihe weiterer Hunde.

Sie pflegt sie, versucht der Achtlosigkeit und Hilflosigkeit gegenüber streunenden Hunden ihre Vorstellungen von Tierbetreuung entgegenzusetzen, wird zur Anlaufstelle in Hundefragen – ein wesentlicher Grund dafür, dass sich ihr Aufenthalt verlängert hat.

Ruth Wili: (Aus)gewandert nach Georgien. Knesebeck Verlag München 2020, Fr. 28.90.

Anschaulich schildert die Autorin, die zuvor als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig war, die Freuden und Strapazen der Fusswanderung, die eindrückliche Gastfreundschaft an den meisten Stationen ihrer Reise – neben wenigen feindseligen Begegnungen – und, als eine Art Leitmotiv, den «Clash» der Kulturen und Werte, mit dem sie in den Ländern des Balkan und in Georgien selber konfrontiert ist.

Ruth Wili mit ihren Hunden in Georgien.

Seit Mai ist Ruth Wili zurück in der Schweiz – was bleibt im Rückblick auf ihre Expedition?

***

Drei Jahre dauerte deine Fusswanderung und dein Aufenthalt in Georgien. Ursprünglich war bloss ein Jahr geplant. Wie geht es jetzt weiter?

Ruth Wili: Ich bin im Auswahlverfahren für eine Arbeitsstelle. Das ist noch im Gang, aber von mir her kann ich sagen: Ich weiss, was ich will.

Ist das unter anderem ein «Lerneffekt» aus deiner Georgienzeit: wo es ja oft darum gegangen ist, zu wissen, was richtig ist, was der nächste Schritt ist etc.

Georgien ist auf jeden Fall eine grosse Schule gewesen im Hinblick darauf, dem zu folgen, was der Bauch sagt. Jetzt sagt er: Ich bleibe fürs erste da in der Schweiz, um Geld zu verdienen, um Gelerntes hier einzubringen und ganz anzukommen. Aber es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich auf Reisen gehe.

Würdest du bei einem nächsten Mal etwas anders machen?

Ich würde, wenn ich wieder aufbreche, die Angelegenheiten hier im Land im Voraus besser regeln. Das war bei meiner Fusswanderung, die sich fortlaufend verändert und ausgedehnt hat, sehr aufwendig, Dinge von unterwegs zu organisieren, ein Aufwand, der manchmal im Nachhinein unnötig gewesen wäre. Beim Unterwegs-Sein geht es hingegen um die «Basics», um Essen, Schlafen und Gehen. Um das Mich-Einlassen auf das Dasein im Moment.

Das Haus in Georgien, das als Traum der Auslöser für die ganze Unternehmung gewesen ist, bleibt weiterhin ein Ziel?

Ich bin mir ziemlich sicher, wo dieses Haus steht, rund 40 Kilometer östlich des Orts Keda, in dem ich gelebt habe. Die Situation, die Architektur der Häuser, die Rhododendren – alles ist dort so wie in meinem Traum. Aber ich muss es nicht mehr suchen. Gerne würde ich hingegen die Wanderung Richtung Osten fortsetzen – Richtung Aserbeidschan, aber das ist im Moment undenkbar wegen des Konflikts um Nagornyj Karabach.

Die alte Moschee in Akutsa.

Was waren im Rückblick die einschneidendsten Erfahrungen in Georgien?

Ein entscheidender Punkt war das Erleben meiner eigenen Kraft – in jener Situation, als ein Mann übergriffig geworden ist. Die Erfahrung, aus dem Moment emotional reagieren zu können, nicht erst nachträglich, und damit mich auch durchzusetzen: Das war für mich persönlich sehr wichtig. Es ist nicht einfach, als Frau allein unterwegs zu sein in so patriarchal geprägten Kulturen. Ich bin in Georgien teils fast Abend für Abend irgendwohin eingeladen worden, oft in Männer-Trinkrunden – und musste lernen, zu- und abzusagen und mich damit auch unbeliebt zu machen. Grenzen ziehen als dauerhafte, aktive Arbeit…

Du schilderst im Buch auch Szenen von offener Homophobie.

Diese bleiben am ehesten als eine offene Wunde meiner Georgien-Zeit zurück. Ich habe Freundinnen und Freunde gefunden, mit denen ich sehr viel an Interessen geteilt habe – aber in Bezug auf sexuelle Toleranz leben wir auf komplett unterschiedlichen Planeten. Einschneidend waren auch die Debatten um den georgischen Film And then they danced, der von einem Tänzer des Georgischen Nationalballetts und dessen Gefühlen für einen Mittänzer handelt. Der Film konnte nur unter Polizeischutz in den Städten Tiflis und Batumi gezeigt werden, dabei behandelt er das Thema äusserst respektvoll und versöhnlich. Aber er zeigt auf, wie homophob das georgische Kulturgut gehandhabt wird. Aus orthodoxen Kreisen gab es wochenlang Schimpftiraden gegen den Film.

Wäre das ein Grund für dich, solche Länder künftig zu meiden?

Nein, überhaupt nicht. Sondern hinzugehen und mich selber ganz dabei zu haben, inklusive meiner sexuellen Orientierung, und damit die Menschen auch zu konfrontieren. Nicht in dem Sinn, dass ich sie verändern wollte oder könnte – aber kultureller Austausch kann nur dann funktionieren, wenn man sich als ganzen Menschen dabei einbringt. Weder wegzuschauen noch zu verdammen: Das ist kein einfacher Weg.

Die Freundinnen aus Keda: Nato (oben), Salome und Mariam.

Umgekehrt hast du offensichtlich ein sehr gastfreundliches Land kennengelernt – was auch nicht immer nur einfach war?

Was mich sehr berührt hat, ist, mit welcher Güte die Menschen in Georgien auf Situationen und andere Menschen reagieren. Es ist mehr als Gastfreundschaft, es ist ein Grundverständnis von Freundschaft und Zusammenleben überhaupt. Das hat mich mit meinem schweizerischen Hintergrund sehr wohltuend durchgerüttelt. Und gelehrt, nicht erstmal darauf zu schauen, was einem an Freiraum abhanden kommen könnte in solchen Begegnungen, sondern was einen bereichert. Ich war immer wieder von neuem beeindruckt, mit welchem Ernst die Menschen ihr Leben leben – auch wenn die gesellschaftlichen Werte mit meinen eigenen teils nicht kompatibel sind.

 

 

1 Kommentar zu Im Sehnsuchtsland

  • Edith Rauber sagt:

    Ich habe diese Kostbarkeit in Form eines Buches sehr genossen und ich werde es noch und noch und nocheinmal lesen.
    Vielen Dank dafür Ruth Wili!

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