Beeren im Überfluss, der Flieder war so prächtig wie nie, der Peterli wuchert – alles wächst und treibt und blüht, ein verrücktes, üppiges Jahr, dieses 2018, bisher. Grund genug also, vom Grünzeug zu reden. Das sommerliche Saitenthema könnte, mit Kräuterpfarrer Johann Künzles Klassiker der Naturheilkunde gesprochen, «Chruut und Uchruut» heissen.
Wir reden von und mit Spezialisten: dem Kräuterpionier, dem Kräuterunternehmer, der Kräuterforscherin und dem Kräuterkoch, und wir haben Naturheilpraktikerinnen, Pflanzenkundlerinnen und Kräuterfreunde nach ihrem Lieblingskraut gefragt. Entstanden ist ein so individuelles wie unvollständiges Herbarium. Warum es von Natur aus kein Un-Kraut gibt und warum man sich trotzdem mit aller Leidenschaft damit befassen kann, darüber macht sich eingangs die junge St.Galler Autorin Julia Sutter Gedanken. Und im Ausklang des Titelthemas geht es um Kräuter im Stadtbild und um die meistgehassten Gewächse: die Neophyten. Hinter deren aufdringlichem Wuchern schiessen auch ein paar grundsätzliche Fragen ins Kraut: Wie haltbar sind, in einer botanisch längst globalisierten Welt, noch die Vorstellungen von «heimischen» und «fremden» Pflanzen und der herkömmliche Artenschutz? Und wie steht der Mensch überhaupt zur Pflanzenwelt, die nach den Worten des italienischen Philosophen Emanuele Coccia das uns Fremdeste überhaupt ist – und von der wir zugleich Entscheidendes lernen können?
Wenn der Schein nicht täuscht, dann ist gerade eine Renaissance der Pflanzenliebhaberei und -reflexion im Gang. Kaum jemand macht es noch ohne das Basilikum-Töpfchen, zumindest auf dem Balkon. Urban gardening ist hoch im Kurs, das Hochbeet das Mass aller Dinge, und die Zahl der Vegetarier und Veganerinnen steigt. Die Schulmedizin, zumindest deren undogmatische Vertreterinnen und Vertreter, schätzt die Naturheilkunde mehr als auch schon, und es floriert eine Sachliteratur, die ein neues Verständnis der Pflanzen fordert und ihre Sinnesviel falt und Kommunikationsfähigkeit feiert – «Biologen sprechen von einer kopernikanischen Wende, die unser Bild vom strohdummen Grünzeug erschüttern könnte», stellte das Magazin «National Geographic» schon vor einigen Jahren fest.
Raus ins Grüne also. Wer es aber trotz aller Naturliebe mit der Kultur nicht ganz verderben will: Der traditionelle Saiten-Sommerführer macht auf Lohnendes kreuz und quer durch eine grosszügig interpretierte Ostschweiz aufmerksam.
Peter Surber
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Marina WidmerStimmrecht von Aida ZenuniMensch Meyer von Helga und Janine MeyerHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerBlickwinkel von Daniel V. Keller
Verbotenes TreibenBeikraut, Wildkraut, Spontanvegetation: Das Unkraut hat viele Namen – und kann auch glücklich machen.von Julia Sutter
Der Karl May der NaturheilkundeWie Alfred Vogel dank dem Roten Sonnenhut zum Pionier der Pflanzenmedizin wurde.von Hanspeter Spörri
Delikatessen am WegrandUnterwegs mit dem Spitzenkoch Ivanassèn Berov.von Peter Surber
In der Gewürz- und Kräuterduftwolke«Erboristi Lendi» handelt mit Bio-Produkten aus den ärmsten Regionen der Welt.von Harry Rosenbaum
Würzen mit WalafridIm Gespräch mit der Kantonsärchäologin und Kochbuchautorin Regula Steinhauser-Zimmermann.von Peter Müller
Mauerblümchen und NeophytenStadtbewohnerinnen und Einwanderer: pflanzliche Lektionen fürs menschliche Zusammenleben.von Peter Surber
Herbarium: Achillea millefolium, Filipendula ulmaria, Hypericum perforatum, Diplotaxis tenuifolia, Petroselinum crispum und andere Prachtskräuter.von Urs Fitze, Bettina Dyttrich, Frédéric Zwicker, Angela Keller, Regina Germann, Corinne Riedener, Christine Stieger und Ueli Vogt
Die Cyanotypien auf dem Cover und im Titelthema hat Larissa Kasper fotografiert.
1918 – Der Landesstreik von unten erzählt: Stefan Keller und Gisa Frank im Interview.von Peter Surber
2018 – Der SDA-Streik und was davon geblieben ist.von Andreas Kneubühler
Flaschenpost aus Japan.von Claude Diallo
Ausgewähltes Aus Musik, Kunst, Kino, Theater, Freizeit & Co.mit Beiträgen vom See, vom Gebirg, aus Altnau, Heiden, Rotmonten, Altstätten, Dornbirn, Lustenau, Feldkirch, Ittingen, Dreyschlatt, Lichtensteig, Pfäffikon, Schaffhausen, St.Gallen, Wil, Winterthur und anderen schönen Flecken
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.