, 9. Juli 2013
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Im Spinnennetz des Appenzellischen

Fotograf Ueli Alder zog von Urnäsch nach Zürich, Schauspielerin Karin Enzler aus Appenzell lebt schon lange in Deutschland.Via Skype haben sie mit Hanspeter Spörri für das Sommerheft von Saiten über die Heimat nachgedacht.

Vom Appenzellerland kommt man nicht so einfach los – auch wenn man wegzieht.

Ueli Alder: Das ist zum Glück leider so. Einst brauchte ich Abstand vom Appenzellerland. Jetzt sehe ich es von einer anderen Seite und weiss, dass ich in Zukunft immer wieder zurückkommen werde. Mein Verhältnis zu Zürich ist übrigens ähnlich. Zunächst habe ich es gehasst. Dann entwickelte sich eine Hassliebe. Und jetzt mag ich die Stadt, in der ich wohne.

Karin Enzler: «Das ist zum Glück leider so» beschreibt dieses Phänomen sehr schön! Es gehört zu einem gesunden Entwicklungsprozess, dass man sich von der gewohnten Welt entfernt, um andere Welten kennenzulernen. Die haben es freilich schwer, mit der Heimat zu konkurrieren. Man wirft wohl ein Leben lang einen liebevollen – bis hungrigen – Blick zurück auf diese erste Welt «Heimat». Es ist wie mit dem ersten Sudel auf einem Blatt Papier: Diese frühen und kräftigen Spuren bleiben lange sichtbar – auch wenn man sie radiert oder drübermalt.

Es ist kein Verdienst, Appenzellerin zu sein. Aber eine besondere Prägung ist es schon. Weshalb?

Ueli Alder: Darüber habe ich viel und lange nachgedacht, ohne eine Antwort zu finden. Ich glaube, es ist etwas, das man erfahren muss. Im Vordergrund steht für mich das, was Auge und Ohr anspricht. Das Appenzellerland mit dem Alpstein als Kulisse ist wie eine kleine Insel oder eine Bühne; eine Miniaturschweiz am Rande der Schweiz.

Karin Enzler: Mir kommt es manchmal vor, als wäre jeder Bildausschnitt eine perfekte Postkartenvorlage. Man ist gerne abgesondert, akzeptiert es, als Sonderling gesehen zu werden.

Ueli Alder: Sonderling nicht unbedingt im negativen Sinn. Wir haben es jedenfalls ins Positive gedreht, kultivieren den Eigensinn. Wer genau hinschaut, sieht allerdings, dass die Freiburger und die Berner Oberländer genauso eigensinnig sind.

Ist das die bekannte appenzellische Schlauheit? Man wird in eine Ecke gedrängt, wandelt das Negative aber in etwas Positives um.

Karin Enzler: Bei Feldkirch existiert angeblich eine Kapelle mit der Inschrift: «Gott bewahre uns vor der Pest und vor den Appenzellern». Man muss sich schon fragen, was historisch passiert ist, welche Heldentaten oder Zufälle nötig waren, bis wir in diese Position gerieten. Grundsätzlich sind wir ja umgängliche und weltoffene Leute – abgesehen davon, dass wir gerne in die Welt hinausgehen, bis Feldkirch oder weiter, kommt auch recht viel Welt zu uns nach Appenzell. Ich glaube nicht, dass es in Appenzell vieles gibt, was es anderswo nicht auch gibt. Und das meine ich in keinster Weise abschätzig! Aber nüchtern betrachtet könnte man auch die These aufstellen, dass die Appenzeller einfach besonders gut im Marketing und in der Selbstdarstellung sind.

Saiten Gespraech mit Uli Alder, Hanspeter Spoerri und Karin Enzler

Diese stimmt nicht immer mit der Wirklichkeit überein.

Karin Enzler: Selbstdarstellung erfordert Konsequenz. Natürlich passieren Fehler! Und in diesen Widersprüchen wird der Mensch ja erst sichtbar. Aber man darf es sich auch nicht zu einfach machen: So will der Appenzeller zum Beispiel im kulturellen Feld etwas Markantes und Exotisches darstellen; im wirtschaftlichen Sektor ist es ihm aber ein Anliegen, als modern zu gelten. Daraus können Konflikte entstehen, wie sie beispielsweise im Tourismus sichtbar werden.

Die Folge: Appenzell ist auf dem Weg zum Disneyland.

Karin Enzler: Es geht nicht darum, den Tourismus schlechtzureden, dafür leben zu viele Leute davon. Aber ich spreche gegen diese appenzellerische Selbstverklärung, wie urchig wir sind und echt und so weiter. Und dann komme ich mal wieder nach AI und bin erstaunt über die Veränderungen: die schüchelige – exgüsi – Betonmauer beim Friedhof; langweilige neue Wohnbauten mitten im Dorf. Wo ist denn da das typisch Appenzellische? Das Einfache und Heimelige, das Bäuerliche und Exotische, das Handwerkliche und Qualitative? Weshalb macht man solche «Fehler»? Es stecken gewöhnliche kapitalistische Interessen dahinter. Da war halt noch ein Stück Boden im Zentrum, das an den Meistbietenden verkauft wurde, oder einer hatte einen guten Bekannten in wichtiger Position – notfalls vergisst man dann das Programm «Tradition». Das Ästhetische liegt nicht jedem und nicht immer am Herzen!

Da kann man als Ausserrhoder nur nicken, oder?

Ueli Alder: In der Tat. Beim Ausserrhoder Tourismus eifert man zwar den Innerrhodern nach, wünscht es aber nicht ganz so laut und bunt, allerdings mit der gleichen Energie dahinter. Ich finde, Ausserrhoden müsste sich da nicht an Innerrhoden orientieren. Wenn man den gleichen Erfolg will, müsste man mit dem gleichen Draufgängertum ans Werk gehen – das liegt den Ausserrhodern aber nicht.

Karin Enzler: Für Tourismus bezahlt man bekanntlich immer auch einen Preis. Innerrhoden ist klein, und viel davon wird genutzt. Ich geniesse es immer mehr, wenn ich ins Ausserrhodische gehen kann, wo es mehr Platz und mehr Ruhe gibt und ich eine normale Wirtschaft ohne ambitioniert grüssende Wanderer finden kann.

Ueli Alder: Für meine Arbeit gehe ich gerne dahin, wo ich nicht gestört werde. Aber noch im hintersten Winkel von Innerrhoden ist es mir passiert, dass zuerst eine Frau im Subaru, dann ein Bauer mit dem Ladewagen vorbeikommt. Und beide halten an und fragen, was ich hier mache.

Die soziale Kontrolle, die Neugierde gehört zu dieser Gesellschaft. Es gibt im Appenzellerland aber auch etwas Schwermütiges, Schwerblütiges.

Karin Enzler: Ich kenne mehrere Leute, die Selbstmorderfahrungen in der eigenen Familie gemacht haben. Auch statistisch gesehen ist die Suizidrate im Appenzellerland extrem hoch. Wieso? Wo wir doch weit weg sind von  anonymen Lebenssituationen in Grossstädten, und es doch viele selbstbestimmte, wackere, offene und gradlinige Appenzellerinnen und Appenzeller gibt. Eine Tante erklärte dieses Phänomen einmal so: Man bringe hier die Schönheit der Landschaft und das Schwere, das man lebt, nicht in Übereinstimmung. Diese Enge im Appenzellerland, das Kesselartige, der damit verbundene vermeintliche Überblick strickt den Filz zusammen, unterstützt die soziale Repression, dass man sich so manches Mal überlegen muss, ob man seine Meinung äussert und damit Gefahr läuft, im nächsten Jahr keine Aufträge mehr zu erhalten. – Persönlich würde mich die soziale Kontrolle zur Rebellin machen.

Ueli, du bist ein Rebell?

Ueli Alder: Ich weiss es nicht. Als eine befreundete Journalistin vor der Landsgemeinde in Innerrhoden recherchierte, stiess sie gegen eine Wand. Niemand gab ihr Auskunft. Irgendwie ist das logisch. Jeder kennt jeden. Wenn ich immer noch in Urnäsch wohnte, ginge es mir wohl auch so. Aber weil ich weg bin, erlaube ich mir manchmal einen Kommentar. Ich möchte einen Diskurs führen. Manchmal haben wir einen allzu verklärten Blick auf uns.

Schon Ende des 18. Jahrhunderts hat der deutsche Arzt und Reiseschriftsteller Gottfried Ebel den Kontrast zwischen der Vitalität und der Schwermut der Appenzeller beschrieben.

Karin Enzler: Wahrscheinlich gehört das wirklich zusammen: so, wie es in Zürich die Bahnhofstrasse nur gibt, weil es auch die Langstrasse gibt. Vielleicht neigen wir im Appenzellerland seelisch tatsächlich zu Extremen.

Das kommt in der Musik zum Ausdruck, im Appenzeller Blues.

Ueli Alder: Ein Henderländer Zäuerli, ein Chlausezäuerli geht mir erst tief, wenn es richtig schwermütig tönt. Ich weiss nicht recht, wieso das so ist. Vielleicht geht es gar nicht um die Schwermut. Aber das Gefühl ist eine Tatsache.

Ich habe den Eindruck, ihr arbeitet beide mit diesem Gefühl.

Karin Enzler: Ich habe Mühe, wenn Musik durchgehend in Dur gehalten ist, bin extrem zugänglich für das Melancholische und Dramatische. Das Melancholische gibt mir die Möglichkeit, mit mir selbst in Kontakt zu kommen – was wichtig ist, wenn man künstlerisch arbeitet, egal ob in der Fotografie, der Musik, der Literatur, im Theater. Aber der Appenzeller Blues – das ist ja auch schon wieder ein Marketingbegriff. Wenn ich am 8. September auf der Wanderbühne Ledi in Teufen meine Lieder singe, die alle etwas traurig sind, ist das Appenzeller Blues – gegen diese Zuschreibung habe ich keine Chance, obwohl alles fernab von Appenzell entstanden ist und ich keinen Kontakt zur Musikszene habe.

Saiten Gespraech mit Uli Alder, Hanspeter Spoerri und Karin Enzler

Ihr ringt beide mit dem Appenzeller Klischee, merkt aber, dass es wie ein Spinnennetz ist, von dem man nicht loskommt.

Karin Enzler: Ob ich damit ringe, weiss ich gar nicht. Zu Beginn habe ich Lieder auf Englisch geschrieben – aber da landete ich immer im Abgedroschenen. Nun, da ich Dialekt schreibe, gefällt es mir besser. Es ist meine Sprache, mein Klang. Wenn man sich mit dem beschäftigt, was man wirklich kennt – und ich kenne mich in Appenzell immer noch am besten aus, trotz der zwölf Jahre, die ich nun im Ausland an wechselnden Orten verbracht habe –, dann kann man aus der Tiefe schöpfen, aus der Kindheit.

Das Kreative hat mit Zwischentönen zu tun, die oft nur versteht, wer den lokalen Klang kennt?

Karin Enzler: Es geht nicht nur um das rationale Verstehen, sondern auch um das Emotionale, um die Tuchfühlung.

Ueli Alder: Zum Spinnennetz fällt mir eine Anekdote ein. Meine Bilder, in denen ich mich als Cowboy inszenierte, trugen den Obertitel Wenn’d gnueg wiit fort goscht, bisch irgendwenn wieder of em Heeweg. In Medientexten wurde das immer wieder als altes Appenzeller Sprichwort bezeichnet – obwohl es die Übersetzung eines Songtexts von Tom Waits ist. Ich fand diesen Titel schon immer super. Auf Englisch funktionierte er aber nicht. Ich wollte ein wenig das Klischee bedienen und formulierte ihn in extra breitem Dialekt. So wurde der Satz zum Selbstläufer, obwohl ich wiederholt sagte, es sei kein Appenzeller Sprichwort.

Offenbar ist es mittlerweile eines geworden.

Karin Enzler: Es ist eine Lebensweisheit. Der Spruch fasst vieles zusammen. Aber das ist das Marketing: Sofort entsteht daraus ein Banner. Man sagt ja, die Appenzeller seien gewiefte Gschäftlimacher. Zu Recht!

Aber es kommt darin auch eine tiefe Sehnsucht nach Heimat zum Ausdruck, nach dem, was in der Globalisierung und wegen der Angleichung von allem an alles verloren geht.

Ueli Alder: Was mich künstlerisch interessierte, traf anscheinend den Nerv der Zeit. Wenn rund um die Welt die gleiche Musik gehört wird, wächst die Tendenz, wieder die eigene Volksmusik zu hören.

Eine Wellenbewegung – aber die Reaktionen zeigen mehr, was wir verloren haben.

Karin Enzler: Diese Stilisierungen des Urchigen sind einfache kulturhistorische Prozesse, Spätfolgen des Individualisierungsdrucks. Früher hatte niemand das Gefühl, sich selbst verwirklichen zu müssen. Du warst, was in deinem Dorf oder deinem Land alle waren. Heute vergleichst du dich mit der Schweiz, der ganzen Welt. Hinzu kommt der oft diskutierte Druck: Befreie dich selbst! Sei kreativ! Sei deine eigene Marke! Dem Kreativitätszwang steht aber meiner Meinung nach das Wahrhaftige gegenüber. Und da kommt dann Tradition ins Spiel. Wenn ein afrikanischer Künstler in unserer Skype-Runde sässe, würde er wohl ähnlich reden über sein Dorf, vielleicht auch über die Suizidrate, die Vereinsamung, Vergewaltigungen … Zugegeben: Wenn ich sagen muss, woher ich komme, erzähle ich von den Bergen, vom Frauenstimmrecht, berichte davon, wie mein Vater den Kaninchenbock erschlug, der meine Mutter gebissen hatte – und wie wir Kinder alle riefen: Erschlag ihn! Die Leute sind dann extrem geflasht oder schockiert und sehen mich als Barbarin.

Appenzeller kultivieren das Barbarentum?

Ueli Alder: Wenn ich in Amerika sagen muss, woher ich komme, zeige ich ein Filmchen von wüsten Silvesterchläusen und sage, dass ich auch schon Hundefleisch gegessen habe. Im gleichen Atemzug sage ich vielleicht auch, dass es nicht ganz stimmt. Aber das ist der Mythos, das Archaische.

Bilder: Daniel Ammann. Mehr zum «cho und go» im und aus dem Appenzellerland:
im Juli/August-Heft von Saiten

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