Umfangreiche Sachbücher können abschrecken. Bei Heidi Eisenhuts 470-Seiten-Wälzer über den Trogner Fünfeckpalast, seinen Erbauer Johann Caspar Zellweger-Gessner (1768–1855) und dessen Vor- und Nachfahren, ist dies anders. Trotz der verwirrenden Vielfalt von Namen, Orten und Schicksalen, die in die Erzählung verwoben sind, liest man das Buch mit steigender Spannung.
Es beleuchtet eine historische Kontinuität, die bis in die Gegenwart reicht; es macht einen mit Menschen bekannt, die zwar vor unserer Zeit und unter ganz anderen Umständen gelebt haben, aber im Grunde waren wie wir, voller Widersprüche, einerseits teilnahmsvoll, kreativ, politisch engagiert und karitativ, anderseits manchmal überfordert und unglücklich. Sie empfanden sich als Glieder einer Kette, litten teilweise unter der Familientradition, fürchteten, dieser nicht genügen zu können.
In der Zeitkapsel
Zustande gekommen ist das Werk dank mehrerer Glücksfälle. Da ist zunächst die Autorin, Heidi Eisenhut, 1976 geboren, Historikerin, seit 2006 Leiterin der Kantonsbibliothek von Appenzell Ausserrhoden. Zu ihrer alltäglichen Beschäftigung gehört das Studium historischer Quellen. Um die Kaufmanns-, Politiker- und Intellektuellenfamilie Zellweger kam sie dabei in Trogen nicht herum. Alle Steinbauten, die den Trogner Landsgemeindeplatz säumen, gehen auf diese zurück.
Eugen Zellweger (1863-1941), Kaufmann und Familienchronist, 1889 inmitten seiner Nippes-Welt im zweiten Stock des Fünfeckpalasts.
Nach und nach wurde Heidi Eisenhut in den vergangenen 13 Jahren zur Expertin. Zu einzelnen Exponenten der Familie entwickelte sie eine besondere Nähe, etwa zum Arzt und Gelehrten Laurenz Zellweger (1692–1764). Mit den Jahren tauchte sie immer tiefer ein in die familiären, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge und bewegt sich mittlerweile im Zellweger-Universum, als ob es ihre eigene Welt sei.
Dann ist da der zwischen 1802 und 1809 erbaute Fünfeckpalast, der 1991, in sanierungsbedürftigem Zustand, von der Erbin Ida Dorothea Zapasnik-Zellweger (1917–2002) dem Kanton verkauft wurde. Er beherbergt heute das Obergericht von Appenzell Ausserrhoden, mehrere Wohnungen und grosse Teile der Kantonsbibliothek.
Ein ganz besonderer Glücksfall ist die Zellweger-Wohnung im ersten Stock des sogenannten Herrschaftsflügels. Beim Verkauf an den Kanton handelte die Besitzerin ein 30-jähriges Wohnrecht für sich und ihre Familie aus, um den Abschied vom «Stammschloss» nicht allzu abrupt werden zu lassen. Ihre Erben verzichteten 2013 auf dieses Wohnrecht. Mit einer feierlichen Übergabe ging die Wohnung samt Inventar in den Besitz des Kantons über.
Dieses Inventar hat es in sich. Die Wohnung trägt laut Heidi Eisenhut «den Charakter einer Zeitkapsel», war «im Lauf der Jahrzehnte, mehr schleichend denn bewusst, zur Sammelstätte für die familiäre Überlieferung geworden». Sie blieb unverändert, kann heute geführt besichtigt werden und ist als Bestandteil des Familienarchivs Zellweger eine wichtige Grundlage der Forschungs- und Vermittlungsaktivitäten der Kantonsbibliothek.
Anklänge an Buddenbrooks
Die verschiedenen Ablagerungsschichten in dieser Wohnung sind wesentliche Quellen für Heidi Eisenhuts Buch, hielten manche Überraschung bereit und verweisen auf einen weiteren Glücksfall: Vermutlich ist nirgendwo auf der Welt die Geschichte einer einzelnen politisch, intellektuell, kulturell und ökonomisch bedeutsamen Familie über einen Zeitraum von mehr als 300 Jahren so weitreichend und unverfälscht dokumentiert, vor allem dank tausender Briefe.
In der Zellweger-Wohnung sind – nur als Beispiel – Dokumente und Gegenstände vorhanden, welche die NSDAP-Mitgliedschaft der Zellweger-Witwe Ida Maria Ringold (1887–1966) und ihres Mannes Otto Kauffmann, eines deutschen Staatsbürgers mit Appenzeller Vorfahren, belegen – Zeitzeugen, die aussortiert hätte, wer einzig auf den guten Ruf bedacht gewesen wäre.
Heidi Eisenhut: Wunderlich kommt mir die Baute vor. Der Fünfeckpalast in Trogen und die Familie Zellweger. Hrsg. vom Kanton Appenzell Ausserrhoden. Appenzeller Verlag Schwellbrunn 2019, zahlreiche Bilder und Faksimilie-Beilagen, Fr. 48.–
Die in der Ausserrhoder Kantonsbibliothek aufbewahrten Dokumente zur Zellweger-Familie sind so umfangreich, dass ein Historikerinnen-Berufsleben wohl nicht reiche, um sie alle auszuwerten, mutmasst Heidi Eisenhut. Ihr Buch enthält deshalb noch bei weitem nicht alles, was man über die Zellweger wissen kann. Eher ist es ein «Reiseführer» in deren Welt, öffnet Zugänge für weitere Forschungen, informiert über Wichtigstes, Denk- und Merkwürdiges, macht dank reicher Bebilderung auch das Schnuppern und Querlesen zum Vergnügen.
«Plötzlich diese Übersicht», ist man am Ende der Lektüre versucht auszurufen. Man wird zwar vieles wieder vergessen, verfügt künftig aber über ein feineres Koordinatennetz, wenn man sich irgendwann wieder mit der Entwicklung des Dorfes Trogen und der Region im 18., 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt, mit sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen, mit Aufklärung, Rokoko, Globalisierung, Frühindustrialisierung, Aufstieg und Niedergang.
Wie vom berühmten Werk des Künstlerduos Fischli/Weiss mit dem Titel Plötzlich diese Übersicht – 350 modellierte Figuren, witzig, tragisch, absurd – wird man überwältigt, aber auch versöhnt mit der Vielfalt, glaubt für kurze Zeit die menschliche Wirklichkeit zu erkennen. Dass Heidi Eisenhut im Buch mehrmals Stellen aus Thomas Manns Buddenbrooks zitiert, trägt zu diesem Verständnis bei. Ähnlichkeiten sind offensichtlich.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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