Als im Februar 2014 die Krim-Krise mit der Besetzung des Parlaments ihren ersten Höhepunkt erreichte und kurze Zeit später die russische Armee die Kontrolle über die Halbinsel übernahm, war mein letzter Krim-Besuch gerade mal knapp vier Monate her. Kurz darauf brach der Krieg im Osten des Landes aus. Er dauert bis heute an und hat bislang rund 17’000 Verletzte und an die 7’000 Menschenleben gefordert. Darüber, dass die russische Staatsführung und ihre Streitkräfte seit Beginn eine wesentliche Rolle auf der Seite der prorussischen Separatisten spielen, besteht heute kein Zweifel mehr.
Die Annexion der Krim und der Krieg im Osten des Landes haben einmal mehr gezeigt, wie diametral sich die Berichterstattung der westlichen und russischen Medien entgegenstehen. In diesem Sommer wollte ich mir darum unbedingt ein eigenes Bild der Lage vor Ort machen. Wegen der anhaltenden Kriegshandlungen musste ich den Osten leider weglassen. Zudem wurde mir von ukrainischen Freunden berichtet, dass es nach wie vor praktisch unmöglich sei, vom Festland aus auf die besetzte Krim zu gelangen; selbst mit einem russischen Visum.
So besuchte ich zusammen mit einem guten Freund während knapp drei Wochen einige ausgewählte Städte in der West- und Südukraine: Kiew als Hauptstadt, politisches Zentrum und Schauplatz der Proteste, Odessa als grösste Stadt in der Südukraine mit einer überwiegend russischsprachigen Bevölkerung, Satoka als typischen Badeferienort am Schwarzen Meer und zuletzt Lviv, eine klar westlich orientierte Stadt.
Kein Geld fürs Konzert
Schon der erste Eindruck bestätigt, was in den Medien zu lesen war und meine Freunde aus der Ukraine berichteten: Die ukrainische Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Die Landeswährung Hryvna hat einen Tiefststand erreicht, und wie sich herausstellt, schlagen sich etliche meiner Bekannten inzwischen entweder mit Gelegenheitsjobs durch oder sind arbeitslos. Die vormals weit verbreitete Angst vor einer russischen Invasion scheint kaum mehr ein Thema zu sein, allerdings ist auch nicht mehr viel zu spüren von der Aufbruchsstimmung nach den ersten Protesten. Man scheint auf dem harten Boden der wirtschaftlichen Realität angekommen zu sein.
Schlecht besuchtes Heimspiel von Karpaty Lviv, höchste Liga der Ukraine
So aufgeräumt wie der Majdan-Platz im Herzen von Kiew inzwischen wieder ist, so aufgeräumt scheint auch die Stimmung in der Bevölkerung. Die Enttäuschung über die politische Situation und die Regierung unter Präsident Poroschenko wächst. Viele haben das Vertrauen in die Politik verloren und versuchen schlicht und einfach, das Beste aus ihrer Lage zu machen, irgendwie an Geld zu kommen und ihr Leben so gut es geht zu leben.
Beispielweise Dennis und Aline: Sie nehmen uns zwar an ein Konzert mit, bleiben selber aber, wie die meisten Gäste, draussen – weil das Geld nicht für den Eintritt (von umgerechnet einem Franken) reicht. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den zwar weitherum bekannten, aber unüblich schlecht besuchten Clubs von Odessa und am Heimspiel von Karpaty Lviv. War das Fussballstadion bei meinem letzten Besuch noch prall gefüllt, sind die Sektoren dieses Mal grösstenteils leer. Unser Fahrer, Misha, ist eigentlich gar kein Taxifahrer, aber unendlich dankbar, dass er dank der Fahrt für uns einen Teil seiner Schulden beim Tankstellenbetreiber bezahlen kann.
Im «Taxi» – man versucht, irgendwie an Geld zu kommen
Sasha, getroffen am Streetfood-Festival in Kiew, sinniert darüber, ob es nun angemessen sei zu feiern, wo doch zur gleichen Zeit im Osten des Landes Menschen im Krieg sterben. Das zeigt die zunehmende Unsicherheit und die Schwierigkeit, mit der aktuellen Situation umzugehen. Auch weit weg vom Konfliktgebiet ist der Krieg präsent. Nicht zu übersehen sind die vielen Soldaten, die wohl ein paar Tage frei haben und ihre Erlebnisse an der Front in billigem Alkohol zu ertränken versuchen, die bettelnden Kriegsveteranen und die unzähligen von den Menschen liebevoll hergerichteten Gedenkstätten für die Toten der Majdan-Revolution und des Krieges.
Die Szene blüht in besetzten Gebäuden
Im Gegensatz dazu scheint die Zivilgesellschaft inzwischen etliche Aufgaben der Regierung zu übernehmen: Familien nehmen Flüchtlinge aus dem Konfliktgebiet auf, am Majdan wird fleissig Geld für Armeeausrüstung gesammelt, Kleider- und Lebensmittelsammlungen inklusive Transport und Verteilung werden organisiert – man hilft sich gegenseitig, wo es nur geht. Auch in kultureller Hinsicht bewegt sich trotz politischer und gesellschaftlicher Krise einiges. Zwar muss ich enttäuscht feststellen, dass die meisten meiner Lieblingslokale – gerade in Kiew – inzwischen geschlossen wurden, dafür sind diverse neue, kleine, improvisierte Bars und Kulturlokale entstanden. In leerstehenden Gebäuden, in Gärten oder in alten Industriehallen werden Jam-Sessions oder Lesungen organisiert, Bilder, Wandmalereien, Fotografien und Skulpturen lokaler Kunstschaffender ausgestellt und innovative Gastronomiekonzepte ausprobiert.
Metalkonzert in einem alten Industriegebäude ausserhalb von Kiew
Neben den liebevoll eingerichteten Bars und Cafés in besetzten Gebäuden gibt es zum Beispiel das «Ziferblat», mehr Loft als Café, mit Büchern, unzähligen Gesellschaftsspielen, Instrumenten zur freien Benutzung und sogar Betten zum Ausruhen. Bezahlt werden dort nicht etwa die Getränke und Snacks, sondern die Zeit, welche man im Lokal verbringt.
Michael Sarbach, 1981, hat Politikwissenschaften an der Universität Zürich studiert. Der Kulturaktivist, Musiker und Stadtparlamentarier aus Wil hat die Ukraine in den letzten zehn Jahren regelmässig bereist. Die Bilder zum Text stammen von ihm und Sandro Büchler.
In Satoka sind die grösseren Clubs leer oder ganz geschlossen. Dafür werden Openair-Bars direkt am Strand aufgebaut, wo man im Sand bis zum Sonnenaufgang tanzen kann. In der Bierhochburg Lviv hat ein junger amerikanischer Bierbrauer mit lokaler Hilfe eine Brauerei samt mehrstöckigem Gastronomiekomplex eröffnet, was sich schnell zu einem pulsierenden Spot der nach wie vor sehr lebhaften und innovativen Beizenszene der Stadt entwickelt hat. Auffällig sind auch die vielen Strassenkünstler, Tänzer, Malerinnen, Skateboarder oder Musikerinnen, besonders an den Sonntagen, wenn in den Zentren der grossen Städte die Strassen für Autos gesperrt und für den Langsamverkehr freigegeben werden. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer angespannten finanziellen Situation lassen es sich die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht nehmen, ausgiebig zu flanieren, ein gutes Fest zu feiern oder an den Strand zu fahren. Dabei sind die Menschen genauso freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend, wie sie es in den besseren Zeiten waren.
Angst vor dem Winter
Das alles täuscht über eine Sache aber nicht hinweg: Sollte sich demnächst nichts ändern, droht der Ukraine eine schwere humanitäre Krise. Das Land steht kurz vor einem Staatsbankrott. Die Kosten des Krieges blockieren dringend notwendige Investitionen und die Mittel, selbst für minimale Sozialleistungen, fehlen. Zudem sieht sich die Bevölkerung mit monatlich steigenden Gaspreisen konfrontiert. Die Internationale Energieagentur (IEA) befürchtet eine Energiekrise; für eine flächendeckende Strom- und Gasversorgung im kommenden Winter gäbe es keine Garantie, heisst es.
Trotzdem scheint man die Ukraine einmal mehr sich selber zu überlassen. Zwar gewährt man dem Land nach wie vor grosszügig Kredite, jedoch nur unter strengen Reform-Auflagen, die ein derart kriegsgebeuteltes Land kaum erfüllen kann. Die Ukraine ist längst zum Spielball zwischen der EU und Russland geworden, die das zweitgrösste Land Europas einseitig an sich binden wollen. Das alles passiert direkt an der Grenze zur EU – über mögliche politische und humanitäre Konsequenzen scheint sich niemand ernsthaft Gedanken machen zu wollen.
Am Strand von Satoka
Dieser Text erschien im Novemberheft von Saiten.
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