Im Zug in die Freiheit
Anfang 1945 erreichte ein Zug mit 1200 aus Theresienstadt befreiten Jüdinnen und Juden St.Gallen. Die Historiker:innen Thomas Metzger und Helen Kaufmann haben ein Buch dazu herausgegeben.
Im Schulhaus Hadwig, wo heute die Pädagogische Hochschule untergebracht ist, wurden einige der Neuankömmlinge untergebracht. Der Bub in der Bildmitte heisst Robert Narev. Er lebt heute in Neuseeland und hat sich an der Buchvernissage Anfang Februar im «Hadwig» live zugeschaltet. (Bild: pd)
Der 7. Februar 1945, kurz vor der Kapitulation von Nazi-Deutschland, war für St.Gallen ein denkwürdiger Tag. Am Vormittag trifft, zwischen zehn und elf Uhr, am Bahnhof St.Gallen-St.Fiden ein Zug mit aussergewöhnlichen Passagieren ein. In ihm befinden sich 1200 Jüdinnen und Juden, unter ihnen auch Kinder. Sie sind alle befreit aus dem oft verharmlosend als Ghetto bezeichneten Konzentrationslager Theresienstadt.
Eine der Geretteten, Wilhelmine Leven, hält in einem Bericht fest: «Die Tür des Abteils wird aufgerissen, und mit freundlichem Lächeln begrüsst uns ein Schweizer Offizier. Das erste gute Wort aus arischem Mund nach den langen Jahren der Gefangenschaft.»
Kurz vorher noch, am Bahnhof Kreuzlingen-Ost, hatten sie, von Frauen des Frauenhilfsdiensts organisiert, gespeist – Suppe, Käse und Äpfel. Ermüdet von der zweitägigen Eisenbahnfahrt werden die Schwächsten unter den Befreiten mit dem Auto zum Hadwig-Schulhaus gefahren. Die anderen, unter ihnen Fritzi (Federica) Spitzer, gehen zu Fuss. Sie erinnert sich über 50 Jahre später an einen «düster anmutenden Zug von verhungerten, ausgemergelten Gestalten in abgetragenen Kleidern», die durch ein «Spalier» von an der Strasse stehen gebliebenen Passanten geschritten seien.
Rund 1000 der Geretteten, nach Schweizer Recht als illegal eingereiste Flüchtlinge. Nach Nationalitäten aufgeteilt verbleiben sie im Hadwig-Schulhaus. Hier schlafen sie auf als bequem beschriebenem Stroh, sind medizinisch versorgt und gut verpflegt. Dazu berichtet Leven: «Gute Suppe, Käse, Marmelade mit ganzen Früchten, sogar gute Butter, Wurst und Fleisch; alles Genüsse, auf die wir so lange hatten verzichten müssen.»
Rund 200 Personen des Transports werden im Fabrikgebäude der Firmen Sutter und Zürcher in Bühler AR untergebracht, anscheinend etwas weniger «komfortabel» als in St.Gallen. Aber Familien können zusammenbleiben, und auch für Bühler werden in Erinnerungen auf die freundliche Behandlung durch betreuende Soldaten und das gute Essen hingewiesen. Bis zum 15. Februar haben alle Personen des Transports aus dem Ghetto Theresienstadt St.Gallen und Bühler verlassen. Sie finden vorläufig weitere Zuflucht in verschiedenen Flüchtlingslagern in der Schweiz, zu einem grossen Teil in Les Avants in der Nähe von Montreux. Andere kommen nach Adliswil ZH, Caux, Montreux (Hotel Berlmont) und Lausanne (Tour Haldimand).
Hinter der Rettungsaktion stehen auf Schweizer Seite das St.Galler Ehepaar Recha und Yitzchok Sternbuch-Rottenberg sowie Altbundesrat Jean-Marie Musy (1876–1952). Auf deutscher Seite sind Reichsführer SS Heinrich Himmler, der sich damit einen Reputationsgewinn für Deutschland erhofft, sowie dessen engen Mitarbeitern SS-Brigadeführer Walter Schellenberg und SS-Obersturmbannführer Franz Göring beteiligt.
Das Ehepaar Sternbuch-Rottenberg, in Österreich-Ungarn aufgewachsen und in der jüdischen Orthodoxie verankert, leitete bis 1941 in St.Gallen eine Textilfabrik und lebt seither in Montreux. Recha Sternbuch (1905–1971) engagiert sich bereits nach dem «Anschluss» Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 in der Unterstützung jüdischer Flüchtlinge. Sie kommt kurzeitig wegen des Vorwurfs von Schlepper:innen-Tätigkeit in Untersuchungshaft, ohne dass ihr etwas nachgewiesen werden kann. In Montreux gründet das Ehepaar einen Hilfsverein für jüdische Flüchtlinge in Shanghai, der 1944 zu einem Ableger der amerikanisch-kanadischen Rettungsaktion Vaad-ha-Hatzala wird.
In diesem Jahr kommt das Ehepaar mit Jean-Marie Musy in Kontakt. Von 1919 bis 1934 Bundesrat für die Katholische Volkspartei (KVP), gilt er als ein Politiker, der dem Faschismus im Allgemeinen und der Schweizerischen Frontenbewegung im Speziellen Sympathien entgegenbringt, antisemitische Positionen vertritt und sich offen für Verschwörungsnarrative zeigt. Er kennt Himmler seit seiner eigenen internationalen antikommunistischen Tätigkeit persönlich und stellt in der Folge als Intermediär die Verbindung zu ihm und Schellenberg her.
Für den Transport aus dem Ghetto Theriesenstadt stellen die USA via das War Refugee Board (WAB) fünf Millionen Franken als Pfand zur Verfügung, welches nach dem Krieg zum WAB zurückfliesst. Der Bundesrat wird erst einen Tag vor der Ankunft über den Rettungstransport informiert. Er zeigt sich wenig begeistert und kritisiert die Aktion, sekundiert vom damaligen Chef der Fremdenpolizei und «Erfinder» des ominösen gelben «Judensterns» Heinrich Rothmund, die Aktion heftig.
Dennoch billigt der Bundesrat die Aktion, pocht aber auf eine schnelle Weiterreise. Schliesslich erhalten nur 197 der Befreiten Asyl in der Schweiz. Alle anderen ziehen weiter, wobei nach den Niederlanden die USA und Palästina die am häufigsten gewählten ersten Ausreisedestinationen werden.
Zeitgleich mit den Verhandlungen um die Rettungsaktion aus Theresienstadt laufen zwei weitere mit der Schweiz verbundene Aktionen. Mit der einen rettet der aus Walzenhausen stammende Diplomat Carl Lutz (1895–1975) in Zusammenarbeit mit seinem schwedischen Kollegen Rauol Wallenberg über 60’000 ungarische Jüdinnen und Juden. Wallenberg, 1912 geboren, stirbt nach dem Krieg in sowjetischer Haft, formell im Jahr 1952, eventuell aber schon Jahre früher.
Eine weitere Rettungsaktion ist der sogenannte Kasztner-Transport. Mit ihm gelangen um die Jahreswende 1944/45 knapp 1400 jüdische Menschen nach St.Gallen. Sie wurden aus dem KZ Bergen-Belsen freigekauft und stammen aus Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Polen und der Tschechoslowakei. Sie erholen sich hier in der Kaserne und der Turnhalle Kreuzbleiche von ihren Strapazen, reisen dann vorerst weiter nach Caux und Montreux und von dort nach Palästina, in die USA oder zurück in ihre Ursprungsländer. Hinter der Rettungstat stehen der 1906 geborene rumänisch-ungarische Jurist und Journalist Rezsö (Rudolf) Kasztner und der St.Galler Stickerei-Unternehmer Saly Mayer (1882–1950) sowie auf der deutschen Gegenseite der SS-Standartenführe Kurt Becher (1909–1995).
Becher wird nach Kriegsende inhaftiert und im Nürnberger Prozess durch Kasztner entlastet. Als Zeuge tritt er 1961 in Abwesenheit beim Eichmann-Prozess in Jerusalem und 1964 in Deutschland bei einem weiteren Kriegsverbrecherprozess auf. Er stirbt als erfolgreicher und angesehener Unternehmer in Bremen. Mit Rezsö Kasztner meint es das Schicksal weniger gut. Er wird 1957 von einem rechtsextremistischen Fanatiker erschossen.
Der Historiker Thomas Metzger hat, zusammen mit Helen Kaufmann und weiteren Mitarbeiterinnen, die Hintergründe und die Geschichte des Transports aus Theresienstadt im vor kurzem erschienenen Buch «Wir machen einen grossen Schritt ins Leben» umfassend aufgearbeitet. Das Buch beschreibt, wie es zum Transport kam und dessen Verlauf, was in St.Gallen geschah, wie die Geretteten behandelt wurden und wie es mit ihnen weiter ging.
Thomas Metzger und Helen Kaufmann (Hrsg.): «Wir machen einen grossen Schritt ins Leben» - Die aus dem Ghetto Theresienstadt Befreiten in der Schweiz: Lebenswege und Erinnerungen. Chronos Verlag, Zürich 2025.
Kurz werden auch die Schweizer Flüchtlingspolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und das Ghetto Theresienstadt dargestellt. Hinzu kommen ein Kapitel über die Erinnerung an die Befreiungsaktion und deren Rezeption, sechs biografische Fallstudien und ausführliche Quellenangaben. Angereichert ist das Buch mit Fotografien, unter ihnen 40 des St.Galler Pressefotografen Walter Scheiwiller. Zu bemängeln an diesem Buch ist einzig, dass ihm, wie zunehmend häufig in akademisch orientierten Publikationen, ein Personenregister fehlt.
Anzumerken für St.Gallen ist: Ein Vorstoss im Jahr 2023 von Aktivisten:innen, unter ihnen Hans Fässler, Paul Rechsteiner und Pipilotti Rist, den Raiffeisenplatz, besser bekannt als «Roter Platz», in «Recha-Sternbuch-Platz» umzubenennen, scheitert. In Fribourg ist eine Strasse nach Jean-Mary Musy benannt, was auch schon zu Kontroversen geführt hat. Und in Lugano gibt es seit 2016 eine Via Federica Spitzer sowie im «Giardino dei Giusti» einer von weltweit rund 80 solcher «Gärten der Gerechten», eine Gedenktafel zu ihren Ehren und einen für sie gepflanzten Baum.
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