Der St.Galler Regisseur Milo Rau (fast) auf dem Theater-Olymp: Seine Werkschau «Die Enthüllung des Realen» wird in Berlin gelobt, kritisiert und heiss diskutiert.
Bert Brechts «Mutter Courage», Tschechows «Onkel Wanja», «Szenen einer Ehe» nach Ingmar Bergman oder Verdis «Macbeth»: Zu dieser illustren Theater-Gesellschaft zählte diese Woche auch Milo Raus Projekt «Die Enthüllung des Realen» in Berlin – zumindest was die Aufmerksamkeit bei Medien und beim Publikum betrifft. Der St.Galler Regisseur hat es in die deutschen Nachtkritik-Charts geschafft, die Liste der zehn meistbeachteten Inszenierungen der Woche.
«Die Enthüllung des Realen» versammelte in den Berliner Sophiensälen während dreier Tage Dokumente zu Raus Arbeiten der letzten Jahre: das Projekt zum Ruanda-Genozid «Hate Radio», die Rekonstruktion des Ceausescu-Prozesses (im Bild), die Moskauer und die Zürcher Prozesse, die Rede des norwegischen Massenmörders Breivik, aber auch das so umstrittene wie vergleichsweise harmlose St.Galler Projekt «City of Change».
Rau biete «ein Schauerkabinett der besonderen Art», bilanzierte die Tageszeitung taz. Doch sei dies «mehr als nur ein Abklatsch der Gruselecke aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Denn Rau stellt nicht nur das Böse aus. Er versucht ihm unerschrocken auf den Grund zu gehen und fördert dabei als eulenspiegelhafter Wiedergänger von Hannah Arendt auch die grotesken Seiten der Bösen zutage. Damit ist Rau einer der wenigen wirklich aufregenden Gestalten im deutschsprachigen Theaterbetrieb.»
Dass er den Nerv treffe, zeigten die Reaktionen – etwa in St.Gallen, wo eine Medienkampagne zur Absetzung seines Stücks geführt habe. Oder aktuell in Russland, wo dem Regisseur die erneute Einreise verweigert wurde.
In einem Atemzug mit Hannah Arendt und ihrer epochalen Analyse der «Banalität des Bösen» genannt zu werden: Das ist starker Tobak. Die Berliner Zeitung sah das Ganze ungnädiger. Sie kritisierte, dass Raus «sorg- und anspruchslos zusammengehauene Kraftmeierei» ohne Sachinformationen daherkomme. Das Theater sei damit «im Werbeblock» gelandet. Wiederum gegenteilig das Urteil (samt einer Fülle von Kommentaren) auf nachtkritik.de: «Milo Raus Kunst träumt von einem ‚besseren Realismus’, weil sie den Traum von einer anderen Welt nicht aufgegeben hat.»
Die Auseinandersetzung mit Raus Theaterarbeit geht weiter: Im Verlag «Theater der Zeit» erscheint das Buch «Die Enthüllung des Realen» mit Beiträgen unter anderem auch zu Raus St.Galler Projekt. Herausgeber ist Rolf Bossart – in Deutschland bereits erschienen, in den hiesigen Buchläden noch nicht eingetroffen, aber angekündigt.
Rolf Bossart (Hg): Die Enthüllung des Realen. Milo Rau und das International Institute of Political Murder, Berlin 2013.
Mit Rau (und Herta Müller, Ernest Wichner und anderen) beschäftigt sich das Symposium «Exzesse des Erinnerns und Vergessens in Osteuropa» am Sa 16. November (ab 11 Uhr) am Theater Konstanz. Und am 12. Dezember diskutieren Milo Rau, Robert Pfaller und Elisabeth Bronfen am Theater Neumarkt Zürich.
Theater
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