, 7. September 2018
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In der Panikzone

Das Theater St.Gallen spielt Big Brother: Fünf Schauspieler, 24 Figuren und diverse Katastrophen versammelt Autor und Regisseur Philippe Heule im Container vor der Lokremise. Am Donnerstag hatte sein Rheintal-Stück «Spekulanten» Premiere, danach geht es auf Tour.

Oma und Opa (Birgit Bücker, Hans Jürg Müller) im Container. (Bilder: Tine Edel)

«Das geht uns nichts an», versucht Walti noch zu sagen unter seiner roten Dächlikappe hervor. Aber Judith ist im Feuer, sie hat beim Fensterputzen die ganze Strasse unter Kontrolle, und hat also auch Hampi gesehen, der vor einiger Zeit hier vorbeigefahren und noch nicht zurückgekommen ist, sehr verdächtig, weil Sackgasse und zuhinterst das Puff, offiziell ein «Wellnessclub»… Wo soll Hampi sonst hingefahren sein?

Hans Jürg Müller, Anna Blumer.

Anna Blumer wackelt ihre prallen Hüften und schüttelt ihre blonde Mähne spektakulär in der Rolle der fenster- und männerbetörenden Judith. Und als dann Hampi doch noch zurückkommt und anhält und seine unglaubliche Geschichte zum Besten gibt, was ihm, dem Heizungsmonteur dort hinten passiert ist bei den «rassigen» Damen, von denen einer wie er sich aber nicht aufs Kreuz legen lässt: Da ist das «Volkstheater», wie sich das Stück im Untertitel nennt, ganz bei sich angekommen.

Eine Szene prallvoll mit Klischees, aber von den drei Spielern (Anna Blumer, Kay Kysela und Hans Jürg Müller) mit viel Flair fürs komisch Stereotype bis in den Mundwinkel und Zungenschlag hinein gespielt. Die Szene, die einzige im Dialekt, karikiert nicht nur die Holz- und Hohlköpfe, wie es sie im Rheintal wie überall gibt – sie spielt ebenso witzig mit dem Spielort, dem Theatercontainer. Was Judith durchs glänzende Fenster sieht, sind wir, das Publikum, das wiederum in den Container starrt wie in den Affenkäfig im Zoo.

Kay Kysela, Hans Jürg Müller.

Gespielt wird im Schaufenster, aber auch vor, neben und auf dem Container. Die zehn Szenen hängen nur vage zusammen durch einzelne wiederkehrende Figuren, aber die Übergänge sind raffiniert inszeniert, Kostüme und einfachste Bühnenrequisiten (Ausstattung Markus Karner) werden im Tempo der Schnellzüge gewechselt, die hinter dem Container ständig durch das Stück rattern. Autor Philippe Heule (hier das Gespräch vor der Premiere) hat als sein eigener Regisseur eine Hand für pantomimische Komik – grossartig etwa das Gerangel der Erben um Fernseher und Schmuck der lieben Verstorbenen, während die Rouleaus langsam runtergehen, so dass am Ende nur noch Beinknäuel zu sehen und Flüche zu hören sind.

Bücker, Blumer, Schäfer und Kysela beim Erben.

Hier im Big Brother-Container geht in knapp zwei Stunden eine Familie- und Nachbarschaftsidylle nach der andern in die Brüche. Oma stirbt und Opa gleich auch, Emmi hat im vollklimatisierten Wohnzimmer ihrer Chefin einen Schreianfall, der kleine Benjamin flippt vor seiner Rabenmutter aus, in der Ehe von Raffaela und Andreas ist alles Fassade, und im Nachbarhaus bringt ein Familienvater offensichtlich gerade Frau und Kinder um.

Spekulanten: St.Gallen, vor der Lokremise, bis 18. September; Rorschach, Marktplatz: 21./22. September; St.Margrethen, Park: 25./26. September; Heerbrugg, Schmidheiny-Park: 28./29. September; Altstätten, Rathausplatz: 5./6. Oktober; Buchs, am Werdenbergersee: 12./13. Oktober; Chur, Theaterplatz: 17., 19., 20. Januar

theatersg.ch

Auf der Verliererstrecke

Die privaten Katastrophen sind zwar mit dem Rheintal assoziiert, sie könnten aber gerade so gut irgendwo spielen. Und das Personal wäre beliebig erweiterbar, die fünf Spieler teilen sich virtuos in insgesamt 24 verschiedene Rollen. Ihnen gemeinsam ist: Sie sind alle auf der Verliererstrecke, immer hart am Rand der «Panikzone», wie wir im Motivationsseminar der penetranten Seminarleiterin Carmen lernen.

Kay Kysela ist der beste Verlierer, der Star des Abend. Mit trauriger Komik spielt er all seine Loser-Typen, hart gefolgt von der ulkigen, von Lotti über Emmi bis Judith unglaublich wandlungsfähigen Anna Blumer und von Hans Jürg Müller, der als gutmütiger Walti und überforderter Krüsi genauso eine Falle macht wie in den High Heels der übermotivierten Elsi Wendelspiess. Birgit Bücker packt zu Beginn als zornige Oma das Publikum, da tut sich kurz der Abgrund unserer sinnlosen Existenz auf; ihre Carmens und Raffaelas danach sind nur noch Schreckschrauben. Marcus Schäfer bleiben für einmal die blasseren Rollen.

Anna Blumer, Marcus Schäfer, Hans Jürg Müller, Kay Gisela auf dem Dach.

Nach einer knappen Stunde, mitten im Motivationsseminar, das uns eigentlich aus der Komfort- in die Wachstumszone katapultieren sollte, fängt es an zu regnen. «Dem Wetter ist man hilflos ausgeliefert. Überall», hat Latschi schon in der zweiten Szene vom Containerdach herab referiert in einem seiner wenigen lichten Momente. Das Publikum aber weiss sich zu helfen, nestelt Regenschutz und Schirme hervor und trägts mit Fassung. Wie das Wetter mitspielt auf der Tournee,  ab 21. September in Rorschach, dann in St.Margrethen, Heerbrugg, Altstätten und Mitte Oktober in Buchs sowie im Januar in Chur vor dem Theater, das die Spekulanten mitproduziert hat: Das bleibt spannend.

Acht Milliarden Theater

Und ebenso ist die Frage, wie die derben Rheintaler Grinde beim einheimischen Publikum ankommen. Der Schluss wird mit Sicherheit funktionieren: Da kommen den fünf inzwischen mit Lametta verkleideteten und fasnächtlich Besoffenen nochmal ein paar unbezahlbare Einsichten über die Lippen. «Mehr Zusammenhang gab es nie», stellt Walti fest. Trumpel wundert sich und zählt an einer Hand ab: «Jeder Mensch ein Theater – 8 Milliarden Theater also» auf dieser Welt. Und Hampi bilanziert lallend, einen schrägeren Abend habe er noch nie erlebt.

Was im Fall von Philippe Heules Spekulanten leicht übertrieben ist. Aber hingehen lohnt sich allemal. Was im Stück mit reichlich Klamauk verhandelt wird, ist das alltägliche zwischenmenschliche Elend gleich um die Ecke. Und das geht uns durchaus etwas an.

Blumer, Kysela, Schäfer, angesäuselt.

 

 

 

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