, 11. Dezember 2021
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«In der Schweiz muss man Baby Steps machen»

Tatiana Cardoso ist Co-Präsidentin des Instituts Neue Schweiz (INES). Im Interview erklärt sie, warum es die «alte Schweiz» schon längst nicht mehr gibt, wie es war, in der Meitle-Flade als «fremd» abgestempelt zu werden, und warum die Einbürgerung nicht reicht, um in dieser Gesellschaft nicht diskriminiert zu werden. 

Tatiana Cardoso, 1995, ist Co-Präsidentin von INES, ­Mitglied des Kollektivs «Ostwind mit Migrations­vorsprung» und Masterstudentin Soziale Arbeit. Sie lebt in St.Gallen, wird bald eingebürgert und ist ­leidenschaftliche Folklore-Tänzerin. (Bild: Jurek Edel)

Saiten: Was ist gemeint mit der «Neuen Schweiz»?

Tatiana Cardoso: Das Selbstbild. Die «Alte Schweiz», wie sie gerne reproduziert wird, gibt es schon lange nicht mehr. Unsere Gesellschaft ist längst von Migration geprägt. Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und mit Mehrfachzugehörigkeit sind fester Bestandteil des Schweizer Alltags und prägen ihn seit Jahrzehnten, aber sie werden noch zu wenig anerkannt und wertgeschätzt. Die Neue Schweiz steht für Vielfalt und Teilhabe und für ein neues Selbstbewusstsein. Unser Ziel ist, dass alle, die hier sind und noch kommen werden, die Schweiz ohne Benachteiligung mitgestalten können. Nicht nur in Bezug auf Migration, sondern auf das ganze Spektrum der Diversität und gesellschaftlicher Themen.

INES hat sich 2021 neu organisiert und aufgestellt, im November ist das Handbuch Neue Schweiz erschienen. Was sind die weiteren Pläne?

Bis anhin verhielt sich INES noch eher ruhig, jetzt wollen wir lauter werden. Indem wir Räume für Debatten schaffen und einen vielstimmigen, lösungsorientierten und visionären Gemeinsinn mitentwickeln. Unser Buch gibt einen interessanten Einblick in dieses Multiperspektivische, das uns wichtig ist. Aber wir werden gesellschaftliche Missstände auch klar benennen und unsere Forderungen in die Öffentlichkeit tragen. Unter anderem arbeiten wir zusammen mit der «Aktion Vierviertel» an der Initiative für ein Grundrecht auf Einbürgerung. Unser Ziel ist, dass alle in diesem Land gleichbehandelt werden.

Vollumfängliche Bürger:innenrechte: Hat eine solche Initiative überhaupt Chancen in einem Land, das den Ausländer:innen nicht einmal politische Teilhabe gewähren will auf nationaler Ebene?

Ich bin optimistisch. Historisch gesehen brauchten viele Entwicklungen eine gewisse Vorlaufzeit und mehrere Anläufe, siehe Frauenstimmrecht oder jüngst die Ehe für alle. Und es gibt ja bereits einzelne Gemeinden und Kantone, die ein Ausländerstimm- und Wahlrecht kennen. Aber ja, in der Schweiz muss man «Baby Steps» machen, sich langsam annähern und die Komfortzone Schritt für Schritt ausweiten. Mein Eindruck ist, dass viele Schweizerinnen und Schweizer Angst haben, dass «ihr» Land komplett umgekrempelt wird, sobald wir Ausländerinnen und Ausländer auch mitbestimmen dürfen. Das ist ein Stück weit normal, fast alle Menschen haben Angst vor Neuem und Unbekanntem. Trotzdem glaube ich, dass die Zeit jetzt gekommen ist, denn wir Ausländerinnen und Ausländer beeinflussen und formen den Schweizer Alltag und die Kultur schon jetzt enorm – und das ist vielen auch bewusst.

Auch in den Nachbarländern laufen Debatten darüber, wer dazugehört und wer wie teilhaben darf. Hinkt die Schweiz dem internationalen Diskurs hinterher?

Absolut! Nur schon die Einbürgerungshürden sind in allen anderen europäischen Ländern massiv tiefer. Deutschland, Frankreich oder Spanien beispielsweise haben ein Ius soli, sprich wer dort geboren wird, erhält automatisch das Bürgerrecht.

«Bürger:innenschaft» – das ist auch eine Haltungsfrage.

Ein komplexes Feld, ja. Ich schreibe gerade meine Masterarbeit zu diesem Thema. Begriffe wie «Volk», «Nation», «Staat» oder «Bürger» sind stark historisch geprägt und haben sich über die Zeit gewandelt. In der Schweiz beispielsweise waren mit «Bürgern» bis vor 50 Jahren nur die Männer gemeint, noch früher nur Männer über 20. Und der Begriff ist weiter im Wandel. Die relevante Frage für mich ist aber vielmehr: Bin ich nur ein Teil dieser Gesellschaft, wenn ich dieses rote Büchlein habe? Macht das wirklich den Unterschied oder ist es der Habitus? Schweizerin kann ich auch ohne dieses Papier sein – nur habe ich bis jetzt nicht die gleichen Rechte.

Und aus kultureller Sicht? Warum gewöhnen sich manche Schweizer:innen nur schwer an die Realität und hocken in einem überholten Selbstverständnis fest?

Die uns ureigene Angst vor Veränderung spielt sicher eine grosse Rolle. Hinzu kommt eine historische und soziale Prägung. Die Schweiz gab sich immer sehr neutral und suchte stets eigene Wege, auch in der Gesellschaft wird Individualismus grossgeschrieben. Diese tief verankerte Exklusivität will man beibehalten. In Frankreich kommt man auf die Welt und es heisst: «Hier, nimm den Pass.» In der Schweiz ist das völlig anders. Eidgenosse oder Eidgenossin sein können nicht alle. Das wäre ja langweilig und man würde sich nicht mehr von den anderen unterscheiden. Hinzu kommt die Geschichte des Rassismus, von der die Schweiz ebenso Teil ist.

Ängste mögen ein natürlicher Reflex sein, aber sie werden auch geschürt. Was trägt – bei aller Wertschätzung – die direkte Demokratie dazu bei? Anders als in anderen Ländern wird hier alle Jahre wieder über irgendeine «Ausländervorlage» abgestimmt. Diese Abstimmungskämpfe vergiften den Diskurs.

PR-technisch wird das natürlich ausgenutzt – von allen Parteien, egal ob Pro oder Contra. Aber ja, mit Angst und Propaganda kann man unheimlich viel auslösen in den Menschen, das hat auch die Pandemie wieder gezeigt. Das ist das eine Problem. Das andere ist, dass bei diesen Abstimmungen die Stimmberechtigten über jene bestimmen, die es betrifft, aber selber nicht abstimmen dürfen. Wie beim Frauenstimmrecht damals: Eine exklusive Gruppe entscheidet, ob andere die gleichen Rechte haben dürfen. Das ist skurril und paradox. Ich bin zwar ein grosser Fan der direkten Demokratie, aber sie hat auch Nachteile. Vor allem, wenn man bedenkt, wie tief die Stimmbeteiligung teilweise ist. Dann bestimmen 20 oder 30 Prozent der Bevölkerung über alle.

Ist es naiv, zu hoffen, dass sich die Angst vor dem «Fremden» auswächst? Die jungen Generationen wachsen ja mitten in der Neuen Schweiz auf, für sie ist sie Alltag. Auch wir sind anders gross geworden als unsere Eltern.

Das Schöne ist, dass junge Leute relativ unvoreingenommen aufwachsen. Für sie ist die diverse Gesellschaft normal. Aber sie machen sich auch gar nicht gross Gedanken. Viele sind sich nicht bewusst, was es heisst, dass ihre Gspänli vielleicht nicht abstimmen dürfen oder keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben. Ich habe das selbst erlebt: Während meiner Primarschulzeit im Schulhaus Feldli gab es nur vier Schweizer Kinder in unserer Klasse und das hat niemanden gestört. Das Lachen-Quartier ist sehr multikulturell geprägt. Dann kam ich in die Meitle-Flade und es war genau umgekehrt. Ich war eine von vier Ausländerinnen. Das ist schon eine andere Realität. Erst da habe ich gelernt, was es heisst, «anders» zu sein. Was es heisst, wenn einem der Lehrer sagt, dass «Ausländerinnen nicht in die Kanti gehören» und er darum keine Empfehlung ausspricht.

Fehlt den «Bio-Schweizer:innen» diese Perspektive?

Vielfach, ja. Die Leute bewegen sich zu sehr in der Konformität des Alltags. Wer nicht weiss, was es heisst, als «fremd» bezeichnet und behandelt zu werden, kennt diese Realität auch nicht. Es sieht ja auch alles super aus: Man trinkt Espresso mit dem Nachbarn, holt Döner beim Türken, isst Momos beim Tibeter und versteht sich blendend. Gleichzeitig wird Diskriminierung in sämtlichen Bereichen des Lebens zu wenig wahrgenommen und stillschweigend akzeptiert. Dieser scheinbare Widerspruch ist Teil der postmigrantischen Realität. Viele sind sich gar nicht bewusst, dass der «falsche» Pass, die Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit Konsequenzen im Alltag mit sich bringen. Oder sie sagen: «Dann lass dich doch einbürgern!», vergessen aber, wie hoch die Hürden dafür sind. Kommt hinzu, dass der Pass auch nicht vor Rassismus schützt. Da gibt es noch einige Bildungslücken.

Die Abstimmungen zeigen es regelmässig: Der Stadt-Land-Graben ist real. Wie überbrückt man diesen?

Ein konkretes Rezept habe ich nicht. Mir hilft es, hoffnungsvoll und utopisch im Denken zu bleiben. Reden hilft sicherlich: hartnäckig aufzeigen, erklären, aufklären. Und vor allem: Räume schaffen, in denen Menschen mit Migrationsgeschichte ihre Erfahrungen zu teilen bereit sind. Auch in ländlichen Gegenden findet man überall Belege für die Einwanderungsgesellschaft, in der wir leben. Anhand derer kann man aufzeigen, dass die kulturelle Vielfalt eine Bereicherung ist. Leider ist das Thema Migration allzu oft noch negativ behaftet, gerade in der Berichterstattung: Macht ein Doppelbürger etwas gut, ist er Schweizer, macht er etwas schlecht, ist er Ausländer. Dieses Stigma müssen wir brechen – und da hilft nur Aufklärung. Hinzu kommt die Herausforderung, dass wir auch in der Lage sein müssen, über die herausfordernden Seiten der Migration kritisch zu diskutieren. Diese vielfältig-ambivalente Herangehensweise möchten wir im Rahmen unserer «Tour de Nouvelle Suisse» verfolgen. Da gehen wir nicht nur in Städte, sondern auch in Landregionen.

Die ländlichen Regionen, zu denen auch unsere gehört, brauchen noch etwas «Nachhilfe». Was kann das Ostschweizer Kollektiv «Ostwind mit Migrationsvorsprung», in dem du ebenfalls aktiv bist, dazu beitragen?

Wir versuchen Präsenz zu zeigen auf positive Art und Weise. Unsere Veranstaltungen in Rorschach, Wil oder anderen Orten haben oft auch eine humoristische Komponente, das öffnet Türen und hilft bei der Aufklärung. Alle können wir damit nicht erreichen, aber wenn damit nur schon eine Person zum Umdenken bewogen wird, ist das bereits ein Erfolg. Abgesehen davon gilt: beharrlich bleiben und sich nicht entmutigen lassen.

Das Institut Neue Schweiz (INES) ist ein Think & Act Tank mit Migrationsvordergrund an der Schnittstelle zwischen Wissensproduktion, öffentlichem Diskurs und politischem Handeln und wurde im Sommer 2016 gegründet. Es sucht themenübergreifend nach Allianzen, um sich aus dem Denken in «Wir» und «die Anderen» zu lösen und gesellschaftspolitische Visionen zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um Fragen zu Migration und Rassismus, sondern auch um Wirtschaft, Konsum, Umwelt, Bildung, Digitalisierung, Arbeits­zukunft, Geschlechterverhältnisse etc.

2022 startet INES die «Tour de Nouvelle Suisse», die durch Basel, Bern, Zürich und St.Gallen führt und auch in ländlichen Regionen Halt macht – ein Festival mit Konzerten, Diskussionen, Lesungen und weiteren Events für alle Alterskategorien und Aufenthaltsstatus.

Aufklären und vermitteln: Oft wird es als selbstverständlich angesehen, dass Menschen mit Migrationsgeschichte diesen kommunikativen Aufwand betreiben. Wie gehst du mit dieser Erwartungshaltung um?

Es wird gar nicht immer erwartet, zumindest nicht von mir. Ich höre eher Sätze wie: «Was? Du bist gar nicht Schweizerin? Aber du bist doch hier geboren! Du sprichst doch so gut Deutsch!» Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir hier mit ihnen leben. Stutzig werden sie wie gesagt erst, wenn ich erkläre, dass ich meine Chance auf Einbürgerung sofort verspielt hätte, wenn ich beispielsweise zu schnell fahren und deswegen eine Vorstrafe kassieren würde. Allerdings sage ich das auch aus einer sehr privilegierten Situation heraus. Geflüchteten oder Sans-Papiers wird nochmals anders begegnet als mir, da ist die Erwartungshaltung grösser. Was uns aber alle verbindet, ist ein gewisser Rechtfertigungsdruck. Ständig müssen wir der Schweiz zeigen, wie integrationswillig und fleissig wir sind.

Wie können feministische, ökologische oder andere Bewegungen die Neue Schweiz unterstützen?

Da bin ich etwas überfragt. Letztlich kämpfen wir ja alle für eine bessere, gerechtere Zukunft, in der alle von Beginn weg die gleichen Chancen haben. Gegenseitige Solidarität ist sicher wichtig, und viele Kämpfe werden ja bereits zusammengeführt. Auch in St.Gallen trifft man oft dieselben Leute, egal ob beim Klimastreik, am Frauentag oder bei einer Demo gegen Ausschaffungen. Wenn man sensibel ist für Themen der Gerechtigkeit, ist man automatisch offener für verwandte Anliegen. Auch ich habe durch mein Engagement bei INES und Ostwind enorm viel Wertvolles gelernt über andere Themen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was gibt es in Portugal, das du sehr schätzt und die Schweiz unbedingt übernehmen müsste?

Ein lustiges Vorurteil, das ich von Migrantinnen und Migranten immer wieder höre, lautet: «Die Schweizer sind so kalt wie das Wetter.» Darum: die Wärme. Wettermässig, aber auch gesellschaftlich und zwischenmenschlich gesehen, könnte die Schweiz mehr davon vertragen.

 

Zum Handbuch Neue Schweiz:

«Wir haben hier noch kein menschliches Schicksal, das müssen wir uns erst noch erarbeiten.» Melinda Nadj Abonji schreibt diesen Satz in ihrem Roman Tauben fliegen auf, für den sie 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis erhielt. Er steht gross und fett auf Seite 267 im Handbuch Neue Schweiz, das im November erschienen ist.

Für viele Menschen mit Migrationsgeschichte ist das die Realität. Aber was genau heisst «erarbeiten»? Erfolgreich sein? Solvent sein? Unauffällig? Integriert? Möglichst angepasst? Und falls ja, an wen oder was soll man sich anpassen? Gibt es eine eidgenössische Normskala oder reicht es, wenn man das Altglas nur während der Öffnungszeiten entsorgt, eine Eckbank besitzt und die Namen aller Schweizer Tennisspieler:innen seit anno Jugitag aufzählen kann?

Vermutlich nicht. Die Hürden sind höher, denn die «Alte Schweiz» pflegt vielfach immer noch ein recht eigenwilliges Bild von sich, provinziell und selbstvergessen. Und ignoriert mit der Ausdauer eines Ovi-Trinkers, wie sehr dieses Land geprägt ist von Migration, verschiedensten Kulturen und Menschen mit Mehrfachidentitäten.

INES – Institut Neue Schweiz (Hrsg.): Handbuch Neue Schweiz. Diaphanes-Verlag, Zürich 2021

St.Galler Buchvernissage:
14. Dezember, 19:30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen. Mit: Chompel Balok, Katharina Morawek, Fatima Moumouni, Shirana Shahbazi und Leni Thilagarajah.

institutneueschweiz.ch
aktionvierviertel.ch

Von dieser Prämisse gehen die Redaktor:innen des Handbuchs Neue Schweiz aus. «Es ist klar, dass wir mit diesem Buch in eine Gesellschaft intervenieren, die längst eine postmigrantische und postkoloniale ist, dies aber viel zu wenig anerkennt», schreiben sie im Vorwort. «Diese Gesellschaft ist sich des Erbes von Migration und Kolonialismus wenig bewusst und setzt daher politisch, juristisch, institutionell und kulturell weiterhin auf die Unterscheidung von ‹Wir› und den ‹Anderen›, und allzu oft auf die Ausgrenzung dieser ‹Anderen›.»

Sie nennen ihr Buch «bewusst und mit einem Augenzwinkern» Handbuch. Es sei jedoch kein Handbuch im Sinne einer fachlichen Anleitung, denn es halte keine Lösungen und Massnahmen bereit. «Das Buch versammelt stattdessen Strategien von Menschen, die gelernt haben, ihre Geschichten, ihr Wissen, ihre Analysen, ihre Wirklichkeiten und Visionen zum Ausdruck zu bringen – allen Widrigkeiten zum Trotz.»

Fast 400 Seiten umfasst der beachtliche Perspektivenfundus, den die Redaktion – bestehend aus Mirjam Fischer, Anisha Imhasly, Rohit Jain, Manuel Krebs, Tarek Naguib und Shirana Shahbazi – zusammengetragen hat. Darunter sind kurze und lange Stücke; Essays und Analysen, Reden und Stellungnahmen, Gedanken und Gedichte, auch ein Offener Brief. Ergänzt und aufgelockert wurde das Buch mit teils sehr gelungenen Bildstrecken, unter anderem von Jiajia Zhang, Anne Morgenstern, Nicolas Faure und Guadalupe Ruiz.

Viel Platz wird den Analysen gelassen, darunter ein paar grosse Brocken: Kijan Espahangizi recherchiert «das vergessene Erbe der Mitenand-Bewegung», Bafta Sarbo schreibt über «Schwarze Bewegung und antirassistische Allianzen in Deutschland und Europa», Rahel El-Maawi, Rohit Jain, Tarek Naguib und Franziska Schutzbach reden über «Antirassismus in the making», und Izabel Barros und André Nicacio Lima liefern einen kritischen Beitrag zum Schweizer Kolonialismus. Die Liste ist noch länger.

Daneben gibt es ein Mittelformat, die sogenannten Stories. Zu dieser Rubrik haben unter anderem Irena Brežná, Renato Kaiser, Fatima Moumouni, das Schwarzfeministische Kollektiv, Bla*Sh, Shpresa Jashari oder das Roma Jam Session art Kollektiv und Pascal Claude beigetragen. Da gibt es einiges zu entdecken, von Romafuturismus über den Doppeladler auf dem Fussballfeld und Haut, die so weiss ist wie ein iPhone-Kabel, bis zu Rassismus am Frauen*streik oder an der Fasnacht.

Es finden sich auch ganz kurze Stücke und Bruchstücke im Buch, manchmal nur einzelne, aber nicht minder gewaltige Sätze, zum Beispiel dieser hier von Dragica Rajčić Holzner: «In der Sorge, dass es schlimmer wird, verschlimmern sie uns morgen. Wir stimmen zu. Ohne stimmen. Warten auf bessere Zeiten. Haben Recht auf Unrecht, durch das Ausländer-Recht.» Oder dieser Haken von Rapper Nativ aus Noir: «Yeah, haha, du fragsch würk, warum das ih mi immer schwärzer ha gfüut aus wiiss? Ds isch ganz eifach: Wege öich.»

Das Buch war ein Grossprojekt mit vielen Beteiligten – ein Lupf. Viel Wissen, wertvolle Strategien und Erfahrungen sind darin versammelt, und nebst den nötigen kritischen Einwürfen auch eine gute Dosis Selbstbewusstsein und Humor. Zutaten, die auch der gesellschaftlichen Debatte um das Selbstbild der Neuen Schweiz guttäten, ebenfalls ein Grossprojekt mit vielen Beteiligten. Auch da braucht es noch einen Lupf. Und Anschlusspotenzial für möglichst viele – von dem das Buch einiges bietet.

 

1 Kommentar zu «In der Schweiz muss man Baby Steps machen»

  • Corinne S. sagt:

    Darum habe ich trotz freier Wahl meine Kinder an die öffentliche Sek statt Flade geschickt.
    Mitschüler aus 18 Nationen und 4 Kontinenten. Da lernt man Weltbürger zu sein.

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