DIN PLATZ steht in Grossbuchstaben in einer der Hallen auf den Boden geschrieben. Platz für Handwerkerinnen, für Künstler-Ateliers, für Theater, für Werkstätten aller Art: Noch ist in der früheren Fein-Elast-Fabrik am Ufer der Thur tatsächlich einiges an Platz frei. Oder wie es Silke bei unserem Rundgang sagt: «Da ist noch viel Potential.» Die Hallen sind riesig, die Böden, teils Beton, teils gekachelt, sind ein Wunderwerk an roher Schönheit mit ihren Rissen und Flicken und all den Spuren der Fabrikarbeit. Räume, von Maschinen und Menschen traktiert – das soll man, auch wenn die Fabrik jetzt neu genutzt und umgebaut wird, weiterhin spüren.
Im Erdgeschoss sind erste Trennwände eingezogen, sie teilen die Halle und sparen Heizenergie. Dahinter ein riesiges Materiallager, davor die Werkstatt, nebenan ein Bildhaueratelier, überall auch hier: viel Platz. Beim Umbau der Fabrik kommen gebrauchte Materialien zum Zug und Werkstoffe mit möglichst kleinem CO2-Abdruck, betont Silke kleine Kalvelage. Ökologisches und soziales Bauen sei für das Stadtufer-Team eine Selbstverständlichkeit und ein zentraler Teil der Vision.
Sie selber ist als Künstlerin aus Deutschland gekommen – ihr ungewöhnlicher Nachname sei nicht etwa ein Pseudonym, sondern ihr Familienname, hergeleitet von zwei Bauernhöfen im Oldenburgischen, der kleinen und der Grossen Kalvelage. Sie studierte Kunst in Kassel, und in Weimar, wo sie danach lebte und arbeitete, kam ihr ein Flyer der Dogo-Residenzen in die Hand, die das Rathaus für Kultur oben im Städtli seit Jahren international für Künstler:innen ausschreibt. Sie bewarb sich, erhielt das Stipendium – und blieb in Lichtensteig.
Die Landschaft, die Gemeinschaft, in der sie sich rasch und unkompliziert eingelebt habe, die «Unterstützung und Freundlichkeit», ausserdem der kulturförderliche Geist, der am Ort herrscht und von Stadtpräsident Mathias Müller politisch gestützt wird, schliesslich ein altes Bauernhaus, das sie mit Freunden seit kurzem bewohnt: All das halte sie hier und beglücke sie, sagt Silke kleine Kalvelage. «Ich habe mich von Anfang an aufgehoben gefühlt.»
Dass ihr die Stadtufer-Fabrik besonders am Herz liegt, könnte auch mit ihrer Herkunft zu tun haben, meint sie: Unna, die Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist, liegt am Rand des industriell geprägten Ruhrgebiets.
Kugeln aus Erde und die Erdkugel
Dabei war der Start in der Schweiz kompliziert. Kurz nach ihrer Ankunft begann der erste Lockdown. Statt Kollaboration war erstmal Isolation angesagt. Ihr Glück: Sie hatte sich ein Projekt mit Erde vorgenommen, das sich als pandemieresistent erwies. Auf Spaziergängen sammelte sie Erde, verarbeitete sie in einem langsamen Prozess zu Kugeln und liess offen, wohin diese dereinst rollen würden. Im Lauf des Projekts entstanden aus der einsamen Arbeit Verknüpfungen und gemeinsame Projekte. Gerade hat sie am Ton-Erde-Festival in der Lokremise Wil ein «Erdlabor» eingerichtet, eine Landschaft aus Steinen, Lehm, Sand und Wasser, an der auch die Besucher:innen mitarbeiten können.
Ihr jüngstes Projekt besteht darin, dass ihr andere Menschen Erde aus einer Weltgegend mitbringen, die ihnen wichtig ist, samt der dazugehörigen Geschichte.
In ihrer künstlerischen Arbeit ist Erde ein «soziales» Material, mit Bodenhaftung und Beziehungsfähigkeit. Und die Kugeln, die Silke kleine Kalvelage daraus formt, sind von einer frappierenden Schönheit und Vollkommenheit. Aber die problematische Seite, der Zustand der geschundenen Erde beschäftigt die Künstlerin ebenso. Frühere Arbeiten drehten sich um die Ausbeutung von Rohstoffen und um Umweltprobleme, etwa den Schieferabbau in Estland oder die landfressenden Gewächshaus-Areale in der Region Almeria in Südspanien. «Ich habe mich mit Dingen beschäftigt, die schieflaufen», sagt Silke kleine Kalvelage – «und mit der Zeit gemerkt, dass ich auch eine hoffnungsvollere Linie verfolgen möchte.»
Wie sieht sie die Zukunft unseres Planeten Erde? «Ich hoffe… ich versuche zu hoffen», sagt sie zögernd. «Vielleicht ist das Stadtufer ein Weg, etwas zu verändern, ökologisch zu leben, klimagerecht zu bauen, gemeinschaftlich weiterzukommen.»
In der Genossenschaft Stadtufer ist sie für das Kulturprogramm mitverantwortlich und Teil eines Kollektivs von Leuten aus unterschiedlichsten Berufsfeldern, die diese alten Gemäuer in kurzer Zeit mit einem imponierenden Elan in Beschlag genommen haben. Als Saiten im März 2020 Lichtensteig zum Titelthema machte aus Interesse für die Aufbruchsstimmung, die hier im Toggenburg in den letzten Jahren offensichtlich in Gang gekommen war, stand die Fabrikanlage am Thurufer erst seit kurzem leer und war ihre Zukunft noch ungewiss. Heute ist das Areal im Besitz der Stiftung Edith Maryon, die es im Baurecht für 90 Jahre an die Genossenschaft Stadtufer abtritt. Den auf mehrere Millionen Franken veranschlagten Umbau finanzieren die Genossenschafter:innen, unterstützt von Stiftungen, von Gemeinde und Kanton.
Handwerker-Cluster und Skaterhalle
Platz gibt es einerseits für kulturelle Nutzungen. Künstler:innen haben ihre Ateliers hier, eine Druckwerkstatt entsteht, im Erdgeschoss wird geskatet, einen Stock höher hat sich das Kindertheaterprogramm «Gofechössi» einquartiert, neu unter dem Titel Junge Bühne Toggenburg. Workshops nach der Methode des Living Museum sind geplant und Werkstätten mit geflüchteten Frauen. Musikproduzent Claude Cueni pendelt zwischen Lichtensteig und LA, Veranstaltungstechniker:innen arbeiten bereits hier, Monster Chetwynd, Professorin an der ZHdK, hat ihr Atelier im Stadtufer.
Das Veranstaltungsprogramm ist erst am Werden; bereits heute sei die «Kulturdichte» im Städtli hoch, sagt Silke. Man wolle das Rathaus, das Chössitheater und andere Player nicht konkurrenzieren, sondern ergänzen.
stadtufer.ch
kleinekalvelage.com/
Jahresausstellung Dogo Totale: 12. bis 26. November, Alte Turnhalle Lichtensteig
dogoresidenz.ch
Zentral für die Stadtufer-Vision sind die Arbeitsplätze, gemeinsam nutzbare Werkstätten, ein eigentlicher Handwerker-Cluster, sowie Wohnungen. Allerdings nicht schicke Lofts, obwohl einen die ausladenden Hallen und die mehr als 4 Meter Raumhöhe zu solchen Fantasien verleiten könnten. Vielmehr will die Genossenschaft Leute hierher locken, die von Kleinwohnungen bis zu Gross-WGs unterschiedlichste Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen ausprobieren und dafür ihren je geeigneten Wohnraum zur Verfügung haben.
DIN PLATZ also auch für unkonventionelle Wohnutopien: «Im Stadtufer gibt es dafür genug Raum – und auch das nötige Flair», sagt Silke. Bereits spreche sich herum, dass Lichtensteig ein lebhaftes Pflaster mit attraktiven Entfaltungsmöglichkeiten sei, hat sie festgestellt. «Aber wir sind noch in der Anfangsphase. Vieles ist noch offen, vieles möglich.»
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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