, 30. November 2014
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In die Biographie eingegriffen

Marcel Gislers Electroboy wird weitherum gelobt und mit Preisen ausgezeichnet. Hier ein skeptischer Diskussionsbeitrag: Der Regisseur zwinge seiner Hauptfigur das Familienthema auf, kritisiert Robert Löpfe.

In Ausbildungen zu sozialen oder therapeutischen Berufen ist Reflexion hochgeschrieben. Misslungene Übungen und Prüfungen gelten plötzlich als erfüllt, weil der Misserfolg reflektiert, das Scheitern begründet wird. In der Ausbildung von Berufsanfängerinnen und -anfängern mag das sinnvoll sein. Soll diese Praxis auch für Marcel Gisler gelten, der als Dokumentarfilmer und Familientherapeut ein Anfänger ist? Sein Auftreten verrät mitnichten die Demut eines Berufsanfängers, darum sollen an ihn strengere Massstäbe angewendet werden. Die Finte: «Der Film ist mir entgleist, aber weil ich es sichtbar mache und reflektiere, darum ist er gelungen», hätte ihm die Kritik nicht durchgehen lassen dürfen.

Das Familien-Narrativ

Elektroboy hat gelungene Teile; so wird etwa die Zeit in den USA durch die präzise Abstimmung der gezeigten Gesprächsausschnitte gut vergegenwärtigt. Dass Marcel Gisler noch spät den Entscheid gefällt hat, in erster Linie auf Florian Burkhardt als Erzähler seines eigenen Lebens zu bauen, ist eine notwendige Entscheidung gewesen. Sie hat das Debakel verhindert und ermöglicht, dass wir in Elektroboy einen Film vor uns haben, der alles in allem das Prädikat «sehenswert» verdient.

Aus irgendeinem Grund greift Marcel Gisler jedoch in massiv manipulativer Weise ins Geschehen und in die Darstellung von Florian Burkhardt ein. Diese Gründe können in der Person oder in der gegenwärtigen Lebensphase von Marcel Gisler vermutet werden, der sich schon mit Rosie intensiv mit dem Familienthema auseinandergesetzt hat. Für mich hat er Florian Burkhardt und dem Film über Florian Burkhardt das Familienthema aufgezwungen. Er hat folgendem psychologischem Narrativ zur Durchsetzung verholfen: Florians Vater hat einen Autounfall gebaut, darum wurde Florian überbehütet, ist er krank und trotz seines Genies in seinem Leben gescheitert.

Gewiss sollte die Familiengeschichte nicht ausgeklammert werden, nur durfte sie nicht zum A und O des Films werden.

Weniger ist mehr – im Kino wie in der Therapie

Die Anwesenheit von Herrn Burkhardt im Kinok war eine Wohltat und hat geleistet, was durch den Film zu leisten gewesen wäre und wie das beispielsweise im Film Searching for Sugarman vorgeführt wurde: Wir lernten Florian Burkhardt als eine reife und integrierte Persönlichkeit kennen. Besonders aufschlussreich war seine Bemerkung: «Alle glauben, ich sei ein psychisches Wrack. Ich bin kein Wrack.» Herr Burkhardt hat nach seinem eigenen Bericht seine Karrieren abgebrochen, weil er nicht mehr dahinter stehen konnte, wie sich alles entwickelte. Die Gründe sind stichhaltig. Es hätte die Möglichkeit gegeben, diese Kritik an der Ideologie des Erfolgszwangs aufzugreifen und ihr ein eigenes Gewicht neben der «Psycho- und Familiengeschichte» zu geben.

Also – falls Marcel Gisler wieder einmal als Porträtfilmer und Familientherapeut aktiv werden will: Es genügt vollauf, einen Menschen und ihm Nahestehende bei der Rekonstruktion eines Lebens zu begleiten, zu assistieren und nur dann ins Geschehen einzutreten, wenn der Protagonist ihn reinholt. Weniger ist mehr, sowohl für die Dokumentation und auch in der Therapie.

Robert Löpfe ist Sozialpädagoge in St.Gallen.

Electroboy läuft in St.Gallen im Kinok.

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