, 1. April 2019
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In Liebe mit dem Tief

Elio Ricca bringen ihr zweites Album «Lovely Underground»: ein Kunstwerk über den Kampf damit, Kunst zu machen. von David Nägeli

Elio Ricca, das sind Philip Meienhofer und Elio Ricca. (Bild: Skiba Shapiro)

Mitte März waren Elio Ricca am Schweizer Jugendfilmfestival zu Gast. Sie stellten Dark Horse Samba vor, den Clip zur
ersten Single und den Eröffnungstrack ihres zweiten Albums Lovely Underground. Gleichzeitig fand das Schweizer Musikszenefestival m4music statt, und an dessen Demotape-Clinic hiess es, Duos müssten Charakter haben, es gebe schlicht zu viele davon.

Elio Riccas Charakter besteht aus melancholischen Gesangslinien oder Stonerrock-Riffs und Drumbeats zwischen Garagenkeller und Stadion – alles hübsch zugedeckt unter
 einer Proberaum-Klangästhetik, die Emotionen und Dringlichkeit zwar nicht im Zaun hält, aber sie gekonnt ins Unterbewusste verlagert. Bis sie dann doch ausbrechen, in ein eskalierendes Ende wie bei I Lost My Leg oder In Dreams, das von einem brachialen Metal-Part in ein brüchiges Piano-Stück zerfällt.

Wieder und wieder von vorne

Als das Ostschweizer Duo Elio Ricca vor vier Jahren Teil des m4music-Nachwuchswettbewerbs war, gab es vielleicht 
noch weniger Duos, oder vielleicht war das mit dem Charakter damals keine Frage. Im Folgejahr veröffentlichten sie mit Another Way to Get High ihr erstes Album und klangen so, als ob sie sich musikalisch bereits gefunden hätten. Am 29. März ist nun ihr zweites Album erschienen – und zeigt denselben Charakter, nur um einiges tiefer.

Die Soundästhetik ist geblieben, aber in den Jahren dazwischen ist einiges geschehen. Oder treffender: Einiges ist gleich mehrmals geschehen. Der Kick-Off fürs Recording beispielsweise: Bis Elio Ricca, wie gewohnt in Eigenregie im eigenen Proberaum, die finalen Spuren eingespielt hatten, verwarfen sie die bisherige Arbeit komplett. Mehrmals. Sie seien keine Recordingexperten, sagen die beiden, sie hätten einfach ausprobiert: Mikrofone verschoben, fertige Aufnahmen oder Songs verworfen.

Elio Ricca: Lovely Underground, erschienen auf Lauter Musik

Live: 3. April, Albani Winterthur
Plattentaufe: 25. Mai, Palace St.Gallen

Das klingt nach einer ausgeprägten Vision, aber das klingt auch nach viel Arbeit und Selbstzweifeln. Und diese schlagen sich auch im Album nieder. Jedoch nicht in einem Part eines Songs, der nur mit halbem Herz geschrieben, gespielt oder abgesegnet wurde, wie das in einer langwierigen (Eigen-)Produktion der Fall sein könnte. Denn alle Parts, von zweiten oder dritten Gitarrenstimmen bis zu Gesangseffekten, sind sehr bewusst und stimmig gesetzt. Der titelgebende Untergrund steckt im Inhalt.

Ein wiederholtes Tüfteln und Neubeginnen ist ziemlich schwierig, obwohl es eigentlich ganz einfach enden könnte: neue Songs, neue Instrumente, neue Ästhetik. Und obwohl Sänger und Gitarrist Elio Ricca und Drummer Philip Meienhofer gerne experimentieren, ist Lovely Underground weniger ein jahrelanges Ausprobieren, sondern ein vielleicht fast schon obsessives Verfolgen einer klanglichen Idee.

In Liebe mit dem Untergrund

Lovely Underground erzählt von diesem Kampf mit der eigenen Vision, vom wiederholten Werfen und Verwerfen von Ideen 
bis zum Zweifeln an der Arbeit und dem eigenen Selbst. Das Album erzählt seine eigene Geschichte, und diese geht wahrscheinlich noch weiter. Nach antreibenden, harten Drumbeats wie in Nightmare endet alles bei Julia Resolve, in einem beinahe schon an Anti-Folk erinnernden, aber dennoch ruhigen, harmonischen Song.

Einfach gesagt, ist das Album ein Kunstwerk über den Kampf damit, Kunst zu machen. Aber so einfach ist das mit dem Leben und den Songs nicht (nur). Aus einem Satz wird eine Krise, aus einem Zweifeln ein Verzweifeln, und aus einem Lied wird ein Monument für das eigene Scheitern, eine Ode an
 das eigene Leben oder sonst etwas, das viel zu bedeutungsschwanger ist für drei oder vier Minuten Musik.

Und plötzlich bricht dann doch alles zusammen, aus Drum- und Gitarrengewitter wird ein verhalltes Barpiano, und abgesehen von
ein, zwei Dissonanzen löst sich alles in Harmonie auf. Und der Lovely Underground ist kein böses Übel, sondern ein guter Ort, um ein gutes Album zu machen.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

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