Saiten: Gratulation zum Vierzigsten. Wie feiert ihr?
Kaspar Surber: Wir wollten uns nicht in Nostalgie suhlen, auch wenn wir gerade täglich einen Archivartikel posten. Wir wollen vor allem vorwärtsschauen. Das machen wir mit einer Sonderausgabe am 30. September, in der wir verschiedene gesellschaftspolitische Zukunftsthemen beleuchten. Wir glauben, es gibt heute ein grosses Orientierungsbedürfnis, zum Beispiel was das Klima betrifft, die Zukunft der Arbeit, des Staats oder der Geschlechterrollen. Dazu gibt es eine Gesprächstournee durch vier Schweizer Städte, die uns besonders nahestehen: Zürich, Bern, Basel und St.Gallen. Das erste Podium findet am 2. Oktober im Palace statt.
Als Leser hat man den Eindruck, der WOZ gehe es derzeit prächtig. Die steigenden Leser:innenzahlen belegen das. Droht mit 40 trotzdem bald eine midlife crisis?
Die WOZ verändert sich ja ständig. Es stossen immer neue Leute dazu, ohne dass jeweils zu viele Erfahrene uns gleichzeitig verlassen. Was vor 40 Jahren war, weiss heute aber eigentlich kaum noch jemand aus eigener Erfahrung. So gesehen, kann es also gar nie zu einer midlife crisis kommen.
Es gab auch schwierigere Zeiten, etwa Anfangs der Nullerjahre, als die WOZ beinahe konkurs ging.
Ja, wobei ich sagen muss, dass ich erst 2007 zur WOZ kam und die Vorgänge nicht direkt miterlebt habe. Dass die WOZ kurz vor dem Aus stand, hing vor allem damit zusammen, dass man während eines Ausbaus der Zeitung irgendwann schlicht die Übersicht über die Zahlen verloren hat. Es war weniger Geld da als angenommen. Man hat dann die Finanzkontrolle verstärkt.
Wohin will die WOZ?
Einerseits ist sicher vieles gut so, wie es ist. Am meisten beschäftigt uns derzeit die digitale Zukunft. Da ist allerdings noch nicht allzu viel spruchreif. Wir planen sicherlich eine neue Homepage, auf der weiterhin ein Teil der Texte gratis zugänglich sein wird. Bei den Überlegungen zur Digitalisierung haben wir auch festgestellt: Eigentlich sind wir gar keine klassische Printzeitung. Der Wochenrhythmus strukturiert unsere Aktualität. Wir pflegen dadurch einen vertieften Journalismus, der sich irgendwo zwischen Tagesaktualität und Buch ansiedelt. Wir sind uns einig: Wir wollen eine Wochenpublikation bleiben.
Während die traditionellen Tageszeitungen immer schlechtere Zahlen schreiben, gelingt es euch, die Leser:innenzahlen stetig zu erhöhen. Was sagt diese Entwicklung über den Zustand des Schweizer Journalismus aus?
Dass unsere Zahlen steigen, ist nicht allein unser Erfolg. Es hängt mit dem allgemeinen Konsumverhalten zusammen. Tagsüber informieren sich heute viele übers Handy und leisten sich nur noch einmal in der Woche eine Printzeitung. Davon profitiert beispielsweise auch die «NZZ am Sonntag». Aber man muss schon sagen: Der Journalismus steckt in einer grossen Krise. Was die «Republik» und wir dazugewonnen haben, wiegt niemals das auf, was den Tageszeitungen verloren geht. Die Menschen informieren sich heute einfach anders als früher. Ob sie sich auch besser informieren? Manchmal frage ich mich schon, wie und wo sie das tun. Wir stellen auch bei uns fest, dass wir heute vermehrt auch die Basics politischer Diskussionen vermitteln müssen und bei der Leserschaft immer weniger Vorwissen voraussetzen können als noch vor zehn oder 15 Jahren.
Ist die WOZ zu intellektuell, um ein breit wahrgenommenes «Massenmedium» zu werden?
Wir versuchen immer beides: Zugänglichkeit über lebendige Texte und Reportagen, die aber nicht zu stark vereinfachen. Aber auch anspruchsvolle Essays haben bei uns Platz. Unser Problem ist weniger die Zugänglichkeit als vielmehr die Bekanntheit. Viele glauben, dieses linke Blatt könne man auch links liegen lassen. Wenn sie es dann aber lesen, ändern einige ihre Ansicht.
Der zweite Bund, die Hälfte der WOZ, ist für die Ressorts Kultur und Wissen reserviert. Warum diese starke Gewichtung?
Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens – und das war mir früher schon bei Saiten ein Anliegen – ist Kultur nicht einfach ein gesellschaftlicher Nebenschauplatz, sondern ein wichtiger Ort gesellschaftlicher Aushandlung und sozialer Netzwerke. Auch im politischen Sinn geht es um Räume, in denen Sachen ausprobiert werden können. Kultur war für die Menschen, ebenso wie für die Medien, schon immer wichtig. Zweitens verabschieden sich die Tageszeitungen wie etwa der «Tagesanzeiger» immer mehr vom Kulturjournalismus. Oder er wird politisch instrumentalisiert wie seit einiger Zeit etwa im NZZ-Feuilleton.
Schon in den Anfangsjahren prägten grosse Ostschweizer Namen wie Niklaus Meienberg oder Jürg Frischknecht die WOZ mit. Heute ist rund ein Viertel der Redaktion mit Ostschweizer:innen besetzt. War die WOZ schon immer auch ein Ostschweizer Projekt? Und warum eigentlich?
Gerade dass diese Region keine linke Hochburg ist, hat womöglich dazu beigetragen. In der Opposition, in diesen teils doch ruppigen Verhältnissen, lernt man vielleicht eher, sich links zu profilieren. Die alten Machtblöcke, die sich zumindest in der Stadt langsam auflösen, waren immer ein interessantes Umfeld, um sich journalistisch daran abzuarbeiten und sich daran zu reiben. Hierbei war und ist Saiten auch ein wichtiges Labor. Hier können sich junge Kräfte auch in längeren Texten austoben, befreit von tagesredaktionellen Konformitätszwängen. Denn Journalismus lernt man vor allem durchs Machen. Dass es aber einen grossen Masterplan der Ostschweizer Fraktion in der WOZ gab und diese ihren Kolleg:innen aus der Region Jobs zuhielt, halte ich eher für einen Mythos. Wir achten auf ein regionales Gleichgewicht in der Redaktion. Diese Vielstimmigkeit macht die Zeitung ja auch interessant.
Auch die Opposition gegen die nationale Medienförderung hat sich in der Ostschweiz kristallisiert. Was ist davon zu halten?
Das Gegenkomitee setzt sich ja aus den altbekannten Gegner:innen der Medienförderung zusammen. Peter Weigelt und Konrad Hummler haben früher schon mit dem «Trumpf Buur» gegen die SRG Stimmung gemacht. Entweder gibt es diese Medienförderung jetzt – oder sonst sehr lange überhaupt keine. Ich bin, bei aller nötigen Zurückhaltung, der Meinung, dass staatliche Medienförderung heute wichtig ist, weil immer mehr Werbung ins Netz abwandert. Wenn Medien immer mehr in die Hände interessengeleiteter Mäzene fallen, ist das der unabhängigen Berichterstattung sicher nicht förderlich. Je mehr Geldgeber:innen, desto besser.
Die WOZ ist nach wie vor genossenschaftlich organisiert. Ist das kein Auslaufmodell?
Im Gegenteil. Es ist der Hauptgrund, warum es mir immer noch so viel Spass macht, Journalist zu sein. Die WOZ gehört den Macherinnen und Machern, es gibt noch immer keine Chefredaktion. Sie versucht, was sie politisch einfordert, auch selber umzusetzen. Das führt zwar manchmal zu Diskussionen, meist ist es aber sehr bereichernd.
In den Gründungsjahren setzte sich die WOZ aus Altachtundsechzigern und Leuten aus der 80er-Bewegung zusammen. Wo verlaufen die internen Konfliktlinien heute?
Ich denke nicht, dass es grosse ideologische Gräben gibt. Aber verschiedene Leute haben verschiedene Interessen. Die einen befassen sich stärker mit ökologischen Fragen, andere mit solchen der sozialen Gerechtigkeit und wieder andere – wie ich zum Beispiel – kommen eher aus der Asyl-Migrations-Bürgerrechts-Ecke. Einige ticken hintergründig, andere sind näher an der Aktualität. Unsere Aufgabe ist es, alles irgendwie zu verbinden. Die innerlinken Auseinandersetzungen tragen wir manchmal auch in den Redaktionssitzungen aus: Welche Themen gewichten wir wie? Was kommt auf die Front? Das Ziel wäre, dass wir uns einer Synthese nähern, anstatt einfach ein Nebeneinander der Themen zu pflegen. Da wären wir wieder bei den Zukunftsfragen. Zum Beispiel: Wie kann eine sozialverträgliche Klimapolitik gelingen?
Die WOZ-Jubiläumsausgabe vom 30. September richtet den Blick ausschliesslich nach vorn. Zukunftsthemen werden ausserdem in vier Gesprächen in vier Schweizer Städten diskutiert. Die WOZ-Zukunftstour beginnt im Palace St.Gallen. Thema des Podiums: Wie sieht die gute und soziale Gesundheitspolitik der Zukunft aus? Es sprechen SP-Nationalrätin Barbara Gysi, Carina Kolbe (Pflegefachfrau in Ausbildung) und Pflegefachmann und ZHAW-Dozent André Finger. WOZ-Redaktor Adrian Riklin moderiert. 2. Oktober, 20 Uhr, Palace St.Gallen.
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung