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«In ruppigen Verhältnissen lernt man, sich links zu profilieren»

Die Wochenzeitung wird 40. Im Interview spricht Co-Redaktionsleiter und Ex-Saitenredaktor Kaspar Surber über Zukunftspläne, den Zustand des Schweizer Journalismus, die stabilen Verbindungen der WOZ in die Ostschweiz und innerlinke Kämpfe, die auch in der Redaktion ausgetragen werden.
Von  Roman Hertler , 
Kaspar Surber, 1980, ist Co-Redaktionsleiter der WOZ, wo er seit 2007 arbeitet. (Bild: Florian Bachmann)

Saiten: Gratulation zum Vierzigsten. Wie feiert ihr?

Kaspar Surber: Wir wollten uns nicht in Nostalgie suhlen, auch wenn wir gerade täglich einen Archivartikel posten. Wir wollen vor allem vorwärtsschauen. Das machen wir mit einer Sonderausgabe am 30. September, in der wir verschiedene gesellschaftspolitische Zukunftsthemen beleuchten. Wir glauben, es gibt heute ein grosses Orientierungsbedürfnis, zum Beispiel was das Klima betrifft, die Zukunft der Arbeit, des Staats oder der Geschlechterrollen. Dazu gibt es eine Gesprächstournee durch vier Schweizer Städte, die uns besonders nahestehen: Zürich, Bern, Basel und St.Gallen. Das erste Podium findet am 2. Oktober im Palace statt.

Als Leser hat man den Eindruck, der WOZ gehe es derzeit prächtig. Die steigenden Leser:innenzahlen belegen das. Droht mit 40 trotzdem bald eine midlife crisis?

Die WOZ verändert sich ja ständig. Es stossen immer neue Leute dazu, ohne dass jeweils zu viele Erfahrene uns gleichzeitig verlassen. Was vor 40 Jahren war, weiss heute aber eigentlich kaum noch jemand aus eigener Erfahrung. So gesehen, kann es also gar nie zu einer midlife crisis kommen.

Es gab auch schwierigere Zeiten, etwa Anfangs der Nullerjahre, als die WOZ beinahe konkurs ging.

Ja, wobei ich sagen muss, dass ich erst 2007 zur WOZ kam und die Vorgänge nicht direkt miterlebt habe. Dass die WOZ kurz vor dem Aus stand, hing vor allem damit zusammen, dass man während eines Ausbaus der Zeitung irgendwann schlicht die Übersicht über die Zahlen verloren hat. Es war weniger Geld da als angenommen. Man hat dann die Finanzkontrolle verstärkt.

Wohin will die WOZ?

Einerseits ist sicher vieles gut so, wie es ist. Am meisten beschäftigt uns derzeit die digitale Zukunft. Da ist allerdings noch nicht allzu viel spruchreif. Wir planen sicherlich eine neue Homepage, auf der weiterhin ein Teil der Texte gratis zugänglich sein wird. Bei den Überlegungen zur Digitalisierung haben wir auch festgestellt: Eigentlich sind wir gar keine klassische Printzeitung. Der Wochenrhythmus strukturiert unsere Aktualität. Wir pflegen dadurch einen vertieften Journalismus, der sich irgendwo zwischen Tagesaktualität und Buch ansiedelt. Wir sind uns einig: Wir wollen eine Wochenpublikation bleiben.

Während die traditionellen Tageszeitungen immer schlechtere Zahlen schreiben, gelingt es euch, die Leser:innenzahlen stetig zu erhöhen. Was sagt diese Entwicklung über den Zustand des Schweizer Journalismus aus?

Dass unsere Zahlen steigen, ist nicht allein unser Erfolg. Es hängt mit dem allgemeinen Konsumverhalten zusammen. Tagsüber informieren sich heute viele übers Handy und leisten sich nur noch einmal in der Woche eine Printzeitung. Davon profitiert beispielsweise auch die «NZZ am Sonntag». Aber man muss schon sagen: Der Journalismus steckt in einer grossen Krise. Was die «Republik» und wir dazugewonnen haben, wiegt niemals das auf, was den Tageszeitungen verloren geht. Die Menschen informieren sich heute einfach anders als früher. Ob sie sich auch besser informieren? Manchmal frage ich mich schon, wie und wo sie das tun. Wir stellen auch bei uns fest, dass wir heute vermehrt auch die Basics politischer Diskussionen vermitteln müssen und bei der Leserschaft immer weniger Vorwissen voraussetzen können als noch vor zehn oder 15 Jahren.

Ist die WOZ zu intellektuell, um ein breit wahrgenommenes «Massenmedium» zu werden?

Wir versuchen immer beides: Zugänglichkeit über lebendige Texte und Reportagen, die aber nicht zu stark vereinfachen. Aber auch anspruchsvolle Essays haben bei uns Platz. Unser Problem ist weniger die Zugänglichkeit als vielmehr die Bekanntheit. Viele glauben, dieses linke Blatt könne man auch links liegen lassen. Wenn sie es dann aber lesen, ändern einige ihre Ansicht.

Der zweite Bund, die Hälfte der WOZ, ist für die Ressorts Kultur und Wissen reserviert. Warum diese starke Gewichtung?

Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens – und das war mir früher schon bei Saiten ein Anliegen – ist Kultur nicht einfach ein gesellschaftlicher Nebenschauplatz, sondern ein wichtiger Ort gesellschaftlicher Aushandlung und sozialer Netzwerke. Auch im politischen Sinn geht es um Räume, in denen Sachen ausprobiert werden können. Kultur war für die Menschen, ebenso wie für die Medien, schon immer wichtig. Zweitens verabschieden sich die Tageszeitungen wie etwa der «Tagesanzeiger» immer mehr vom Kulturjournalismus. Oder er wird politisch instrumentalisiert wie seit einiger Zeit etwa im NZZ-Feuilleton.

Schon in den Anfangsjahren prägten grosse Ostschweizer Namen wie Niklaus Meienberg oder Jürg Frischknecht die WOZ mit. Heute ist rund ein Viertel der Redaktion mit Ostschweizer:innen besetzt. War die WOZ schon immer auch ein Ostschweizer Projekt? Und warum eigentlich?

Gerade dass diese Region keine linke Hochburg ist, hat womöglich dazu beigetragen. In der Opposition, in diesen teils doch ruppigen Verhältnissen, lernt man vielleicht eher, sich links zu profilieren. Die alten Machtblöcke, die sich zumindest in der Stadt langsam auflösen, waren immer ein interessantes Umfeld, um sich journalistisch daran abzuarbeiten und sich daran zu reiben. Hierbei war und ist Saiten auch ein wichtiges Labor. Hier können sich junge Kräfte auch in längeren Texten austoben, befreit von tagesredaktionellen Konformitätszwängen. Denn Journalismus lernt man vor allem durchs Machen. Dass es aber einen grossen Masterplan der Ostschweizer Fraktion in der WOZ gab und diese ihren Kolleg:innen aus der Region Jobs zuhielt, halte ich eher für einen Mythos. Wir achten auf ein regionales Gleichgewicht in der Redaktion. Diese Vielstimmigkeit macht die Zeitung ja auch interessant.

Auch die Opposition gegen die nationale Medienförderung hat sich in der Ostschweiz kristallisiert. Was ist davon zu halten?

Das Gegenkomitee setzt sich ja aus den altbekannten Gegner:innen der Medienförderung zusammen. Peter Weigelt und Konrad Hummler haben früher schon mit dem «Trumpf Buur» gegen die SRG Stimmung gemacht. Entweder gibt es diese Medienförderung jetzt – oder sonst sehr lange überhaupt keine. Ich bin, bei aller nötigen Zurückhaltung, der Meinung, dass staatliche Medienförderung heute wichtig ist, weil immer mehr Werbung ins Netz abwandert. Wenn Medien immer mehr in die Hände interessengeleiteter Mäzene fallen, ist das der unabhängigen Berichterstattung sicher nicht förderlich. Je mehr Geldgeber:innen, desto besser.

Die WOZ ist nach wie vor genossenschaftlich organisiert. Ist das kein Auslaufmodell?

Im Gegenteil. Es ist der Hauptgrund, warum es mir immer noch so viel Spass macht, Journalist zu sein. Die WOZ gehört den Macherinnen und Machern, es gibt noch immer keine Chefredaktion. Sie versucht, was sie politisch einfordert, auch selber umzusetzen. Das führt zwar manchmal zu Diskussionen, meist ist es aber sehr bereichernd.

In den Gründungsjahren setzte sich die WOZ aus Altachtundsechzigern und Leuten aus der 80er-Bewegung zusammen. Wo verlaufen die internen Konfliktlinien heute?

Ich denke nicht, dass es grosse ideologische Gräben gibt. Aber verschiedene Leute haben verschiedene Interessen. Die einen befassen sich stärker mit ökologischen Fragen, andere mit solchen der sozialen Gerechtigkeit und wieder andere – wie ich zum Beispiel – kommen eher aus der Asyl-Migrations-Bürgerrechts-Ecke. Einige ticken hintergründig, andere sind näher an der Aktualität. Unsere Aufgabe ist es, alles irgendwie zu verbinden. Die innerlinken Auseinandersetzungen tragen wir manchmal auch in den Redaktionssitzungen aus: Welche Themen gewichten wir wie? Was kommt auf die Front? Das Ziel wäre, dass wir uns einer Synthese nähern, anstatt einfach ein Nebeneinander der Themen zu pflegen. Da wären wir wieder bei den Zukunftsfragen. Zum Beispiel: Wie kann eine sozialverträgliche Klimapolitik gelingen?

 

Die WOZ-Jubiläumsausgabe vom 30. September richtet den Blick ausschliesslich nach vorn. Zukunftsthemen werden ausserdem in vier Gesprächen in vier Schweizer Städten diskutiert. Die WOZ-Zukunftstour beginnt im Palace St.Gallen. Thema des Podiums: Wie sieht die gute und soziale Gesundheitspolitik der Zukunft aus? Es sprechen SP-Nationalrätin Barbara Gysi, Carina Kolbe (Pflegefachfrau in Ausbildung) und Pflegefachmann und ZHAW-Dozent André Finger. WOZ-Redaktor Adrian Riklin moderiert. 2. Oktober, 20 Uhr, Palace St.Gallen.

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Kanton sparmassnahme

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Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

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Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
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Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
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