, 4. Juni 2017
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Indianer werden

US-Theater zum Schluss der Spielzeit: «Eine Familie» von Tracy Letts war vor zehn Jahren ein Broadway-Bestseller. Regisseur Wojtek Klemm rückt der Familienhölle in St.Gallen indianisch zu Leibe.

Die Westons, das ist eine family, wie man sie sich weder wünscht noch unbedingt auf der Theaterbühne ansehen will: Mutter Violet hat Mundhöhlenkrebs und ist medikamentensüchtig, Vater Beverly, pensionierter Dichter und passionierter Alkoholiker, hat sich aus dem Staub gemacht, Selbstmord, wie man später vom Sheriff erfährt. Die älteste Tochter Barbara trennt sich gerade von ihrem auf Studentinnen stehenden Mann Bill, die jüngste Tochter Ivy versucht sich verbissen von der despotischen Mutter zu befreien, die mittlere im Tochtertrio schliesslich, Karen, muss zusehen, wie ihr Verlobter Steve sich an die 14-jährige Jean, Barbaras Tochter heranmacht.

Autor Tracy Letts hat in sein autobiographisch inspiriertes, 2007 uraufgeführtes und 2013 mit Meryl Strepp und Julia Roberts verfilmtes Bestseller-Stück so ziemlich alle familiären Zerwürfnisse hineingepackt. Die übelste Katastrophe ereilt die neurotische Ivy: Endlich hat sie ihre Liebe gefunden in der Person von Cousin Charles jr., der ein noch grösserer Problemhaufen als sie selber ist – da kommt hintenrum aus, dass der Cousin in Wahrheit ihr Halbbruder ist. Und dass Mama das längst gewusst und nur ein böses Lachen für die abverheite Tochter übrig hat.

Klettern auf dem Möbelturm

Der Tod des alten Beverly treibt die ganze Familie zusammen und reisst alte und neue Abgründe auf. Eine Krise jagt die nächste. Das ist wohlbekannt, aber very well made. Man könnte es einigermassen «aus dem Leben gegriffen» inszenieren, wie dies vielerorts auch auf deutschsprachigen Bühnen geschieht, und das Publikum bekäme ein pointensicheres Stück mit leichter Schlagseite Richtung Boulevard.

Eine Familie steht kopf.

In St.Gallen ist von solchem Déja-vu erstmal gar nichts zu sehen. Die Bühne ist ein Unort: Als gigantische Skulptur türmen sich in der Mitte Schrank, Herd, Sofa, Kommode, Tisch, Badewanne, Fernseher und Sessel bis zur Decke. Die Wände sind mit caramelfarbenen Kunststofffetzen beklebt, die auch auf dem Boden überall herumliegen zwischen den Billigstühlen, mit denen Stühlerücken gespielt, gekämpft und geliebt, gerungen und hoch- und tiefgestapelt wird.

Befremdlich auch: Vom ersten bis zum letzten Wort ist die ganze 13-köpfige Truppe auf der Bühne, sogar der Sheriff gehört gut amerikanisch mit zur Familie. Noch befremdlicher: Immer wieder werden Sätze geloopt, als hätte die Familienplatte einen Sprung. Kurios: Die alte Violet schlurft in gigantischen Bärentatzen-Pantoffeln herum. Noch kurioser: Im Riesenschrank verbirgt sich ein Klavier, auf dem ab und zu einer ein Bachpräludium klimpert, wenn es nicht gerade Ivy auf dem Cello tut. Und mehr als eigenartig: Beverly ist, obwohl tot, immer irgendwo da und rezitiert zwischendurch Gingsbergs Howl.

Ehrenrettung für die Indianer

Am allerbefremdlichsten aber sind die Indianer. Plötzlich taucht hier eine Adlerfeder und dort eine bunte Schärpe auf, plötzlich ist die ganze Truppe indianisch dekoriert und formiert sich zum hüpfenden Indianertanz, ebenso plötzlich ist der Spuk wieder vorbei, aber der Spuk hat Methode. Vor seinem Abgang hatte der alte Beverly die Indianerin Johnna zur Betreuung seiner Frau angestellt. Regisseur Wojtek Klemm lässt sich davon inspirieren und unterlegt dem privaten Stoff einen politischen doppelten Boden: die Erzählung von der Vertreibung und Ausrottung der indigenen Völker.

Diana Dengler (Barbara) und das Ensemble beim Indianertanz.

Die Indianerin (pardon: Ureinwohnerin Amerikas) Johnna singsangt die Legende vom Sonnentanz, diesem Kraftritual der Männer, unvergesslich aus Karl-May-Zeiten. Und Bill und Steve stürzen sich mit nacktem Oberkörper ins schrille Abenteuer der Selbstaufgabe und Erleuchtung. Die junge Jean schleudert ihre Empörung über Bisonmord und Genozid ins Publikum. Bis hin zum blutrünstigen Opfermythos, einem indianischen Sacre du Printemps am Schluss des Stücks, hat der Regisseur eine Vielzahl von neuen Texten ins Originalstück eingebaut.

Die Texte sind wie die Fetzen auf der Bühne, sie türmen sich auf wie der Möbelturm in der Mitte, das ganze Stück steht kopf, und die tollsten Dinge werden möglich: Man klettert den Möbelturm hoch und nieder, arrangiert die Stühle und Leiber in irrwitzigen Kontaktimprovisationen, Mattie und Charlie zerquetschen im Ehestreit beinah die arme Ivy, Barbara umschlingt den Sheriff auf allerkomischste Art, und auch das Leichenmahl ist bei allem Drunter und Drüber präzis choreographiert, Tischlied inklusive: «Jedes Tierlein hat sein Essen…».

Grosses Ensemble, präzise Typen

Bei allen Turbulenzen merkt man rasch: Der Regisseur mag seine Figuren, noch in der grössten Erbärmlichkeit behalten sie ihre Würde und ihre Liebenswürdigkeit. Das gilt allen voran für Birgit Bücker. Sie spielt Violet, den despotischen Mittelpunkt des Stücks, mit flackerndem Blick und zugekniffenem Mund, sekundenschnell kippend zwischen Wrack und Vamp, böse und bedauernswert.

Mutter (Birgit Bücher) quält Tochter (Anja Tobler), im Hintergrund Jessica Cuna.

Um sie herum läuft das komplette Ensemble zu Hochform auf, wobei das starke Geschlecht («Bloss keine Genderdebatte», flucht Bill) die Frauen sind: die drei Schwestern Diana Dengler, Anna Blumer und Anja Tobler sowie als Gäste Catriona Guggenbühl und Katrija Lehmann, die die junge Jean mit starker Präsenz spielt. Zum Lachen, aber nie lächerlich auch die Männer: Marcus Schäfer, Christian Hettkamp, Bruno Riedl, Matthias Albold und Oliver Losehand. Weniger gut ins Spiel kommen die beiden Haupt- und zugleich Randfiguren, Hans Jürg Müller als herumspukender Beverly und Jessica Cuna in der Rolle der Indianerin.

Nächste Vorstellungen: 7. und 9. Juni. Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit.
theatersg.ch

Unter den Händen von Wojtek Klemm, Julia Kornacka (Kostüme) und Katarzyna Sitarz (Choreographie), von Bühnenbildnerin Magdalena Gut und Musiker Albrecht Ziepert siedelt das Stück aus der Prärie von Oklahoma nicht gerade in die polnische Tiefebene um – aber es erhält eine Wildheit und Leidenschaftlichkeit, die dem leicht abgedroschenen Familienknatsch gut tut. Dank indianisch-osteuropäischem Groove trägt jeder zwischendurch den Federschmuck – auch wenn er nicht Sitting Bull wird, sondern nur Häuptling Stockende Zunge.

Zu viel Vereinnahmung?

Prärie übrigens, so sagt es Barbara einmal, ist ein Bewusstseinszustand, mehr noch: eine Krankheit. Im Original ist das Stück denn auch nach dem Ort, in dem es spielt, benannt: «August, Osage County».

Wäre man allerdings der Indianer im Publikum, so könnte einen das kindliche Spiel mit Federn, der Möbelturm als Totempfahl und die Vereinnahmung der schamanistischen Riten für eine bürgerlich-familiäre Opfermetaphorik möglicherweise aufregen. Der Sache der indigenen Völker (zu der im Programmheft Historiker Aram Mattioli spannend zitiert wird) dürfte das Stück kaum helfen. Der Sache des Theaters aber schon. Howgh.

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