, 18. Januar 2019
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Interkulturell wohnen und werken

Interkulturelles Wohnen, Café als Raum für Kultur und Erprobung neuer Lebensformen: All das will das Stattkloster St.Gallen sein. Andri Bösch hat das Projekt im St. Mangenquartier besucht.

Magdalena Lampart und Kurt Pauli. (Bilder: Andri Bösch)

Die Türklingel des Hauses an der Kirchgasse 16, gleich oberhalb des St.Galler Marktplatzes, ist dreifach beschriftet. Stattkloster, WirkRaumKirche, safranblau. Kurt Pauli öffnet die Türe. Der 58-jährige ist Verantwortlicher des Stattklosters: ein Projekt, dass in der Stadt St.Gallen seit dem 1. Januar 2019 eine Wohngemeinschaft für Menschen bietet, die auf der Suche nach anderen Arten von Lebensformen sind.

Vision und Realität

«Die Vision hatte ich schon lange», sagt Pauli: «ein Raum, wo sich kulturelle und spirituelle Gemeinschaften entwickeln können, wo sich ganzheitliche neue Lebensformen erproben lassen und dadurch gemeinsame Projekte und Dinge entstehen.» Seit neun Jahren arbeitet er für WirkRaumKirche, einen ökumenischen Verein, der sich als Plattform für spirituelle, kulturelle und soziale Projekte versteht und Träger der Projekte Stattkloster und safranblau ist. Paulis Vision verstärkte und konkretisierte sich vor gut einem Jahr, als er bei einem Aufenthalt in Berlin das erste Mal mit einem sogenannten Sharehouse in Kontakt kam, wo geflüchtete Menschen mit Einheimischen zusammenwohnen.

«Diese Leute leben ein Konzept, in welchem sie ihren Alltag miteinander gestalten, ein Restaurant betreiben, kulturelle Veranstaltungen organisieren und sich gegenseitig Fähigkeiten vermitteln. Da kam mir die Erkenntnis, dass es so einen Ort auch in St.Gallen geben sollte», erzählt Pauli. Für ihn sei die aktuelle Situation rund um die Geflüchteten-Debatte mit Angst beladen – sowohl vor dem Fremden, als auch vor Verlust – «dabei sind diese Leute, die zu uns kommen, ganz normale Menschen, die man einfach kennenlernen muss, um das zu erkennen.» Und wenn man einen Fremden kennenlerne, werde er schnell zu einem Freund.

Wieder zurück in St.Gallen wollte Pauli diese Idee nun definitiv verwirklichen. Zuerst gestaltete sich aber die Suche nach einer geeigneten Liegenschaft als schwierig, bis er schlussendlich fündig wurde mit dem Haus an der Kirchgasse, gleich gegenüber der Kirche St.Mangen, wo gleichzeitig fünf Stockwerke zur Miete ausgeschrieben waren. «Es sind natürlich verschiedene Bausteine, die zusammenkommen, wenn man so etwas umsetzen möchte», sagt Pauli, «aber es passte alles erstaunlich gut ineinander.» Auch der Vorstand von WirkRaumKirche zeigte sich begeistert, und so nahm das Projekt weiter Fahrt auf. Anfang Jahr sind die ersten Bewohnerinnen in das Stattkloster eingezogen: die 22-jährige Rebekka Weber, die 24-jährige Elena Policante und eine weitere Frau mit ihrem Kleinkind.

Weber absolviert momentan das 4. Semester der Zweitwegmatura an der interstaatlichen Maturitätsschule für Erwachsene, Policante arbeitet als Jugendarbeiterin und Köchin. Sie kannten sich bis dahin nicht, aber beide sind aus ähnlichen Beweggründen in die Wohngemeinschaft gezogen: «Einerseits wollte ich nicht in einer Zweck-WG leben, andererseits ist dieses Element der Gemeinschaftlichkeit für mich eine durchaus alternative Lebensform. Was die Gesellschaft mir in meinem Umfeld vorlebt, frustriert mich manchmal schon ein bisschen. Da wohnst du beispielsweise in einem grossen Haus, kennst aber deine Nachbarn gar nicht», erzählt Weber. Ebenfalls reizvoll sei gewesen, von Beginn des Projektes mit dabei zu sein. «Es ist sehr offen und man hat die Möglichkeit, mitzugestalten», so Policante.

Wie der Alltag in der Wohngemeinschaft in Zukunft konkret aussehen wird, wissen sie beide nicht, ebenso wenig wie Kurt Pauli: «Ich finde es sehr mutig von den beiden jungen Frauen, hier mitzumachen.» Nun gelte es zu schauen und hören, was die verschiedenen Bedürfnisse sind und ob sich daraus etwas entwickelt.

Geflüchtete sind laut Pauli noch keine mit dabei. Das Stattkloster stehe aber mit verschiedenen Personen in Verbindung, welche direkt mit Asylsuchenden Kontakt hätten, damit bei Bedarf ein Kennenlernen möglich ist.

In einer Ecke des Hauses stehen Kisten mit Decken und Kissen, ein Zimmer des Erdgeschosses ist gefüllt mit Pflanzen und Dekomaterialien, vieles scheint noch provisorisch. Das alte Gebäude wurde frisch renoviert und bietet Wohnraum für sieben Personen auf zwei Stockwerken. Und neben der interkulturellen Wohngemeinschaft soll eine alte Werkstatt zu einem vielfältig nutzbaren Café und Begegnungsort umgebaut werden.

Raum für eigentlich alles

Magdalena Lampart, Leiterin des Projekts safranblau des WirkRaum Kirche, organisiert den Umbau. «Das Ganze soll neben dem Café aber nicht nur ein reiner Gastrobetrieb sein», sagt sie. Momentan sei alles noch sehr entwicklungsfähig und was genau geschehen werde, hänge auch davon ab, wer die Möglichkeit nutze und bespiele. Die Grundidee: «Das Café soll ein Raum sein, der temporär eingenommen werden kann, sei das nun für eine Ausstellung von Bildern, eine Gedichtlesung, eine Lichtinstallation», erklärt Lampart, «sodass ein bestimmtes Thema oder Kultur erfahr- und erfassbar gemacht werden kann.» Ziel ist es, dass Nutzerinnen und Nutzer selbständig das Café öffnen und betreiben, je nach Mittel und Ressourcen.

Das benötigte Geld für den Umbau wird momentan per Crowdfunding gesammelt, von 33’333 Franken ist bisher rund ein Drittel zugesagt. Die Werkstatt soll zwar so oder so umgebaut werden; trotzdem sei das Stattkloster sehr froh um jeden Franken, denn alles, was nicht über das Funding erreicht werde, müsse man bei anderen Projekten einsparen.

Angesichts der oft von Kulturschaffenden geäusserten Forderung nach erschwinglichen Räumlichkeiten bietet das zukünftige Café an der Kirchgasse einen solchen Ort von inklusiver Art mitten im Stadtzentrum – der Raum kann gemäss Lampart gratis zwischen einem und sechs Monaten genutzt werden. Bei allfälliger Profitorientierung durch Veranstaltende wäre eine Miete zu bezahlen.

Das Crowdfunding läuft noch 14 Tage. Das Café wird voraussichtlich im April 2019 eröffnet. Man darf gespannt sein, wie sich das interkulturelle Zusammenleben an der Kirchgasse entwickelt.

Weitere Informationen: stattkloster.ch

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