, 16. April 2020
1 Kommentar

& irgendwann wird das Umarmen fehlen

Claire Plassard und Florian Vetsch schreiben seit Jahren Gedichte im Ping-Pong-Verfahren. Das Spiel mit Dialogen auf Distanz, das wir im Moment alle üben, ist ihnen entsprechend vertraut – hier die jüngsten beiden Texte, corona-infiziert.

Zürich, Covid-19, Woche 1

Balkon & Smartphone sind Gold wert die Tage
Die Millennials von gegenüber spielen Dart
& an der Martastrasse übt eine smarte
Meerjungfrau
Den Befreiungsschlag aus ihrer Badewanne

Draussen aber fliessen Wasser & Seife
Vorwiegend über angegriffene Hände
Von Ärztinnen, Pflegern & Laboranten
Von Kassiererinnen, Bauarbeitern & Sanitätssoldaten
Von Angestellten des Sozial- & des Arbeitsamts

Nicht zuletzt: Von Bundesrätinnen, von Bundesräten

Draussen aber platzen
Sorgen & Intensivstationen
Womöglich bald aus ihren Nähten
– sagt der Live-Ticker
Denen drinnen

Viral bedingt gehen wir auf Distanz
Virtuell verbunden sind wir uns nah
& irgendwann wird das Umarmen fehlen

Claire Plassard, 21. März 2020

 

Was mir fehlt 

St.Gallen, Covid-19, Ende der Woche 4

Mir fehlt es schon jetzt
Das Umarmen
Mit dem Hauch eines Duftes
In der Nase
Mit dem Bisou
Auf die rechte, dann
Auf die linke Wange &
Wieder auf die rechte
Trois fois – echt schweizerisch
Das fehlt mir

& es fehlt mir
Meinen Freunden
Die Hand zu schütteln
Aug in Auge mit ihnen
Zu bechern, ihnen
Die Hand auf die Schulter
Zu legen, einen Knuff in die Seite
Zu rammen & dabei hell
Aufzulachen & – sie gleichfalls
Zu umarmen

& es fehlen mir
Meine Pappenheimer
Keine sokratischen Tänze
Keine Schule im Wald mehr
Keine Vorträge, Diskussionen
Mehr in meinem Schulzimmer
Nur auf flachen Bildschirmen
Sehe ich sie noch, wir lachen zwar
Fast wie gewohnt – doch es fehlt
Eine ganze Dimension

Florian Vetsch, 12. April 2020

 

Von Claire Plassard & Florian Vetsch erschienen 2014 Steinwürfe ins Lichtaug – Ein Gedichtzyklus und 2019 Ein dünner Faden hält alles zusammen – Ein Gedichtzyklus, beide im Verlag Moloko Print.

Claire Plassard (1990) lebt und arbeitet in Zürich. Studium der Philosophie, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft sowie der Gender Studies in Zürich und Berlin. Sie schreibt Lyrik, Essays, Rezensionen und Reportagen. Florian Vetsch (1960) lebt und arbeitet in St. Gallen. Studium der Philosophie, der Germanistik sowie der Literaturkritik in Zürich. Er veröffentlichte Poesie, Tagebücher, Essays, Anthologien sowie Übersetzungen von Paul Bowles, Ira Cohen, Jan Heller Levi, Mohammed Mrabet u.a.m.

Blackbox heisst die neue Rubrik auf saiten.ch. Ihre Einführung ist der Corona-Krise geschuldet. Der Kulturbetrieb steht seit Mitte März still, Konzerthäuser, Theater, Kinos, Museen, Clubs: geschlossen. Für das Publikum ist das schade, für viele Kulturschaffende weit mehr: eine existentielle Bedrohung. Die Saiten-Blackbox macht drum eine Bühne auf für Bilder, Texte, Filmbeiträge, Songs und anderes. Kein Streamen um jeden Preis, sondern Originale sollen hier zu sehen und zu hören sein, kurz kommentiert, erklärt oder einfach so. Und dies – soweit zumindest der Plan – über Corona hinaus.

1 Kommentar zu & irgendwann wird das Umarmen fehlen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Gutenbergstrasse 2
Postfach 2246
9001 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 25 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!