, 29. April 2016
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Ja zum Schlamm, ja zur Strasse: Über den Zirkus

Der Zirkus ist vorbei, der Zirkus ist Irrsinn, Geheimnis und Anarchie. Betrachtungen eines Gezeichneten, der kurz vor dem Weiterrollen steht.

Zirkus im Jahr 2016, das sind trashige Kostüme, Mitstampf-Musik, ganz viel Rössli-Show, eine verwirrend lange Reihe von Trapeztruppen, Schlangenmenschen, Jongleuren. Und natürlich ein Clown, der bevorzugt Leute aus dem Publikum in die Manege nötigt.

Der Circus Knie ist in der Stadt, und alle rennen hin. Irgendwie bin auch ich dort, getrieben von Erinnerungen. Ich umkreise den Eingang wie eine sterbende Fliege, lasse mich widerwillig von der Masse ins Zelt spülen. Nach zweidreiviertel Stunden kippe ich bei der Klatschorgie zum Schluss fast vom unbequemen Klappstuhl.

Nein, eigentlich mag ich den klassischen Zirkus nicht, diese Glitzerwelt, die zusammenhangslose Abfolge von Nummern, das gefrorene Grinsen der Künstler.

Warum zieht mich dieses Chaos aus Wohnwagen, improvisierten Ställen und Lichtern trotzdem an? Warum schaue ich mir die St.Galler Premiere des Circus Knie an einem Mittwochabend an, an dem auch Bayern gegen Atlético Madrid im TV läuft?

Vielleicht ist es der Hauch des schöpferischen Irrsinns, der über dem Zirkus schwebt, noch immer, auch im Jahr 2016. Und was, wenn nicht einen guten Rupf davon, braucht diese in tausendjährigen Kriegen festgefahrene Welt dringender?

Wie der Karren aus dem Dreck kommt

Zirkusleute sind Aussenseiter. Natürlich nicht die Familie Knie, gern gesehener Gast auf den Seiten der «Schweizer Illustrierten». Ich meine Marokkaner, Polen, Rumänen, ukrainische Musikanten, einfach alle, die sich den Arsch aufreissen, damit dieser monströse Treck am Rollen bleibt. Zeltmitarbeiter beim Zirkus ist einer der härtesten Jobs, den man in der Schweiz machen kann – und dazu noch ein sehr schlecht bezahlter.

Zirkusleute sind Anarchisten. Sie sind fahrende Berufsleute, die in einer Parallelwelt zu jener der Sesshaften leben. Das macht sie zur verschworenen Minderheit, die sich schon immer irgendwie durchs Leben schlagen musste. Als ich 2014 für eine Saison im Circus Nock (dem ältesten und zweitgrössten der Schweiz) in dessen mobilen Büro arbeitete, dachte ich in den ersten Monaten immer wieder: Das wird nie funktionieren, hört auf damit, Leute!

Nein, der Feuerwehrkommandant wird uns keinen Schlauch schenken, nur weil wir schalkhaft fragen und mit ein paar Freikarten wedeln.

Nein, die Polizisten werden nicht darüber hinwegsehen, dass unsere acht Lastwagen an einem Ort parkiert sind, an dem sie nicht stehen dürften. Und hoffentlich kontrollieren sie bei der Gelegenheit nicht gleich noch das Reifenprofil, von all den Kilometern abgefressen, zu viel, zu jung!

Nein, wild aufgehängte Werbeblachen an Strassenkreuzungen bleiben nicht hängen.

Und nein, dieser Karren kommt aus dem Dreck nie mehr raus.

Irgendwie bleibt die Sache aber am Rollen, wie sie das bei Nock und Knie und vielen anderen schon seit weit über 100 Jahren tut. Ich frage mich schon lange nicht mehr, wie genau. Stattdessen verstand ich: Als Sesshafter, der nicht auf Rädern aufgewachsen ist, kannst du das Leben der Fahrenden – in diesem Fall Zirkusleute – nur bis zu einem gewissen Punkt verstehen.

Das Gleiche erzählte mir einst auch ein Freund, der ein halbes Jahr in China gearbeitet hatte: Die Chinesen sind derart anders als wir, die kann man gar nie vollständig begreifen.

Tierquälerei und Ausbeutung

Vielleicht ist es auch das, was uns zum Zirkus (oder nach China) zieht: das Geheimnisvolle. Und natürlich der Reiz, den alle Aussenseiter, Anarchisten, Freaks und Kaputten auf uns brave Bürger mit unseren wohlgeordneten Leben ausüben. Warum nicht einfach alles wegschmeissen und anders leben?

Das macht dann aber doch keiner. Stattdessen nehmen wir Drogen, laufen einen Marathon – oder gehen eben in den Zirkus, glotzen zwei Stunden ins Chapiteau (wie das Zelt im Zirkusjargon heisst).

Das Kaputte ist beim Zirkus nicht so sehr gegen aussen, aber im Innern oft spür- und sichtbar. Zirkusse sind nicht mehr die Sensation, die sie vor dem Zeitalter der immer verfügbaren Medien, der billigen Langstreckenflüge und der tausend Musik-, Kulinarik- und Stadtfestivals waren. Der Schweizer Markt, auf dem vielleicht noch 10 bis 15 traditionelle Zirkusse miteinander konkurrenzieren, ist eng. Und wenn weniger reinkommt, dann muss gespart werden. Das Neue wird alt, irgendwann schäbig.

Der Zirkus steht zudem gerade von links-alternativer Seite immer wieder in der Kritik. Zirkustiere werden von ihnen als «Sklaven der Manege» bezeichnet.

Tatsächlich wirken Rösslinummern, bei denen die Tiere mit viel Peitschengeknalle und -gefuchtel zum vermenschlichten Hinlegen gezwungen werden, nicht gerade spielerisch, so auch gesehen im aktuellen Knie-Programm. Doch viele traditionelle Zirkusse sehen in Tiernummern einen unverzichtbaren Teil ihres Geschäfts und reagieren scharf auf Angriffe: Als in Basel die «Schweizer Liga gegen Vivisektion und für die Rechte des Tieres» täglich vor dem Circus Nock protestierte, platzte dem Direktor regelmässig der Kragen. Ich hatte damals, nach gut sieben Monaten der Monstertournée, bereits verstanden: Der traditionelle Zirkus sperrt sich gegen Veränderungen – wie so viele Betriebe mit grosser Tradition. Auch Knies aktuelles Programm ist derart retro, dass es sogar für Hipster wieder cool ist.

Zirkusleute sind also Starrköpfe, die an dem festhalten, was sie kennen und können. Das ist verständlich, aber ob sie das noch weit in die Zukunft rollen lässt, wird man sehen.

Eine Konstante jedenfalls, die mir im Zirkus immer am besten gefallen hat, war das Wegfahren, das Weitergehen, der Aufbruch zu einem unbekannten Ort.

Und genau das tue ich jetzt.

 

Der Circus Knie gastiert vom 25. April bis 3. Mai auf dem Spelteriniplatz St.Gallen.

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