Kürzlich schickte Elio Ricca ein uraltes Video durch die Socials. Es zeigt ihn als Bub in der elterlichen Wohnung im St.Galler Heiligkreuzquartier. Auf den schwarzen Tasten eines Casio-Kinderkeyboards gibt er einen Rock’n’Roll-Standard zum Besten und legt damit den Grundstein für sein musikalisches Schaffen.
Es ist also kein Zufall, dass Luna Park, das dritte Album von Elio Ricca, das am 7. Oktober erscheint, voll solcher Retro-Synthklänge ist. Es ist sicherlich eine Rückkehr zu den Wurzeln. In seiner Kindheit hörte er die Kassettli seiner Eltern: Beatles, Queen und Lucio Battisti. Luna Park ist aber auch ein Ausbruch aus den engen instrumentellen Grenzen, die ein Alternativ-Rockduo ereilen können, selbst wenn man bisher mit Schlagzeug und herunteroktavierten Gitarren gut zu Rande kam, wie die beiden Vorgänger Another Way To Get High (2016) und Lovely Underground (2019) belegen.
«Meine Gitarre hat mich irgendwann nur noch gelangweilt», sagt Elio Ricca, Mastermind des gleichnamigen Duos Elio Ricca. Es ist Pandemie, konzerttechnisch läuft nichts und er ist auf der Suche nach Inspiration. Auf ricardo.ch kauft er sich günstige Synthesizer zusammen, darunter wieder den Casio Rapman aus seiner Kindheit und die Neuauflage des legendären Roland Juno aus den 80ern.
Gegenüber dem Vorgängeralbum, an dem man über zwei Jahre lang herumgetüftelt und immer wieder alles verworfen hat, ging bei Luna Park alles relativ schnell. «Pro Song brauchte ich eine Nacht», sagt Elio. Natürlich habe man dann stellenweise noch etwas rumgetüftelt, Effekte eingebaut, versucht, die eine oder andere Gitarre nochmals sauber einzuspielen. Oft klang der erste Demo-Take aber einfach besser.
Herausgekommen ist ein energetisches Werk mit Sex-Appeal, das rumpelt und wummert und wabert wie ein nächtlicher, in Bühnennebel gehüllter Jahrmarkt. Elio hat sich nicht gescheut, viele Dur-Akkorde einzustreuen, ohne dem rifflastigen Alternativrock der 90er gänzlich abzuschwören. Stranger-Things-Retro-Ästhetik trifft auf Garage-Rock.
Dass die Synthese gelingt, beweist schon der explosive Opener Fomo, der gemächlich mit Bassdrum und gezupfter Bassline eingroovt, bis der Pre-Chorus mit einem Break in den knalligen Chorus einlenkt. Dieser klingt später in Mind Over Matter nochmals kurz an. Die Songs sind allesamt ausgefeilt. Am interessantesten klingt der siebeneinhalbminütige Schlusstrack Luna Park, in dem sich die verschiedensten Teile soundtrackartig verweben.
Höhepunkt der Scheibe – und daher logische erste Singleauskopplung – ist Rainbow. Er beginnt mit einem verträumten Synth-Intro, das plötzlich vom düsteren Gitarrenriff durchbrochen wird, der dem Stück in seiner Einfachheit diese Kraft verleiht. Im Refrain wird auf den Beat weitgehend verzichtet. Die Strophe reicht völlig aus, diesen Song wie den dampfenden Space-Train aus dem zugehörigen Videoclip durchs All zu treiben.
Elio, gelernter Multimedia-Elektroniker und brotberuflich Lichttechniker, ist ein Bastler, der sich ganze Nächte um die Ohren schlagen kann, um seine Projekte voranzutreiben. Die Storyboards zu den Clips entwickelt er selber, und wenn es irgendwie geht, setzt er sie auch selber um. «Bei der Animation des Space-Trains bin ich wohl dem Grössenwahn verfallen und musste mir Hilfe holen», lacht der 29-Jährige.
Man könnte meinen, Elio Ricca sei ein Soloprojekt. Und in weiten Teilen stimmt das auch. Diesen Sommer hat er sein Multitasking-Talent an einigen Soloauftritten unter Beweis gestellt, zum Beispiel in der Grabenhalle oder in der Schüür in Luzern, wo jeweils auch das Haus aus dem Rainbow-Video (Luisa Zürcher) auf der Bühne mittanzte.
Aber da ist natürlich auch noch der umtriebige Drummer Philip Meienhofer, der sich in diversen anderen Musikprojekten engagiert, darunter Karluk, Drill und früher – bis zum tragischen Unfalltod von Frontman Valentin Baumgartner – auch In Love Your Mother. Elio hat zwar selber angefangen, Schlagzeug zu spielen, aber die meisten Parts auf Luna Park hat dann doch Philip eingespielt.
Elio Ricca: Luna Park, erscheint am 7. Oktober bei Mouthwatering Records digital sowie auf LP und Kassette.
Plattentaufe: 28. Oktober, Palace St.Gallen
elioricca.com
Ursprünglich hätte die Band nur vorübergehend Elio Ricca heissen sollen. Doch der Name blieb, weil er gut klingt und weil ihnen nichts Besseres einfiel. Früher hat sich Elio manchmal dafür geschämt, dass die Band seinen Namen trägt und die Leute denken könnten, er sei ein selbstverliebter Egozentriker. Darum hat er sich nach den Konzerten manchen als «David» oder «Philip» vorgestellt. Heute schmunzelt er, wenn ihn wieder einmal jemand mit diesen Namen anspricht.
Vorbei sind die Zweifel von damals, die ständige Unzufriedenheit mit den eigenen Ideen. Luna Park strahlt dieses Selbstbewusstsein aus. Der neue Sound von Elio Ricca hat trotz neuem Mischer und professionellerer Aufnahme-Software nichts von seinem Garagen-Flair eingebüsst – aber definitiv an Qualität gewonnen. Hörspass garantiert, Videoguckspass sowieso!
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty