, 5. Januar 2018
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Jakob oder 10 Gründe für das Theater

Am 4. März kommt der 48-Millionenkredit für die Renovation des Theaters St.Gallen zur Abstimmung. Saiten engagiert sich für ein Ja und lanciert ja-kob.ch. Ein paar Argumente.

Visualisierung der Theaterfassade nach der Renovation. (Bild: Hochbauamt)

Es sei eine Bau- und keine Kulturvorlage, hatte Regierungsrat Marc Mächler am 20. März vor den Medien und danach auch bei den Beratungen im Kantonsrat betont. Technische Mängel und prekäre Arbeitsbedingungen herrschten im markanten Betonbau. Und zwar vor allem hinter den Kulissen: In den Werkstätten werde zum Teil unter arbeitsrechtlich nicht mehr legalen und unzumutbar engen Platz- und Lichtverhältnissen produziert. Die Heizung sei marode, die Isolation mangelhaft, die Technik veraltet.

Bauchef Mächler sagte damals im März deshalb: Er rechne allenfalls mit Widerstand gegen die Kosten des Provisoriums, sei aber zuversichtlich, dass die Notwendigkeit der Renovation unbestritten bleibe. Details zur damaligen Medienorientierung hier.

Inzwischen ist klar: Die Vorlage kommt vors Volk. Bestritten wurde im Parlament von rechter Seite das Vorhaben als Ganzes – mit dem Argument, ein Neubau wäre sinnvoller als die geplante Renovation des 50-jährigen Theatergebäudes. Dass ein solcher bis zu 150 Millionen statt knapp 50 kosten würde, blieb unwidersprochen.

Zudem wird das Projekt kulturpolitisch angefeindet, so in einem Interview im «Tagblatt», wo Nationalrat Toni Brunner kritisierte, jetzt müssten «die Sarganserländer, die Rapperswiler und die Toggenburger plötzlich dieses marode Haus bezahlen».

Wenn der Kredit abgelehnt wird, bekommt genau diese Haltung des Kulturabbaus und der Entsolidarisierung im Kanton Aufwind. Deshalb Jakob: «Ja zur Kultur in der Ostschweiz, bitte!» nennt sich die Unterstützungsaktion, die Saiten initiiert. Sie könnte übrigens im Untertitel auch heissen: Ja zum Baugewerbe.

Ab der kommenden Woche wird dazu auf ja-kob.ch mehr zu lesen sein. Bis dahin: Jakobs zehn Gründe für ein Ja zum Kredit für den Theaterumbau und für die Kultur.

  • Ja zu zumutbaren Arbeitsbedingungen: Die Werkstätten im Untergeschoss haben kein Tageslicht. Es fehlen geschlechtergetrennte Garderoben und sanitäre Anlagen. Die Maskenbildnerinnen können sich an ihrem Platz kaum drehen, die Waschküche würde kaum für einen Zweipersonenhaushalt reichen.
  • Ja zu zeitgemässer Technik: Die Betonfassade hat Risse. Die Bodenheizung ist funktionsuntüchtig, der Energieverlust bei den Eingangstüren beträchtlich, die Telefonanlage über 20 Jahre alt. «Trotz der Unterhaltsarbeiten ist der bauliche Zustand des Gebäudes schlecht», heisst es in der Vorlage.
  • Ja zu ein bisschen mehr Bühnentechnik: Die Renovation verzichtet auf wünschbare Verbesserung wie etwa eine (heute andernorts standardmässige) Drehbühne. Hingegen soll die Bühnenmaschinerie von Handbetrieb auf Elektrowindenzüge umgestellt werden.
  • Ja zu Komfort fürs Publikum: Die 1993 erneuerten Sitze sind «durchgesessen», der Bezug in einem Violett, das niemanden mehr glücklich macht. Verbessert wird zudem die Akustik.
  • Ja zum Betonbau: Das Gebäude von Claude Paillard gilt als meisterhafter Zeuge der Betonarchitektur der 60er-Jahre – wie in St.Gallen höchstens noch die Achslenhochhäuser von Heinrich Graf. Ein Abriss wäre ein Skandal, zudem bei einem Schutzobjekt von nationaler Bedeutung kaum möglich.
  • Ja zum Geld: Von den 48,6 Millionen Franken gelten nach Ansicht der Regierung nur 9,5 Millionen als wertvermehrend. Die Gegner stellten diese Rechnung in Frage und setzten bei der Schlussabstimmung im Juni eine Volksabstimmung durch. Mit dem Betrag bleibe St.Gallen, im Gegensatz zu anderen Schweizer Städten, «auf dem Theaterboden und macht kein Affentheater um sein Theater», stand im «Tagblatt».
  • Ja zur kantonalen Solidarität: 2009 hat die Bevölkerung der Übernahme des Theatergebäudes durch den Kanton zugestimmt. Das Theater, auch wenn es im Volksmund noch immer «Stadttheater» heisst, zieht Publikum aus der ganzen Ostschweiz und dem angrenzenden Ausland an. Land gegen Stadt – oder das angebliche «Volk» gegen eine angebliche «Elite» – auszuspielen, hat mit der Besucherrealität nichts zu tun. Auslastung (rund 75 Prozent) und Eigenwirtschaftlichkeit (über 30 Prozent) sind schweizweit einmalig, in erster Linie dank der volkstümlichen Musicaltradition.
  • Ja zur Kulturwirtschaft: Auch wenn Städte wie Winterthur oder Kantone wie Luzern noch drastischeren Kulturabbau betreiben: In Stadt und Kanton St.Gallen wird gern an der Kultur gespart. Das Kantonsparlament hat die Kulturausgaben plafoniert und Beträge (etwa an die Denkmalpflege) gestrichen. Was dabei vergessen geht: Kulturgelder sind Löhne – im Fall des Theaters für rund 560 Fest- oder Teilangestellte.
  • Ja, aber… zum Provisorium: Um den Spielbetrieb (und damit die Löhne) zu sichern, ist ein Provisorium mit 500 Plätzen am Rand des Stadtparks geplant. Der Standort ist umstritten, und kritische Stimmen fordern zwei «mobile» Spielzeiten während des Umbaus. Eine lohnende Diskussion.
  • Ja, aber… zur Lokremise: Ein Ja zur Theaterrenovation bedeutet keinen vorbehaltlosen Applaus für den Theaterbetrieb als Ganzes. Die freie Theater- und Tanzszene kommt in St.Gallen zu kurz, was Spielräume betrifft. Gefordert wird insbesondere mehr Platz in den beiden Theatersälen der Lokremise. Eine lohnende, eine notwendige Diskussion.

 

Jakob freut sich auf die Diskussionen. Und auf ein Ja zum Theater. Damit es unter zeitgemässen Bedingungen weiterspielen kann. Und die Kultur nicht zusammenpacken muss.

Szene aus «Vrenelisgärtli», Regie Jonas Knecht, 2016/17 am Theater St.Gallen.

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