Live? Stream? Oder beides? Und wer zahlt? Diese Fragen treiben seit Corona die Musikszene um. Einer, der unermüdlich Antworten sucht, ist der in Trogen lebende Jazzpianist Claude Diallo. Er hat bereits im Vorjahr im Kreuzlinger Kult-X Konzerte gestreamt und jetzt eine nächste Reihe gestartet, mit professioneller Technik, inspirierten Programmen, einem Trägerverein und mit klarer Recherche-Absicht: Was funktioniert, und wie finden hybride Formate ihr Publikum?
«Jazzdreams», wie die Reihe und der Verein heissen, ist Ende April im kleinen Saal der St.Galler Tonhalle gestartet. Stargast war die Violinistin und Sängerin Yilian Cañizares. Die positive Erfahrung für Diallo: Das Publikum kam und war begeistert, 70 zahlende Gäste in der Tonhalle und fast 600 Views, «damit war ich sehr zufrieden». Im Konzert sprühten die Funken; rundherum allerdings sei er als Veranstalter mit ständig neuen Ansprüchen konfrontiert gewesen, und auf Cañizares’ Wunsch musste der Stream nach drei Tagen wieder vom Netz.
Diallo selbstkritisch und bescheiden: Er habe wohl «einen zu berühmten Gast» engagiert, dessen Ansprüchen «wir als Veranstalter nicht wirklich gewachsen waren».
Arrivierte und Newcomer
Andrerseits: Mit Rückschlägen müsse rechnen, wer ein neues Feld beackere. Und die technischen Kinderkrankheiten seien behoben; den nächsten Konzerten sieht Diallo entsprechend frohgemut entgegen.
Diesen Samstag, 21. Mai, gastiert Saxofonist Patrick Bianco samt Trio (und Diallo für einmal an der Hammondorgel) in der Stuhlfabrik Herisau, am 9. Juni folgt am selben Ort die Saxofonistin Nicole Johänntgen mit Band. Den Schluss der Reihe macht im September im Kult-X ein Piano-Gipfel mit Rose Ann Dimalanta und Claude Diallo sowie Drummer James Williams.
Im ersten Teil, der jeweils jungen Talenten eine Bühne gibt, brillierte im April die Thurgauer Posaunistin Sophie Bright:
Im Mai ist als «Opener» der junge Gitarrist Samuel Leipold zu Gast, beim Junikonzert tritt vor heimischem Publikum Sängerin Lea von Mentlen auf, im September kommt die Sängerin Luciana Morelli aufs Podium.
Nachwuchsförderung ist ein Kern der als Transformationsprojekt und von Stiftungen geförderten Konzertreihe.
Jazzdreams: 21. Mai, 20 Uhr, Stuhlfabrik Herisau 9. Juni, 20 Uhr, Stuhlfabrik Herisau 24. September, 20 Uhr, Kult-X Kreuzlingen
claudediallo.com/jazzdreams
Und das Geld? Per Twint, PayPal oder E-Banking kann man für die Streams – freiwillig – bezahlen. Noch sei in der Schweiz Zurückhaltung und mangelnde Gewöhnung spürbar, im Gegensatz zu den USA oder zu asiatischen Ländern, stellt Diallo fest.
Bereits beim Trailer für die Konzertreihe klaffte der Kulturgraben auf: Das Kurzvideo wurde rund 80’000 mal geklickt, allein in Japan rund 18’000mal; in der Schweiz gab es kaum ein paar Dutzend Views. Dafür bekomme er als Anerkennung für sein Projekt von Bekannten auch schon mal eine Note zugesteckt. Die Schweiz tickt (noch) analog…
Diallos vorläufiges Fazit: «Digitale Kultur bedeutet nicht weniger, sondern mehr Aufwand. Aber ich bin glücklich, dass ich das Projekt machen kann.»
Hier der Stream des zweiten Konzerts vom 21. Mai in Herisau:
Der hier aktualisierte Beitrag erscheint auch im Juniheft von Saiten.
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