, 23. Oktober 2015
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Jazz ist: «Wenn die perfekte Melodie sich im Kitsch verfängt.»

Der zweite Teil unserer wild zusammengewürfelten und komplett unrepräsentativen Umfrage aus dem Oktoberheft zum Thema «Jazz ist…» – samt Hörempfehlungen.

Kyle Shepherd in der Mirgros Klubschule (2012). Bild: Peter Hummel, Gambrinus Jazz Plus

Jazz ist…

…mein Leben! Mit 13 Jahren habe ich zum ersten Mal Jazz gehört, gespielt vom kanadischen Pianisten Oscar Peterson. Danach wollte ich nichts mehr anderes hören und hatte mich fest entschlossen, Jazzpianist zu werden und die Welt mit meiner Musik zu erobern. Es war ein langer Weg, aber ich lebe meinen Traum. Jazz ist für mich mehr als Musik. Es ist eine Lebensweise, ein Mikrokosmos eines musikalischen Höhepunkts, der in einem kreativen Aspekt in keiner Weise übertroffen werden kann und vom Moment lebt. Jazz ist für mich eine Sprache, ein Portal zum Rest der Welt, und er verbindet Menschen verschiedener Kulturen auf Lebzeiten! I love it!

Claude Diallo, 1981, Pianist, Trogen und New York

 

Jazz ist…

…der trippelnde Tanz Monks, die elegante Langsamkeit des Whirling Derwish, der Blues im Mittelfingerknöchel. Jazz verschwand mit den Kakaofarben der Cakewalk-Clowns, und Jazz meidet Presley. Jazz – an den Küsten der Süffisanz galoppierte er dahin, als jeder Standards zu Bach machte. Jazz ist Baby Has Gone, larmoyant, narzisstisch – plus Cobhams Stratus. Wenn die perfekte Melodie sich im Kitsch verfängt; die Wonne im Magen beim goldenen Brass-Voicing Maria Schneiders. Jazz war Miles, wenn er uns den Hintern zustreckte und wie leer die übermässige Sekunde blies. Jazz ist Vijay Lyer im asketischen Rausch, wenn er mit Flügeln harmonischen Kalküls über die weissen Tasten fliegt.

Charles Uzor, 1961, Musikdozent und Komponist aus St.Gallen. Er empfiehlt Vijay Lyers Album Solo.

 

 

Jazz ist…

……eine der freisten Formen von Musik. Jazz verband schon sehr früh heisse Rhythmen und süsse Melodien zu einem einzigartigen Hörerlebnis, und trotzdem ist diese Musikrichtung immer offen geblieben für neue Einflüsse und hat alle Entwicklungen der Musikwelt überlebt!

E.S.I.K., 1975, Rapper, DJ und Produzent in St.Gallen

 

Jazz ist…

…MMM. Nein, nicht das Logo des grossen Schweizer Detailhändlers. Jazz ist Miles (Davis), Maynard (Ferguson) und Marsalis (Wynton). Drei Charaktere, die den Jazz, oder was man darunter verstehen kann, geprägt haben und immer noch prägen. Miles Davis mit seinem unverwechselbaren Stil, Maynard Ferguson als der «High Note»-Trompeter seiner Zeit und Wynton Marsalis als traditioneller Vertreter des virtuosen Trompeters der neueren Generation. Jazz ist keineswegs nur auf dieses Instrument beschränkt, dessen bin ich mir natürlich auch vollumfänglich bewusst. Allfällige Beschwerden oder Anregungen werden deshalb gerne entgegengenommen.

Daniel Riedener, 1986, ist offensichtlich Trompeter. Er wohnt in Untereggen SG und empfiehlt Miles Davis‘ Concierto De Aranjuez (Adagio), Birdland von Maynard Ferguson und Wynton Marsalis‘ Tribute to Louis Armstrong.

 

 

Jazz ist…

…Jazz ist mit dem Überbegriff «Gemüse» zu vergleichen, der für  sehr Verschiedenes steht. Jazz ist der Inbegriff für Improvisation. Und die findet im Blues, Gospel, Bebop, Soul, Rock’n Roll, Rock, Pop und wie die Stile alle heissen mögen, statt. Auch improvisierte klassische Musik ist in dem Sinne Jazz. Dann gibt es die strenggläubigen, richtigen Jazzer, die nur Jazz spielen, also nur den sogenannten richtigen Jazz. Für viele von dieser besonderen Auswahl Leute ist alles andere oft gar keine Musik. Nur der richtige Jazz. Dafür wurde auch die Jazzpolizei geschaffen, die allerdings beim richtigen Freejazz wieder überflüssig wird. Deshalb die Angst vor dem Wort Jazz. Hauptsache: Jazz isch läss.

Urs C. Eigenmann, 1947, aus St.Gallen, ist Pianist und Organisator verschiedener Jazz-Festivals.

 

Jazz ist…

…Haltung. Improvisation. Freiheit. Energie.
Haltung: Ich habe etwas zu sagen, eine Einstellung zu einem oder mehreren Themen. Improvisation: Ich orientiere mich immer wieder neu; keine Situation ist wie die andere. Freiheit: Mir stehen alle Wege offen, wenn ich sie denn begehen möchte. Energie: Groove & Melodie ergeben diese einzigartig-emotionale Aura, die berührt und mitnimmt.
Vier verschlungene Bäume, jeder auf seine Art und Weise gewachsen, die zusammen ein grosses Weltendach bilden. Verwurzelt in der Tradition und doch gen neue Höhen orientiert. Das Ziel? Musik.

Stoph Ruckli, 1990, ist Bassist und Texter in Luzern. Er empfiehlt Charles Mingus‘ Album Ah Uhm, Black Narcissus von Joe Henderson, Keith Jarrett’s Köln Concert und X von Schnellertollermeier.

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