Früher ist Söan ein Tomboy gewesen, wurde gehänselt. Die Leute haben ständig gefragt: «Was bist du, ein Mädchen oder ein Junge?» Dann hat Söan es mit dem Gegenteil probiert, Mädchensachen und Handtaschen getragen – «aber das war nicht ich», sagt Söan. Mittlerweile ist er auch auf dem Papier ein Mann, behördlich anerkannt. Der Weg dahin war lang und anstrengend, auch für sein Umfeld.
Söan ist einer von drei jungen trans Menschen, die Robin Harsch in seinem Dokfilm Sous la Peau portraitiert. Zwei Jahre lang hat der Genfer Filmemacher Söan, Logan und Effie Alexandra immer wieder getroffen und sie während ihrer Transition begleitet. Entstanden ist ein packender, aber dennoch unaufgeregter Film, der ohne Opferperspektive und übermässigen Fokus auf geschlechtsangleichende Operationen auskommt, wie ihn andere Filme zum Thema oft haben.
Im Gegenteil. Harsch hat stolze und reflektierte junge Menschen getroffen, die viel zu sagen haben und unaufgeklärten Menschen möglichst keine Macht über sich geben wollen, auch wenn Hänseleien und Diskriminierung in ihrem Leben eine Rolle spielen, ebenso wie psychische Probleme.
Der Film macht auch klar: Operationen sind allenfalls ein Teil der Transition. Zum Prozess gehören auch die Auseinandersetzung mit sich und dem Umfeld, der Kampf mit den Krankenkassen, der Marathon durch die Behörden – und noch vieles mehr.
Ankerpunkt: das «Le Refuge»
«Was, wenn mein Kind, von dem ich dachte, dass es ein Junge ist, mir eines Tages anvertraut, dass es in Wahrheit ein Mädchen ist und sein Geschlecht anpassen will?», fragt Harsch zu Beginn des Films. Er will besser verstehen. Eine Freundin erzählt ihm vom «Le Refuge» in Genf, einem Zentrum für junge LGBTIQ+-Personen, wo er unter anderem auf Söan, Logan und Effie Alexandre trifft.
Effie Alexandre ist von Panama in die Schweiz gekommen. Dort gälten zwar auch die Menschenrechte, aber leider seien nicht alle Menschen gleich viel wert. «Man spricht heute von LGBTI, aber es gibt noch viel mehr Buchstaben!», sagt sie einmal. «Unser Alphabet reicht nicht aus, um die Vielfalt der Menschheit zu beschreiben.»
Im Verlauf des Films kann man ihr Minute um Minute zusehen, wie sie aufblüht, sich selber wird und irgendwann sagt: «Je suis amoureuse de moi.»
Effie Alexandra fühlt sich manchmal wie ein magisches Wesen, eben wie ein Einhorn.
Logan ist wie auch Söan ein junger Mann. Anfangs hat er Angst, dass die anderen in seiner Klasse ihn nicht akzeptieren, doch die Beraterinnen vom «Le Refuge» stehen ihm zur Seite und unterstützen ihn auch beim Vorgespräch mit den Lehrpersonen.
Eindrücklich, wie Logan ihnen ihnen Identität und auch den Weg dorthin erklärt. Und schön auch zu hören, wie einer seiner Lehrer feststellt, dass es Logan, der lange mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, seit seinem Outing zunehmend besser geht.
Weitere Vorstellungen: 9., 17., 19. und 31. Oktober.
Nach der Vorstellung vom 9. Oktober unterhält sich Regisseur Robin Harsch mit Carmen Jeanguenat, Mitorganisatorin «Pride Month @ HSG»
kinok.ch
«Unser Kind, unser Tresor»
Einer der beklemmendsten Momente im Film ist der Besuch in einer Refuge-WG. Die Bewohnerinnen und Bewohner dürfen nicht gefilmt werden, weil sie im wahrsten Sinn Geflüchtete sind: Sie mussten sich in Sicherheit bringen vor ihren Familien, ihrem Umfeld und manchmal auch vor sich selber. Denn, wie Effie Alexandra einmal richtig bemerkt, die Gesellschaft ist noch nicht wirklich bereit für trans Menschen. Das mussten auch die jungen Menschen in dieser WG schmerzlich erfahren.
Umso schöner ist es dafür zu sehen, wie sich die Eltern von Söan und Logan mit ihren Kindern auseinandersetzen, vor allem die Mütter. «Es ist unser Kind, unser Tresor», sagt Söans Mutter einmal. «Da gibt es kein er oder sie.»
Auch Logans Mutter hat ihren Weg gemacht, obwohl sie am Anfang gelitten hat, wie sie sagt. Das Gefühl hatte, dass dieser «neue» Junge ihre Tochter, die sie seit 18 Jahren kennt, «töten» wird. «Dabei ist es genau umgekehrt», erklärt sie. «Wir haben dabei einen glücklichen jungen Mann gewonnen. Ich würde um nichts in der Welt zurückgehen.»
Das hilft vielleicht bei der Beantwortung von Robin Harschs Ausgangsfrage, wie er damit umgehen würde, wenn sein Kind ihm sagen würde, dass sein Körper nicht mit dem übereinstimmt, wie es sich fühlt.
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