Ich vierjährig, knie im Sandkasten – kauere nicht wie die anderen Kinder – (du siehst aus wie ein Wiener Schnitzel, sagt meine Mutter).
Ich sechsjährig, eine totale Niete im Seilhüpfen (das ist sowieso nur für Mädchen, sagt mein Vater).
Ich zehnjährig, der langsamste Läufer der Schule (einer muss eben der langsamste Läufer sein, sage ich).
ICH WAR 14, als ich die Diagnose Spinale Muskelatrophie erhielt. Davon gibt es drei Typen: SMA I, die häufigste, die grausamste, das «Baby-SMA», sie beendet dein Leben in der Kindheit; SMA II, die zweitübelste, sie bedeutet, dass du nie gehen kannst, dein Leben in einem Rollstuhl verbringst, wahrscheinlich mit einer Atemhilfe; SMA III, diejenige, die ich habe, sagte ich zu Jan in meinem fehlerhaften Englisch, als wir uns das erste Mal trafen, was sie als besonders liebenswert empfand, diese sei «the happiest one».
SMA ist nicht leicht zu verstehen. SMA verlangsamt dich. SMA hört nie auf, dich zu verlangsamen. SMA hebt Muskelfunktionen auf. SMA schmerzt nicht; ihre Nebenwirkungen schon. SMA ist die genetische Geschichte vom Verlust deiner Muskeln.
Jan schrieb über Verlust in einem Gedicht (bevor wir uns kannten): Ich aber sage, sie besingen das Leben, wie wir immer irgend etwas verlieren, wie schön das ist. Ist es. Oh, ist es.
Mein erster Arzt versuchte, mir SMA zu erklären. Er sagte, sie «verschwende Muskeln» und würde mich im Alter von 25 in den Rollstuhl bringen. Er lag zur Hälfte richtig: Ich erwarb meinen ersten Rollstuhl mit 25, aber ich konnte noch immer einen Kilometer oder so zu Fuss zurücklegen, was mich zu einem Teilzeitrollstuhlfahrer machte. Den Rollstuhl verstaute ich im Kofferraum meines Wagens. So war ich für längere Exkursionen ausgerüstet. Oder wenn ich einen üblen Muskeltag hatte. Manchmal ging ich in ein Restaurant, manchmal rollte ich hinein. Die Bedienung, die mich als gehenden Gast kannte, erkannte mich nicht als rollenden; und umgekehrt. Für einige Jahre hatte ich zwei Ich: Gehendes Ich. Rollendes Ich. Oh, das Glück von SMA Typus III. Der Arzt lag 10 Jahre oder so daneben, bekam aber natürlich schlussendlich recht.
SUPERHELDEN! Wie ich es liebe, über sie zu lesen. Sie sind allesamt ein Ausbund an Behinderungen. Mit supercoolen Prothesen. Superkrüppel – Wir retten die Welt!
ES SCHEINT, DASS BLINDHEIT das attraktivste Supergebrechen ist: Dr. Mid-Nite, Daredevil, Stick, Madame Web, Blindfold, Hawkeye. Amputierte sind in: Misty, Cyborg, Bucky Barnes. Iron Man hat ein Herzleiden, Thor ein Hinkebein. Taubheit kommt selten vor: Echo. Noch seltener ist Morbus Ménière, der ein starkes Schwindelgefühl hervorruft: Count Vertigo, der auch halb taub ist. Es gibt mehrere paraplegische Superhelden: Chief, Oracle, Captain Marvel Jr. Einige, wie Professor X, sind Teilzeitparaplegiker, was für mich ein Beschiss ist. Du kannst eine Behinderung nicht ein- und ausschalten. Sie ist die Quelle deiner Superkraft. Mit ihr zu leben, immer, in einer Welt, die nicht dafür geschaffen ist. Ich bin SMA-Man, alles klar? Meine Superkraft sind meine Muskeln: Je schwächer sie werden, desto stärker werde ich.
Was ist die tödliche Schwachstelle eines Superhelden? Die eigene Behinderung nicht kennen.
Wäre mein Körper
Mein ganzes Leben habe ich mich bemüht zu erklären, was genau es ist, das ich habe. Eine Muskelschwund- Erkrankung, wie mein erster Arzt gesagt hatte? Es hat sich für mich immer falsch angehört.
Eine fortschreitende neuromuskuläre Erkrankung? So nennt es die Wissenschaft. SMN2 heisst das defekte Gen; was es tut, verschwendet die Muskeln. Meine. Aber ich habe sie doch.
Seit ich mich Schriftsteller nenne, frage ich mich: Habe ich eine Kommunikationsstörung? Meine Muskeln hören immer weniger von dem, was mein Gehirn ihnen zuruft, weshalb sie verschwendet werden, fortschreitend.
Ist es das? Wäre mein Körper ein Haus, dann wäre mein Gehirn die Schaltzentrale, direkt unter dem Stromzähler. Meine Nerven wären die rostigen Drähte,
die weiter rosten. Und obwohl ich meine Stromrechnung stets pünktlich bezahle, würden die Lichter – meine Bewegungen – flackern, fortschreitend, und schliesslich ausgehen.
Ok, Schriftsteller. Und was, in deinem Haus, wären deine Muskeln? Unfähig, auf die Befehle der Lichtschalter zu hören, hätten sie auch keinen Platz in dieser Metapher.
Ich strecke meine Hand aus, ich berühre Dich, ich fange an, Dich kennenzulernen. Muriel Rukeyser, Hl. Schabe
SMA ÜBRIGENS «VERSCHWENDET» KEINE Muskeln; was sie «verschwendet», sind die Verbindungsströme zwischen Gehirn und Muskeln. Ich habe eine Kommunikationsstörung. Wie peinlich für einen Schriftsteller!
SIE MÜSSEN DAS AN IHREM Rollstuhl befestigen, klärt mich die Frau beim Kartenschalter für das Gorilla-Gehege auf und hält eine Etikette in die Luft, auf der das Rollstuhlsymbol zu sehen ist. Würden die Leute meinen Rollstuhl nicht als Rollstuhl erkennen ohne das Rollstuhlsymbol? Das will ich wissen. Während sie das Rollstuhlsymbol an meinen Rollstuhl heftet, erklärt sie, dass ein Rollstuhlfahrer oder eine Rollstuhlfahrerin seinen oder ihren Rollstuhl ohne Vorwarnung verlassen könnten. Und dass ein leerer Rollstuhl auf einem Weg eine Gefahr für andere Besucher darstellen könne. Deshalb muss ein Rollstuhl mit einer Etikette identifiziert werden, auf der das Rollstuhlsymbol den Rollstuhl als Rollstuhl ein für allemal identifiziert. Ich ziehe in Betracht, auszuführen, dass ein Rollstuhl sich durch sich selbst als Rollstuhl identifiziere, auch ohne die Etikette mit dem Rollstuhlsymbol, aber ich habe Lust, den grossen Affen zuzuschauen. Beim Verlassen des Gorilla-Geheges müsse die Etikette mit dem Rollstuhlsymbol wieder beim Kartenschalter abgegeben werden, sagt sie.
DER GRUND FÜR meine längst fällige Diagnose war das Auseinanderbrechen meiner Familie. Meine zwei älteren Brüder hatten bereits die Diagnose SMA, als die finanziellen Exzesse meines Vaters, sein spektakulärer Konkurs und sein qualvolles Abgleiten in den Alkoholismus zu der grausamen Scheidung meiner Eltern führte. Meine Mutter, ihr Leben lang eine Hausfrau, versuchte sich im Handel. Der Jüngste, ich, sollte verschont bleiben. Es wurde zu meinem Job, die guten Nachrichten zu verbreiten, selbst mit traurigem Gesicht, selbst nach der Diagnose. Ich tat mein Bestes; tu’s heute noch.
Dennoch verbarg sich meine SMA dem gewöhnlichen Blick. Eine Zeitlang wurde ich vom gymnasialen Turnunterricht ausgeschlossen, wo mein Trainer, ein strammer Verfechter des Gewichtestemmens, beschloss, meine «Faulheit» durch erbarmungslose Übungen zu kurieren. Doch bald schon trug mich ein Freund die Stockwerke meiner treppenbewehrten Schule hoch: Sonst wäre ich, mit nur sieben Minuten Pause zwischen den Lektionen, ewig zu spät gekommen. Doch aus dem Musikunterricht war ich verbannt: zu viele Stufen, selbst für meinen kräftigen Kumpel (später sollte er mich dennoch die engen und langen Treppengänge zu den Katakomben von Paris hinunter- und wieder hinauftragen). Ich erhielt meine Diagnose mit 14, ich kam direkt vom Tennisplatz, die rechte Hand noch warm vom Racket. Als ich 16 wurde, war der kurze Spaziergang zur Schule zu anstrengend geworden: Ich erhielt eine Spezialbewilligung für das Fahren eines Autos. Es war ein gebrauchter Toyota Corolla, nicht speziell schick, wirklich nur ein übergrosser motorisierter Rollstuhl. Stufe um Stufe bewältigte ich den Schulabschluss. Hätte ich das nicht geschafft – nun, dann hätte ich ein ganz anderes Leben geführt.
ALLE KÖRPER SIND ANDERS; nicht zwei sind identisch, selbst jene nicht von eineiigen Zwillingen. Und nicht nur dies: Alle Körper verändern sich ständig, werden ständig anders. Beobachte dich selbst: Du bist eine lebende Metamorphose. Du lebst eine Metamorphose. Unsere Gemeinde erkennt, dass anders gut ist und dass völlig anders grossartig ist. Je ausgeprägter anders du bist, desto wahrscheinlicher ist es, dass du eine grossartige Gabe besitzt. Unserer Gemeinde nützen Gaben. Je mehr Gaben, desto besser. Wir sperren unsere Altvorderen nicht in Heime ein, weil wir von ihrer Weisheit lernen wollen, und wir schicken unsere Kinder nicht mit «mentalen Störungen»oder «kognitiven oder physischen Behinderungen» in «Sonderschulen», weil wir dann nicht von ihrer hoch entwickelten Vorstellungskraft und ihren anderen Fähigkeiten profitieren würden. Natürlich nennen wir diese Gaben nicht «mentale Störungen» oder «kognitive oder physische Behinderungen»; natürlich nennen wir diese Schulen nicht «Sonderschulen». Unsere Schulen sind so universal, wie unsere Gebäude alles-einschliessend sind: Ob du eine Rampe oder Stufen bevorzugst, wir haben sie für dich. Falls du Zeichensprache benötigst, eine der ältesten Sprachen sowieso, oder Töne, die dir den Weg zeigen, oder verstellbare Waschbecken oder kippbare Spiegel, wir haben sie. Wir haben sie alle. Mit der Zeit wurde unser Denken dermassen alles-einschliessend, dass es für uns undenkbar geworden ist, in Begriffen wie «Störung», «Krankheit» oder «Behinderung» nur schon zu denken. Deren ganzes Konzept ist verschwunden. Um jetzt tote Worte zu gebrauchen: Wir dissten das Dissen. Wir entfernten die «Hindernisse» für die «Behinderten», wir «befähigten» die «Unfähigen», diese Wortspiele sind Absicht. Wir räumten mit der Tyrannei des gesunden Körpers auf und stellten ihn dar als das, was er ist: ein Mythos. Der Körper ist nur das: ein Körper; unsere Gemeinde ist eine nicht-ausschliessende Vielkörperschaft. Wir erkannten, was für uns inzwischen so natürlich wie vom Himmel fallender Regen ist: WENN ALLE KÖRPER ANDERS SIND, IST NIEMAND ANDERS.
Willkommen in unserer Gemeinde.
memento
du siehst mich nicht du denkst nicht an mich
ich bin dein memento mori ich bin immer für dich da
deine schwäche ist meine stärke jetzt bin ich glücklich
Curb Cut II – Trottoir in New York. (Bild: Christoph Keller)
HEUTE WAR ICH AUSSER HAUS und schoss Bilder von den Trottoirrampen der Stadt. So viele haben tiefe Risse oder Löcher, was sie gefährlich macht für Leute, die Stöckelschuhe tragen oder schwere Einkaufstaschen, die Kinderwagen stossen, Rollstühle benutzen. Eine Nachbarin von uns brach sich den Knöchel, als sie in eins stolperte. Ich habe die Idee, meine Fotos von den Trottoirrampen an das Departement für Transportationen zu schicken (sie nennen sie «Bordstein-Einschnitte»), damit sie dieselben aus Scham flicken. Doch als ich zu Hause die Bilder anschaue, bin ich überrascht. Was ich dachte, wäre eine niederschmetternde Anklage von New Yorks Gleichgültigkeit, stellt sich als eine Ausstellung absichtsloser Kunst im öffentlichen Raum heraus. Mit Wasser gefüllt (über Nacht hatte es geregnet) und im Licht stehend (es ist ein schöner Tag im Frühlingsanfang), Gebäude und Menschen spiegelnd, verwandeln diese Tümpel und Rinnsale den Zufall in Schönheit. Sie geben flüchtige Blicke auf ein unbekanntes, geheimnisvolles New York frei; spontane Collagen des wirklichen Lebens; Pforten zu einer anderen, nichstdestotrotz wirklichen Welt. Also schicke ich sie nicht ans Departement für Transportationen; vielleicht schicke ich sie, wenn die Zeit dafür reif ist, ans Department für Transmutationen.
Der Originaltext trägt den Titel Every Cripple a Superhero. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen besorgte Florian Vetsch; das Gedicht Wäre mein Körper und den Auszug aus Jan Heller Levis Gedicht I Lost My Best Friend To Music in ICH WAR 14 übersetzte Clemens Umbricht; Christoph Keller übersetzte die drei Verse von Muriel Rukeyser.
Christoph Keller, 1963, ist Schriftsteller in St.Gallen und New York. Er schrieb unter anderem den autobiografischen Roman Der beste Tänzer (2003). In Saiten vom September 2017 erschien sein «rollender Bericht» Staying Put is the New Mobility.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten. Hier geht es zu Teil II und Teil III.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.