HEUTE DENKE ICH AN Mike und John. Mike und John waren am 11. Sept. im World Trade Center, als die Flugzeuge einschlugen. Um lebend aus dem Turm zu kommen, konnten sie es sich nicht leisten, auch nur eine Sekunde zu verlieren. Doch als sie im 68. Stockwerk eine Frau in einem Rollstuhl sahen, hielten sie an. Mike und John kannten die Frau nicht. Ich weiss nicht, ob sie sich mit der Frau im Rollstuhl bereits im 68. Stockwerk befanden oder ob sie die Treppen hinunterrannten und auf dem Treppenflur auf die Frau im Rollstuhl stiessen. So oder so hielten sie für sie an. Andere taten’s nicht. Ich weiss nicht, ob die anderen Leute den Blickkontakt vermieden oder ob sie einen Blick auf sie warfen oder ob sie so sorry flüsterten, an ihr vorbeirennend, um ihr eigenes Leben zu retten. Sie hatten vielleicht Partner, Kinder, für die sie leben wollten. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Wie stehen die Chancen, aus diesem Gebäude zu kommen, das in Flammen steht, von einem Flugzeug getroffen, die Aufzüge funktionieren nicht und du befindest dich im 68. Stockwerk? Wussten sie überhaupt, dass ein Flugzeug das Gebäude getroffen hatte? Aber Mike und John hielten an. Vielleicht befanden sie sich im selben Stockwerk und sahen sie in ihrem Rollstuhl beim Fenster stehen, wie sie die Leute beobachtete, die aus den oberen Stockwerken in die Tiefe stürzten. Fragten sie sich, ob sie über das Springen nachdenke und den Sturz dem Verbrennen bei lebendigem Leib vorziehen würde? Ich weiss es nicht. Wäre das für sie überhaupt in Betracht gekommen? Wie springst du aus einem Fenster, wenn du in einem Rollstuhl bist? Ich könnt’s nicht. Vielleicht fragten sie sie zuerst, Können wir Ihnen helfen? und dann, Wie können wir Ihnen helfen? Vielleicht antwortete sie: Helfen bei was genau? Vielleicht entdeckten sie sie von weitem und flüsterten einander rasch im Rennen zu, Was schätzt du, wie schwer ist sie? Schaffen wir das? Sagten sie Sachen wie, Spinnst du? Es sind 68 Stockwerke! Ich weiss es nicht. Vielleicht rannten noch mehr Leute an dieser Frau im Rollstuhl vorbei, und Mike und John wollten einfach nicht mit der Erinnerung leben, dass sie etwas hätten tun können. Vielleicht mussten sie, als sie diese Frau die 68 Stockwerke hinuntertrugen, an anderen Menschen in Rollstühlen vorbeirennen, die auf ihre Mikes und Johns warteten, und wie lebt es sich mit dieser Erinnerung? Ich weiss es nicht und will’s nicht wissen. Manchmal möchte ich einfach an Mike und John denken, welche diese Frau, die sie nicht einmal kannten, 68 Stockwerke im Rollstuhl hinuntertrugen, hinaus aus einem Gebäude, das von einem Flugzeug angegriffen worden war und im Begriff stand, einzustürzen.
ICH WERDE FÜR DICH ATMEN, sagte Jan, nachdem wir uns verliebt hatten, und nachdem die Flugzeuge das World Trade Center zerstört hatten, sagte sie, ich werde mit dir sterben. Was hätten wir getan, wenn wir uns in einem von diesen Türmen aufgehalten hätten? IM NOTFALL, was wären unsere Optionen? NICHT DIE TREPPE BENUTZEN. Ein Schild auf jedwedem Fahrstuhl fast überall in der Westlichen Welt stellt dies klar. Für mich heisst das: Im Notfall BIST DU WEG. Du und deine Frau. Ich würde für Jan sterben. Ich würde versuchen, sie zum Gehen zu zwingen, und würde auf meine Mikes und Johns hoffen. Aber sie würde nicht gehen. Sie ist mein Mike und John. Sie ist noch viel mehr als das. Da sie mich nicht eine Treppenflucht hinuntertragen könnte, geschweige denn die 68 Stockwerke, würden wir zusammen auf unsere Mikes und Johns warten. Und sie würden kommen. Ich weiss, sie würden kommen.
American Dream Machine
1
Die riesige Hare Krishna-Plakatwand, aufgehängt hoch oben im Dreieck von Watts, Thompson & West Broadway, fordert mich auf SINGE UND SEI GLÜCKLICH,
aber Glück kann man nicht erzwingen, egal wie laut man singt, oder? Am Eingang des Gebäudes, welches den Glanz der Werbung wie Make-up trägt, erspähe ich das bescheidene Schild
AMERICAN DREAM MACHINE. Das trifft es besser. Ich öffne die vielversprechend leichte Glastür und rolle hinein, aber wie der Himmel, ist die AMERICAN DREAM MACHINE oben,
und es gibt keinen Aufzug, nur Treppen, um dorthin zu kommen, und ich habe noch immer keine Flügel. Auf dem Weg nach draussen fällt mir der Krishna-Typ ein, den wir einmal widerwillig zum Mittagessen trafen, weil eine Verwandte, damals ziemlich offen
für Guru-Zeug, darauf bestanden hatte, und der richtig sauer wurde, als ich ihn fragte, Kann ich die Suche nach der Vision, die du so detailreich beschreibst, auch in meinem Rollstuhl unternehmen?
2
Jahre später erfahre ich, dass AMERICAN DREAM MACHINE ein Motorradgeschäft war. Nun, meine Art von Traummaschine wäre das ohnehin nicht gewesen, vermutlich auch dann nicht,
wenn ich nicht im Rollstuhl gewesen wäre. Trotzdem, was machen Motorräder im Obergeschoss? Vielleicht gab es hinten einen Weg hinauf, so wie es ihn manchmal für Apparate auf Rädern gibt? Aber egal.
AMERICAN DREAM MACHINE hat inzwischen das Geschäft aufgegeben. Geschieht ihnen recht, denke ich, bin aber sofort traurig, denn in meinen Träumen kann ich immer gehen.
Und doch könnte die jüngeren Leser die Tatsache schockieren, dass der grösste Teil der schwarzen Literatur bis vor kurzem nicht veröffentlicht wurde. Diese Unterlassung war kaum ein Zufall. Literatur, das Erschaffen von Sprache durch spezifisch menschliche Erfahrung, tritt als Zeuge auf. Grosse Literatur tritt als unvergesslicher, vollkommen wahrheitsgetreuer Zeuge auf. Poesie erhebt die menschliche Stimme aus flachen, gewöhnlichen Zeichen auf einer Seite Papier. Grosse Poesie erzwingt eine Antwort; die erhobene Stimme begründet eine Gemeinschaft. Bis vor kurzem unterlag der afroamerikanische Zeuge einer aussenstehenden Zensur.
June Jordan schrieb dies 1970, in ihrer Einleitung zu soulscript, einer Anthologie afroamerikanischer Poesie. Dies trifft auch auf den «behinderten» Dichter/Schriftsteller zu: Auch der Zeuge des behinderten Lebens unterliegt einer aussenstehenden Zensur. Die einzigen Beispiele von behinderten Schriftstellern, die du nennen kannst, wenn du überhaupt welche nennen kannst, sind die Ausnahmen, die geduldeten fremden Vögel. Noch immer wird mehr über uns geschrieben; unsere Stimmen werden jetzt vermehrt festgehalten; aber werden sie direkt gehört? Wer hört uns?
Behinderung wird meistens von Nicht-Behinderten verwaltet. Sie sind unsere Zoowärter, wir ihre Tiere. Sie schreiben Bücher über uns und die Käfige, in denen wir leben. Sie schreiben über uns, um ihre Karrieren voranzubringen. Sie sind unsere Anthropologen und schreiben ihre Sekundärliteratur über uns. Es bringt ihre Karrieren nicht voran, wenn wir die Primärtexte schreiben. Wenn sie über uns schreiben, bekommen sie Preise, eine Anstellung, Buchverträge, Vortragseinladungen, und was weiss ich. Wenn man uns vom Schreiben unserer Texte abhält, hält man Preise von uns fern, eine Anstellung, Buchverträge, Vortragseinladungen, und was weiss ich.
Viel «behinderte» Literatur bleibt noch immer unveröffentlicht, oft sogar ungeschrieben, weil, häufiger als nicht, die Bedingungen zu hart für viele von uns sind, um durch den Tag zu kommen und das Schreiben zu erledigen. Während die Position in einem Rollstuhl, das Sitzen, die ultimative Schreibposition ist (um von Goethe und anderen zu schweigen, die im Stehen schrieben). Nun – nochmals –, das Schreiben kann vielleicht erledigt werden, was aber ist mit dem Networking? Der Fähigkeit, sich selber zu verkaufen? Dafür fehlt uns schlichtweg die Energie. Unsere aussenstehende Zensur sind Treppen/Distanzen/Flüge/ Hotelzimmer/unerreichbare Dinnerpartys/nicht antwortende Zoowärter/Anthropologen.
… ich arbeite mit Gewichten, die ich nicht loswerden kann …
Franz Kafka, Tagebücher, 18. Dezember 1911
baby mit gebrochenen knochen geboren hinein in ein leben verheilender knochen / so starke hände, so lange finger sie spielen jazz / jazz ist sport / jazz ist muskel / jazz ist gewichtlos / trägt dich / du trägst den jazz / mr. bill evans: triff mr. oscar peterson / hallo, mr. charles lloyd, komm aus deinem versteck / of course, of course, sweet georgia bright / ich sehe dich solo / ich sehe, wie sie dich über die bühne tragen / dich auf den klavierstuhl setzen / die ganzen 50 würdevollen pfund, stolze 97 cm dieses wunderschönen, gebrochenen körpers von dir / ich weiss, falls du dich zu schnell bewegst, brichst du dir einen knochen / ich weiss, dass du schmerzen hast, weil du immer welche hast / wir scheisskerle wir glotzen / wir nicht behinderten scheisskerle glotzen, und wir behinderten scheisskerle glotzen / gott, wir wussten nicht, dass du sie so hässlich machst / du schaukelst dich in die richtige haltung / ach, brich dir bitte keinen knochen / doch du tust es nicht / oder vielleicht doch / und spielst so oder so / zwölf noten ein akkord später und wir sind alle schön / gott ist im raum, sagten sie, wenn der blinde art tatum spielte / doch das ist nicht wahr / gott ist nie im raum / mr. art tatum war im raum / und jetzt bist du im raum / und sagst: ça va? / und gibst uns dieses petruche grinsen / dieses extrem menschliche grinsen
für michel petrucciani (1962-1999)
Curb Cut I – Trottoir in New York. (Bild: Christoph Keller)
Wo sich der Broadway krümmt
für Jerry Stern, geschrieben, wo sich der Broadway krümmt
Ich sitze oft vor der Grace Church an der 10. Strasse, wo sich der Broadway krümmt. Hier stand einst ein Kirschbaum, gab niemandem nach, nicht einmal dem Broadway
Ich sitze oft vor der Grace Church, Touristen schiessen Bilder von keinem Kirschbaum und von mir in meinem Rollstuhl wie ein Bettler krümme ich den Broadway
Der Originaltext trägt den Titel Every Cripple a Superhero. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen besorgte Florian Vetsch; das Gedicht American Dream Machine übersetzte Clemens Umbricht; Christoph Keller übersetzte die drei Verse von Muriel Rukeyser.
Christoph Keller, 1963, ist Schriftsteller in St.Gallen und New York. Er schrieb unter anderem den autobiografischen Roman Der beste Tänzer (2003). In Saiten vom September 2017 erschien sein «rollender Bericht» Staying Put is the New Mobility.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten. Hier geht es zu Teil I und Teil III.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
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