, 29. Mai 2021
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Jesus stirbt on stage

Festivalfeeling, durchtanzte Nächte, Starkult, hämmernde Drums: Alles, was dieses Jahr coronabedingt nicht geht, gibt es auf der Bühne des «Umbau»-Provisoriums des Theaters St.Gallen. Hier spielen «Jesus and his Followers» die Rockoper Jesus Christ Superstar.

Kreuzigungsszene ohne Kreuz: Riccardo Greco als Jesus. (Bilder: Andreas J. Etter)

Es ist das Leben, das heute gerade so dringend vermisst wird. Die Frauen um Maria Magdalena posieren in Glitzerfummeln und hochhackigen Schuhen, die Jungs, die sich Apostel nennen, übertrumpfen sich auf der Strasse im Breakdance und darin, wer Jesus am nächsten sein darf. Sie träumen vom künftigen Ruhm als Evangelisten. Und dann geht es ab in den Club. Türsteher, Eingangskontrolle… gibt es alles noch, zumindest auf der Theaterbühne.

Das Ensemble und Riccardo Greco als Jesus.

Die Religion der gut trainierten jungen Leute um Jesus heisst Party. Und zu Beginn kapiert ihr Guru selber offensichtlich nicht, was es geschlagen hat. Sonnenbrille, blondiertes Haar, Leopardenmantel, die Whiskyflasche zur Hand, spielt Riccardo Greco den blasierten Superstar, lässt sich anhimmeln und wischt die Warnungen des Judas gelangweilt zur Seite.

Dem Judas haben Andrew Lloyd Webber und Tim Rice die komplexeste Rolle zugedacht, und Antonio Calanna füllt sie in St.Gallen mit fantastischer Stimme und vollem Körpereinsatz aus. «All your followers are blind», wirft Judas dem Jesus vor – «too much heaven on their minds», zuviel «talk of God», das werde übel enden.

Judas (Antonio Calanna) sieht schwarz.

So steht es denn auch geschrieben, bekanntlich. Zwar schüttelt dieser Jesus auf einen Schlag seine Rockstar-Allüren ab, verweigert sich seinen Millionen Followern – doch da ist es zu spät. Für die Hohepriester Kaiphas (Daniel Dodd-Ellis) und Hannas (Romeo Salazar), Finsterlinge in bizarren Hüten, ist klar: «This Jesus Must Die». Sie stacheln Judas zum Verrat an, das Volk kippt und schreit den Statthalter Pontius Pilatus (brillant Armin Kahl) zum Todesurteil: «Crucify!»

Einsam im Scheinwerferlicht

Das Bühnensetting zieht die St.Galler Produktion konsequent durch, wenn auch an der Premiere vom Donnerstag vor gerade einmal 50 Leuten – im Juni geht es immerhin mit 100 weiter. Das Publikum haben sie immer im Blick, Jesus, Judas, die Jesus-Demonstranten mit ihren Transparenten ebenso wie die Schächer, die seinen Tod wollen. Selbst Maria Magdalena (Dorina Garuci) schmachtet ihren Ohrwurm «I Don’t Know How to Love Him» zu uns in den Saal.

Introvertiertes hat Seltenheitswert, bis zum Tod auf Golgatha – ohne Kreuz, einsam und im Scheinwerferlicht stirbt Jesus den Tod eines Rockstars. Die sieben letzten Worte nimmt man Riccardo Greco ab, wie vorher sein Zweifeln, allein auf der Treppe: seine Anklage an den Vatergott, der ausgerechnet ihn zum Star auserwählt hat, und schliesslich sein Ja dazu – «Father, into your hands, I commend my spirit».

Die Drehbühne schafft in der Mitte Platz für die Treppe, für den kuschligen Backstage-Raum, in dem sich Jesus feiern lässt, und für die düstere Fassade des Gerichts. Das letzte Abendmahl – Coke und Burger – wird auf den Kisten für Sound- und Lichttechnik gefeiert, dem wichtigsten Mobiliar dieser Produktion. Kein Da-Vinci-Abendmahl, kein Re-Enactment wie in Milo Raus Film Das neue Evangelium» (aktuell im Kino), auch keine Einsicht bei den Jüngern. The Show must go on.

Kreuz, Schädelstätte, Dornenkrone, Tempel oder Passionsweg: Solchen Naturalismus braucht die St.Galler Inszenierung nicht. Umso härter fällt die gespielt echte Geisselung aus. Den 39 Schlägen heizt die Superstar-Band im Orchestergraben ein, dass es einem kalt den Rücken hinabfährt: Robert Paul (Leitung und Keyboard), Dimitri Kindle (key), Lukas Schwegler (g), Luca Leombruni (b) und Drummer Orlando Ribar als «Motor» des anderthalbstündigen Rockfeuerwerks.

Pilatus (Armin Kahl) geisselt Jesus.

Hotspot Jerusalem

Jesus on Stage, das geht erstaunlich gut auf. Die Passion ist öffentlich, und zum Grossereignis wird sie durch die Sozialen Medien. In den dramatischsten Momenten des vorwärtstreibenden Abends fahren Projektionen, realisiert von Momme Hinrichs (Bühne) und Torge Moller (Video), den Tatort Jerusalem zum globalen Hotspot hoch.

Der Instagramm-Account @realJesusChrist zeigt den Pegel der «Likes» in Grossprojektion – später klettert der Support des Mobs bei der Geisselung auf 340 Millionen Likes. Die Volksmassen mit ihren «Crucify»-Rufe sind per Videokonferenz zugeschaltet. Und wenn die Blinden und die Kranken Jesus um Heilung anflehen, rattern über den Screen die Megathemen, die aktuell ebenfalls einen Heilsbringer nötig hätten: «Stop the War». «Say No to Racism». «Save the Culture». «Stop Pollution». Nicht zu vergessen: «Save our Theatre». Zuviele Aufgaben für einen einzigen, selbst wenn er Gottes Sohn ist.

Maria Magdalena (Dorina Garuci) findet kein Gehör.

Trotz solchen Polit-Parolen bleibt Jesus Christ Superstar in St.Gallen in erster Linie ein Unterhaltungsstück. Was es herausreisst, ist das brillante Ensemble und ein Soundtrack, der sich auch fünfzig Jahre nach der Uraufführung seine Ecken und Kanten und seine Komplexität erhalten hat – teils aber an der Premiere allzu fett über die Boxen kam auf Kosten der Nuancen.

Theater St.Gallen, Vorstellungen: 29. Mai, 9. bis 13. Juni
theatersg.ch

Jesus als Musicalfigur, das dürfte, anders als damals Anfang der Siebzigerjahre, heute niemanden mehr verstören. In St.Gallen irritieren allerdings Nebendinge. Etwa die Tatsache, dass ausgerechnet der schwarze und der asiatische Darsteller im Cast die Rolle der Hohepriester-Bösewichte innehaben. Oder dass den Frauen einmal mehr bloss der Part als dekorative Groupies zugestanden wird. Da sind dem St.Galler Leitungsteam um Regisseur Erik Petersen ein paar Antidiskriminierungs-Diskurse der letzten Jahre entgangen.

In Sachen Social Media ist die Produktion hingegen auf der Höhe der Zeit. Unablässig wird gefilmt, werden Selfies mit dem Heiland geknipst und Botschaften gepostet. Selfies seien eine heutige Form von Reliquien, steht in einem kurzen Text im Programmheft. Hätte Jesus heute gelebt, wäre seine Botschaft in der Bilderflut vermutlich komplett untergegangen. Auch in der St.Galler Inszenierung verpufft sie allerdings – am Ende jubeln die Kids einem neuen Star zu: Judas.

 

 

 

 

 

 

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