Hans Fässler, 18. Dezember 2025 um 15:10 Uhr Ich habe nichts gegen das Jodeln. Ich bin von Herkunft auch Appenzeller, und ein schönes Zäuerli kann bei mir Gänsehaut oder feuchte Augen auslösen. Und ich weiss auch, dass es eine alternative, kritische und «wilde» Jodelszene gibt. Aber die allseits gefeierte Ernennung des Jodelns zum UNESCO-Weltkulturerbe wird hierzulande letztlich die Bauernstaatsideologie stärken. Die hat schon 1729 mit «Die Alpen» von Albrecht von Haller begonnen, wo die Schweiz als Land von hart arbeitenden Bergbäuerinnen und -bauern beschrieben wird, die sich aus den Händeln der Welt heraushalten. Im Generalstreik von 1918 konnte man dann bäuerliche Truppen gegen die städtischen Arbeiter mobilisieren. In den Dreissigerjahren machte der nazi-nahe Agronom und Mussolini-Verehrer Ernst Laur aus den Bauern eine politische Kraft. Die Erhaltung des Bauernstandes war ihm wichtiger als die Erhaltung der Demokratie. Ein Bewunderer von Laur ist Mitte-Nationalrat Markus Ritter, der Präsident des SBV, der dafür gesorgt hat, dass in den eidgenössischen Räten die Bauerninteressen gegenüber ihrem Bevölkerungsanteil heute etwa fünffach übervertreten sind. Deutlich übervertreten ist die bäuerliche Welt auch in den Medien und im (pop)kulturellen Alltag, der überquillt von Trachten, Silvesterchläusen, Viehschauen, Stubeten, Landfrauenküchen, Alphörnern, Alpabzügen, Armbrüsten, Edelweisshemden, «Potzmusig»-Sendungen, Hackbrettern, Tellfestspielen, Schwingfesten, Steinstossen und Trauffers Holzkühen. Und diese bäuerlich-ländliche Scheinwelt wird wieder mobilisiert werden, wenn es um das Ständemehr für die EU-Abstimmung geht. Aber wie gesagt: Gegen Jodeln habe ich nichts. Im Gegenteil: Ich finde es schön. Gerade weil es keine Texte hat.