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Befreiungstanz

Die St.Galler Künstlerin und Tänzerin Juliette Uzor wurde mit dem diesjährigen Manor-Kunstpreis geehrt. Seit dem 24. November ist im Kunstmuseum St.Gallen ihre erste Einzelausstellung zu sehen. Nach einigen Wendungen im Leben geht sie inzwischen unbeirrt ihren Weg – auch wenn sie immer noch nicht weiss, wohin er sie führen wird.
Von  David Gadze , 
Die Arbeiten von Juliette Uzor zeichnen sich meist durch interdisziplinäre und kollaborative Prozesse aus. Hier bei der Performance von «Beside You In Time» 2021 im Kunstmuseum St.Gallen. (Bild: Daniel Amman)

Es ist August 2022. Juliette Uzor ist gerade in Brüssel an einem Tanzworkshop. Sie erzählt ihrer Kollegin von einer Performance-Idee. Und davon, wie gerne sie die Möglichkeit hätte, diese Idee irgendwann zu realisieren. Am nächsten Tag klingelt ihr Handy: Sie erfährt, dass sie den mit 15’000 Franken dotierten Manor-Kunstpreis St.Gallen 2023 erhält, begleitet von einer Einzelausstellung im Kunstmuseum St.Gallen.

Jetzt, etwas mehr als ein Jahr später, gibt es diese Performance zu sehen. Oder genauer gesagt: die Performance-Ausstellung. Während knapp drei Monaten bespielt die 31-jährige St.Gallerin, die seit mehreren Jahren in Zürich lebt, einen Raum des Kunstmuseums. «Wir können nicht drei Monate lang im Museum auftreten, also muss die Ausstellung auch ohne die Performance funktionieren», sagt sie.

Der Ausstellungsraum wird dabei temporär zur Bühne. Bis zur Finissage am 11. Februar führt Juliette Uzor mit zwei anderen Tänzer:innen die rund halbstündige Performance (ah ah ah) insgesamt siebenmal auf, dazu gibt es zahlreiche weitere Begleitveranstaltungen wie ein Künstlerinnengespräch oder einen Bewegungsworkshop.

Die Bewegung des Körpers als zentrales Element 

Für den Ausstellungsraum hat Juliette Uzor wandhohe Tapeten gestaltet, die bei den Performances die Kulisse bilden und ansonsten als eigenständige Installation fungieren. Als Vorlage dienten ihr Bilder aus dem Buch Albinus on Anatomy des Anatomen Bernard Siegfried Albinus (1697–1770), der Mitte des 18. Jahrhunderts über 200 detaillierte Zeichnungen von Muskeln und Knochen beziehungsweise der «Innenansicht» ganzer Körper und Skelette anfertigte, ergänzt mit Kupferstichen von Jan Wandelaar. Für die Tapeten entfernte Juliette Uzor die menschlichen Körper, um die «fantastischen Hintergründe» zu zeigen, auf denen Naturbilder, biblische Elemente, einzigartige Bauwerke und besondere Tiere zu sehen sind.

Ursprünglich wollte die Tochter eines nigerianischen Vaters und einer Schweizer Mutter für die Performance mit dem Text Uses of the Erotic der US-Schriftstellerin Audre Lorde (1934–1992) arbeiten, einer schwarzen Aktivistin unter anderem für Bürger:innenrechte und feministische Anliegen. «Ich bewundere sie sehr, weil sie eine äusserst wichtige poetische und aktivistische Stimme ist.» Doch letztlich entschied sie sich gegen diesen Text, weil er ihr für die Performance zu nahe war. «Ich wollte einen Text verwenden, der mich herausfordert, weil er ambivalent ist.»

Stattdessen wählte sie also das Essay Über das Marionettentheater des Schriftstellers Heinrich von Kleist. Er gefalle ihr aber allein deshalb, weil er so künstlich sei. In der Performance trägt sie einen Teil daraus auf Deutsch vor, die anderen beiden Tänzer:innen auf Englisch und Französisch. Dieser Zugang ist typisch für sie: Ihre Arbeiten zeichnen sich in der Regel durch interdisziplinäre und kollaborative Prozesse aus. Und sie drehen sich meist um die Bewegung des Körpers im Raum.

Auf der Suche nach sich selbst

Schon 2019 setzte sich Juliette Uzor auf künstlerische Weise mit ihren Wurzeln auseinander. Damals bekam sie einen Werkbeitrag der Stadt St.Gallen in Höhe von 10’000 Franken für ein Stück zum Thema Haut und Herkunft, das sie schon lange beschäftigte. «Als Teenager hatte ich weisse weibliche Vorbilder aus der Popwelt, während des Studiums männliche weisse Vorbilder aus der Kunstwelt. Meine Hautfarbe und meine Wurzeln bereiteten mir deshalb manchmal ein unbehagliches Gefühl, das ich nicht benennen konnte.»

Inzwischen hat sie solche Identitätsfragen für sich geklärt. Und sie definiere ihre Rolle klar, sagt Juliette Uzor: «Ich positioniere mich als Schwarze Person, wenn das nötig ist, aber ich will mich nicht als Schwarze Künstlerin positionieren. Meine Kunst soll für sich selbst stehen.» Auch deshalb habe sie sich gegen den Text von Audre Lorde entschieden. «Ich bin hier aufgewachsen und sozialisiert worden.»

Über Umwege ans Ziel

Juliette Uzor wird 1992 in St.Gallen geboren. Als Teenager entdeckt sie den Hip-Hop-Tanz. «Das hat mir damals grossen Spass gemacht, aber rückblickend habe ich das Gefühl, dass ich nicht tanzte, sondern bloss vor dem Spiegel Bewegungen nachahmte.» Irgendwann wird der Kurs in St.Gallen eingestellt, also fährt die damals 16-Jährige fortan mit ihrer Freundin einmal pro Woche nach Zürich. Dort eröffnet sich ihr eine neue Tanzwelt. Die Gruppe, in der die meisten Tänzer:innen älter sind als Juliette Uzor, fordert sie viel mehr, dazu gibt es «coole Choreos».

Dennoch gibt sie nach einiger Zeit den Hip-Hop-Tanz auf und beginnt stattdessen mit Modern Dance. Ausserdem schliesst sie sich der Theatergruppe Die Spielbaren an, die aus dem Freifach Theater an der Kanti am Burggraben entstanden ist und in der auch ihre Zwillingsschwester Myriam mitmacht. An der Kanti setzt sie auch erste Filmprojekte um.

Juliette Uzor (Bild: Brigham Baker)

Juliette Uzor (Bild: Brigham Baker)

Nach der Matura verabschiedet sich Juliette Uzor von Tanz und Theater und nimmt 2012 an der Universität Zürich das Französischstudium in Angriff. «Ich dachte damals gar nicht daran, irgendetwas Künstlerisches zu studieren, weil ich nie einen gestalterischen Vorkurs gemacht oder ein entsprechendes Schwerpunktfach hatte», erzählt sie. Ihre Leidenschaft fürs Tanzen flammt aber erneut auf, als sie mit ihrem Vater, dem Musiker Charles Uzor, ans Festival d’Avignon fährt, ein Theater- und Tanzfestival. Die zeitgenössischen Tanzstücke, die sie dort sieht, «haben mich völlig geflasht».

Im Französischstudium fehlt ihr die Kreativität. Eine Freundin erzählt ihr, dass man an der Hochschule der Künste in Bern (HKB) Kunstvermittlung und parallel dazu an der Uni Bern Kunstgeschichte studieren kann. Juliette Uzor entschliesst sich für diese Kombination aus Praxis und Theorie. Sie bricht ihr Studium an der Uni Zürich ab und meldet sich zur Aufnahmeprüfung an der HKB an – und wird zu ihrer eigenen Überraschung aufgenommen.

«Ich habe völlig stur meine Ideen verfolgt»

Dort wird sie erstmals mit der Frage konfrontiert, wer sie als Künstlerin ist. «Meine Mitstudent:innen haben ständig von Prozessen gesprochen, ich wollte aber nichts davon wissen», erzählt sie. Sie habe fixe Vorstellungen davon gehabt, wie ihre Kunstwerke auszusehen hätten, und wollte sich nicht auf irgendwelche Prozesse einlassen, die das Endprodukt ändern würden. «Ich habe völlig stur meine Ideen verfolgt und alles unternommen, um sie genauso umzusetzen, wie es mir vorschwebte.» Es war ihre Art, sich zu beweisen – auch sich selbst.

Parallel dazu besucht sie Sommer-Workshops in Zeitgenössischem Tanz an der renommierten PARTS-Schule in Brüssel und am Wiener Tanz- und Performancefestival Impulstanz. In Brüssel lernt sie eine junge Frau kennen, die ihr von einem neuen Studium für Zeitgenössischen Tanz in Lausanne erzählt. Sie wird hellhörig, konzentriert sich aber erstmal weiterhin auf ihr Studium.

Nach dem Bachelor in Kunstvermittlung an der HKB zieht es Juliette Uzor zurück nach Zürich. Obwohl sie sich nicht vorstellen kann, als Lehrerin zu arbeiten, beginnt sie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) das Masterstudium. «Das war nicht sehr inspirierend.» Sie will Künstlerin oder Tänzerin sein, lernt nun aber vor allem Pädagogik, alles sehr theoretisch. «Ich kämpfte schon immer mit der Angst, als Künstlerin nicht ernstgenommen zu werden. Das hat sich an der ZHdK verstärkt, weil es fast keine künstlerische Praxisausbildung gab.»

Tanzstudium als Befreiungsschlag 

2016, nach einem Jahr an der ZHdK, wagt Juliette Uzor den Befreiungsschlag: Sie meldet sich spontan an der Tanzschule «La Manufacture – Haute école des arts de la scène» in Lausanne an. Die Aufnahmeprüfung sei sehr herausfordernd gewesen, sagt sie, allein schon aufgrund der grossen Konkurrenz. Ausserdem habe sie, im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmer:innen, keine Ballettausbildung gehabt. Und mit 24 Jahren ist sie schon deutlich älter als die meisten anderen.

Kurz darauf besucht sie mit ihrer Mutter ihren Bruder in Japan, der dort studiert. Kaum angekommen, erhält sie den Bescheid, dass sie zur zweiten Runde zugelassen ist. Sie zögert: Soll sie Japan gleich wieder verlassen und in die Schweiz zurückfliegen, obwohl sie daran zweifelt, auch die zweite Runde zu überstehen? «Aber ich spürte, dass ich es zumindest versuchen muss.» Der Versuch glückt, sie besteht die Prüfung und bricht ihr Kunstvermittlungsstudium ab.

Die Künstlerin als Medium

Drei Jahre später, 2019, hat sie den Bachelor in Zeitgenössischem Tanz in der Tasche. Sie arbeitet als Tänzerin und Performerin für andere Künstler:innen und realisiert erste eigene Projekte. Doch als die Coronapandemie kommt und das gesellschaftliche Leben lahmlegt, entschliesst sich Juliette Uzor, das Kunstvermittlungsstudium an der ZHdK wieder aufzunehmen, da ihr nur noch ein Jahr bis zum Masterabschluss fehlt. «Dieses zweite Jahr war dann super. Mit meiner neuen Perspektive fand ich es plötzlich spannend. Und es gab neue Dozierende, die näher bei der Performance-Theorie waren.» Zudem sei sie nach drei Jahren, in denen sie praktisch jeden Tag mehrere Stunden lang getanzt habe, ziemlich erschöpft gewesen.

Heute zieht sie viel Energie aus ihrer künstlerischen Arbeit. Und geht in ihr völlig auf. Den Moment der Performance finde sie am spannendsten: «Dann muss ich nicht ich selbst sein, sondern bin quasi ein Medium. Es braucht die Zuschauer:innen und meinen Körper, aber es geht nicht um mich, sondern um das, was auf der Bühne passiert.»

 

Juliette Uzor – (ah ah ah): bis 11. Februar im Kunstmuseum St.Gallen

Performances: 24. November, 18.30 Uhr (Vernissage mit Übergabe des Manor-Kunstpreises); 25. November, 14 Uhr; 8. Dezember, 19 bis 23 Uhr (im Rahmen der «Nachtschicht», inklusive Artist Talk); 7. Januar, 14 Uhr; 28. Januar, 14 Uhr; 1. Februar, 19 bis 23 Uhr (im Rahmen der «Nachtschicht»); 10. Februar, 14 Uhr; 11. Februar, 14 Uhr (Finissage).

Alle weiteren Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung auf der Website des Kunstmuseums St.Gallen.

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