, 15. Oktober 2016
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Jungs und Mädels, machen wir die Expo 2027

Das Volk hat Nein gesagt. Weil es nicht begriffen hat, welche Chancen sich bei einem Ja geboten hätten. Aber: Nach einer Abstimmung ist man oft gescheiter als vorher. Ein Aufruf von Roland Köppel

Stell dir vor, ein Unternehmen würde, wenn es beim ersten Mal «of d’Schnore keit», einfach aufhören. Da käme man nirgendwo hin. Es ist für mich unverständlich, dass man jetzt sagt: Ist gut, ist vorbei. Volkes Stimme? Ja und? Bisher hat der Bundesrat den Auftrag für die Expo nicht zurückgezogen und seinen Goodwill für die Idee aufrechterhalten. Also kann man die elf Jahre bis 2027 nutzen und etwas draus machen. Ich arbeite in einer Internetagentur. Da geht es täglich um Entwicklungsprozesse, wir machen nie etwas, das fertig ist. Alles wird ständig weiterentwickelt, angepasst, deshalb bin ich mich nicht gewohnt zu sagen: Es ist fertig. Sondern: Klar machen wir weiter. Wer hat aufhören gesagt?!

Beim ersten Anlauf hat das Volk zu wenig begriffen, welche Chance sich da auftut für die Region. Eine Expo findet alle 25 Jahre statt: ein grosses Volksfest, das die Ostschweizer veranstalten für die Restschweiz! Zehn Millionen Schweizerinnen und Schweizer kommen zu  uns, Leute, die mehrheitlich noch nie dagewesen sind. Da steckt man einen Haufen Geld in die Standortförderung, und dann macht man das nicht? Also bitte! Und mehr noch: Es ist eine Ehre. Dass die Expo hier stattfinden soll, ist nicht selbstverständlich. Sie war ja noch nie in der Ostschweiz. Es ist ein Auftrag des Bundesrats, eine Expo zu machen, Mann! Das muss man sich immer wieder sagen. Das ist ein Fest. Wir wissen in der Schweiz ja nichts voneinander, zumindest fast nichts. Woraus besteht die Ostschweiz für den Restschweizer? Aus Appenzeller Käse, St.Galler Bratwurst und Thurgauer Äpfeln. Fertig. Mehr Bilder hat man nicht. Wir schätzen zu wenig, was wir haben, und dies den andern Regionen bekannt zu machen ist wichtig. Das schafft Kitt, das schafft Zusammenhalt. Wir gehören zusammen.

Die Schweiz bedeutet für mich etwas. Sie ist meine Heimat, ein Land, in dem ich mich frei und sicher bewegen kann, wo ich mich entfalten kann, wo jeder sein Leben gestalten kann, wie er will. Das sind gesellschaftliche Errungenschaften, die nicht selbstverständlich sind. Und sie machen die Schönheit der Schweiz mit aus, nicht nur die Landschaft. Die Schweiz ist geprägt durch eine Kultur des Ermöglichens – vorausgesetzt, man hat genug Energie, etwas aus sich zu machen. Logisch, der Einzelne muss etwas reinstecken, von nichts kommt nichts. Das braucht manchmal Mut, man muss sich getrauen, auch mal abzubiegen vom Mainstream. In der Schweiz kann man abbiegen und sein Ding machen. In der Regel geht das.

Die Expo ist auch eine solche Sache des Muts. Die Ostschweizer trauen sie sich offensichtlich nicht zu. Das ist völlig absurd. Die Chance kommt nur einmal in unserem Leben, die muss man ergreifen!!! Dass man so blind oder taub auf den Ohren ist, dass sich das nicht vermittelt hat, das ist sonderbar. Ich glaube, und jetzt kommt es ganz bös und dick: Die Leute haben nur gesehen, dass man Geld verdienen kann. Es war einfach ein Geldprojekt, ein Job, es war kein ideelles Projekt. Das Herzblut hat gefehlt, und ein richtiger Botschafter und Fahnenträger, der oder die hätte vermitteln können: Das ist die geilste Chance, die wir in der Ostschweiz haben für die nächsten 500 Jahre. So hätte das tönen müssen. Aber das kam nicht an, die Idee ist nicht beim Volk gelandet.

Braucht die Ostschweiz mehr Selbstvertrauen? In St.Gallen habe ich als Rheintaler ein Wort neu gelernt: brötig. In Winterthur denke man, die St.Galler seien brötig: So kann man es von hiesigen Politikern (Karin Keller-Sutter, Thomas Scheitlin) an offiziellen Anlässen hören. Das ist typisch, man redet schlecht über sich selber, bis die andern anfangen, daran zu glauben. Im Rheintal gibt es Kleber fürs Auto: «Ohne Rheintal keine Schweiz.» Das ist natürlich übertrieben, aber darin steckt ein Stück berechtigter Stolz, auf uns und auf unseren Wirtschaftsraum. Die Ostschweiz müsste insgesamt selbstbewusster auftreten, und dafür ist die Expo genau das richtige Instrument. Reden wir nicht immer nur von den Bauern und vom Appenzellerland, von den Thurgauer Äpfeln und von den Bauern, von der Olma, nochmal von den Bauern… Das vermittelt ein völlig falsches Bild. Die Ostschweiz hat den zweitgrössten IT-Anteil in der Schweiz, nach Zürich. Das weiss keiner. Es gibt Top-Firmen hier, Hightech-Firmen, das weiss keiner.

Wir dürfen 2027 nicht vorbeistreichen lassen, wir müssen Diskussionen in Gang setzen. Ob man dafür Milliarden ausgeben oder nochmal kleiner anfangen soll, das wäre zu überlegen. Cool an der Expo.02 war jedenfalls, wie die Leute dank der vier Arteplages auf den verschiedensten Angebotsebenen abgeholt wurden. Man könnte eine Expo in der Ostschweiz vielleicht kleinräumiger denken, aber dann würde das Einmalige fehlen, es käme einfach zum normalen  Sonntagsausflug. Wichtig ist eine gute Balance zwischen spektakulärer und der Region angepasster Form. Man könnte zum Beispiel sagen: Wir sind die erste Expo, die 100 Prozent recyclierbar ist. Das kann man in den Planungsprozess einfliessen lassen, es muss von Anfang an mit dem ökologischen Fussabdruck geplant werden – dann wird es erst recht spannend.

Die Gelddiskussion würde ich hingegen erst gar nicht anzetteln und einfach sagen: Wir manchen die Expo. Punkt. Ich sage immer: Geld folgt guten Projekten. Es ist nicht umgekehrt, dass viel Geld automatisch gute Projekte ausmacht. Entscheidend ist, dass die Inhalte gut sind. Ich möchte über Chancen reden, darüber, wie gut es uns tut, wenn wir diese Expo machen. Es ist völlig schnuppe, was es kostet, wenn man sich den Gegenwert bewusst macht: Wir zeigen der Schweiz die Ostschweiz! Das ist der Auftrag. Angst vor den Kosten? Ich kann das nicht nachvollziehen. Wenn man den Projektauftrag vergleicht mit den Gesamtausgaben der Kantone, dann muss man sagen: Gohts eigentlich no?

Die Frage ist noch, wie man es anschiebt. Entscheidend ist, das Volk zu überzeugen und zu sagen: Das ist eine gute Sache, das machen wir. In unserem politischen System heisst es nicht, dass nach einem ersten Nein Schluss ist. Nach einer Abstimmung ist man oft gescheiter als vorher. Sicher gibt es andere Leute, die mitziehen. Sorry. Für mich ist einfach nicht fertig.

Roland Köppel, 1970, ist in Widnau aufgewachsen und seit 18 Jahren Inhaber einer Internetagentur in St.Gallen.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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