, 4. September 2014
keine Kommentare

Jusqu’ici tout va bien…

…aber die Landung ist entscheidend, heisst es im Film «La Haine». Sie ist hart. Auch für die St.Galler Polizisten im neuen D.ü.V.-Clip. Saiten hat den üblichen Verdächtigen nach seinen Gründen gefragt.

Als D.ü.V. (oder Esik oder Keyser Söze oder bürgerlich Khaled Aissaoui) im Juni 2012 sein Album «Dä üblichi Verdächtigi» veröffentlichte, schrieb das Tagblatt über ihn: «Und bevor er ‹Fuck the Police› ruft, holt er bei der Polizei eine Bewilligung ein.» Falls das überhaupt jemals wirklich so war, sind diese Zeiten jetzt vorbei, glaubt man seinem neusten Video.

Es ist lustig. Und es war eigentlich ein ungewolltes, aber er hatte keine Wahl, wie er sagt. «Bullizei» heisst es. Tönt nach Funk, Oldschool, Sonnenuntergang, Fangis und Grillparty am Bahnhof St.Fiden. Mit Freunden, Attitüde und Sound of da Police. Bullen foppen mit D.ü.V. – bis sich einer wehtut. Und dabei werden dann Sachen gesagt wie: «I gib en fick uf Polizei, si stressed umenand, ohni Grund und ohni Style» und «Gäbts ain guete Spruch vo Cops, s’müesst immer Wunder regne.»

Das Sample im Beat ist – es muss fast so sein – von KRS-One. Nur hatte dieser damals weniger gute Laune, als er 1989 in Sound of da Police gegen die organisierte Polizeigewalt in New Yorks Vororten anrappte: «Black People still slaves up ‚til today, but the Black police officer nah see it that way.» Aber in St.Gallen ist man vermutlich auch nicht ganz so criminal minded wie die umtriebige Bronx-Legende. Was nicht heisst, dass die Dinge an unserer East Side nicht ebenfalls beim Namen genannt werden. Aber schaut einfach selbst:

 

Beat: DJ Ham-E / Kamera: Stefan Schoebi


Khaled, bist du des Wahnsinns, dich mit der Polizei anzulegen?

Eigentlich ist es eine sehr bewusste Provokation. Aber das Video entstand, zugegeben, schon aus einem gewissen Trieb heraus. Es reicht mir nicht, nur systemkritisch zu denken, ich muss entsprechend handeln, aktiv sein, die Leute wachrütteln.

Wieso jetzt, wo doch der Track schon zweieinhalb Jahre alt ist?

Mir ist schlichtweg der Kragen geplatzt. Die Polizeigewalt in Berlin, Wien oder anderen Städten hatte mich schon länger beschäftigt, Auslöser war aber der Fall von Michael Brown in der US-Stadt Ferguson: Ein 18-jähriger Afroamerikaner – unbewaffnet! – wird am helllichten Tag von einem Polizist erschossen?!

Der Dreh war an einem feuchtkalten Sonntag Anfang August, seit gut einer Woche ist der Clip online. Schon Reaktionen?

Sehr viele sogar, auch überwiegend positive. Einzelne kritisierten aber, dass unser Video hetzerisch sei und den Jugendlichen etwas Falsches vermittle.

Als Sport- und Rap-Lehrer im Thurgau solltest du diese Kritik vielleicht ernst nehmen.  

Wer mit Ironie nicht umgehen kann, muss es sich ja nicht anschauen. Aber klar, die Kritik kann ich nachvollziehen. Wie ich aber die Jugendlichen kenne, verstehen sie die Message im Video sehr wohl. Es soll ja schliesslich auch unterhalten – und eben gleichzeitig ein Wink mit dem Zaunpfahl sein: gegen polizeiliche Willkür, Gewalt und Korruption.

Wobei sich der Machtmissbrauch durch Schweizer Beamte vermutlich gerade noch knapp in Grenzen hält, verglichen mit anderen Ländern.

Gerade darauf will ich hinaus! Meine Kritik ist global zu verstehen, nicht nur im Bezug auf die Polizeiapparate bei uns, schliesslich geht es in anderen Erdteilen noch ganz anders ab.

Was kritisierst du konkret?

In erster Linie Korruption und Machtmissbrauch. Wie heisst es so schön in Los Angeles? Protect and serve, schütze und diene. Aber das Dienen wird immer seltener, auch bei uns, habe ich das Gefühl. Und das mit dem Schützen… Ich frage: Wer soll denn geschützt werden? Und vor wem eigentlich? Rodney King wurde damals auch nicht beschützt, als ihn 1991 vier Polizisten fast zu Tode geprügelten. Uns hat die antirassistische Welle wenigstens noch mitgerissen in dieser Zeit.

Und heute reagieren wir nicht mehr?

Wir reagieren sicher anders, sagen wir es so. Heute entlädt sich die Empörung vielfach in sozialen Netzwerken, aber leider wird vorwiegend konsumiert statt agiert. Ich bin jetzt knapp vierzig und verstehe unter Aktivismus etwas völlig anderes. Aktiver Widerstand ist selten geworden, besonders bei den Jüngeren.

Vor etwa 20 Jahren war gerade La Haine von Matthieu Kassovitz in den Kinos. Der Genre-Klassiker über das Leben in den Pariser Banlieues thematisiert die Rolle polizeilicher Gewalt und Willkür beim Entstehen sozialer Unruhen. Er beginnt mit echten Krawall-Szenen von 1993, ausgelöst durch den Tod eines jungen Zairers, der während eines Verhörs erschossen wurde. Für den Soundtrack hat sich Cut Killer damals bei KRS-One bedient, mit einem Sample, das auch du benutzt – befürchtest du ähnliche Zustände?

Nein, denn bei uns in der Schweiz haben wir, wie schon gesagt, vergleichsweise noch Glück. Das darf man nicht vergessen. Hier kann ich mit meinem Clip provozieren, ohne dass ich gleich deportiert, verhaftet oder umgebracht werde. Dank Jahrzehnte langem Frieden und einem gewissen Wohlstand herrschen bei uns andere Verhältnisse. In anderen Ländern sind Korruption, Gewalt und Repression an der Tagesordnung – obwohl ich auch hier gewisse Auswüchse und Tendenzen beobachte.

Zum Beispiel?

…der Kastenwagen in der Nähe des Fussballstadions: Es ist beängstigend, wenn du im Vorbeigehen aufschnappst, wie sich zwölf Jungs darin unterhalten, dass sie sich «auf den Adrenalinkick freuen» oder «endlich wieder mal richtig fighten» können. Da muss man sich nicht wundern, wenn es ausartet. Oder der teilweise recht unverblümte Rassismus: Wie oft musste ich mir schon anhören, ich sei ein «Papierschwizer», nur weil ein arabischer Name auf meiner Schweizer ID steht? Aber wie gesagt, meine Kritik betrifft nicht den Schweizer Polizeiapparat, sondern alle. Und ich bin ja auch nicht der einzige, der so denkt.

Das stimmt allerdings. Halb St.Gallen ist vertreten in deinem Video, einige davon mit Masken. Aus Angst?

Da wir ja ein Vermummungsverbot haben, ist es natürlich auch ein Stück weit Provokation. Es gibt aber schon gewisse Vorbehalte, wenn man Leute für so einen Dreh anfragt. Allerdings gibt es viele in meinem Umfeld, die wie ich in den 90ern aufgewachsen sind, mit N.W.A. und ihrem Fuck tha Police oder eben La Haine.

Was müsste die Polizei denn deiner Meinung nach tun, damit ihr künftig schmeichelhaftere Songs gewidmet werden?

Wenig! Mit einem Lächeln und ein wenig Höflichkeit würde man doch schon einiges erreichen. So viele Situationen könnten entschärft werden, wenn sie beim Erstkontakt nicht immer gleich einen auf Dominanz machen und einfach mal freundlich wären – was ich übrigens selbst schon erlebt habe. Ganz selten.

Wenn du jetzt noch verrätst, wo du die Uniformen für deinen Clip abgestaubt hast, patrouillieren vielleicht demnächst freundlichere Helfer durch St.Gallens Gassen…

Geklaut haben wir sie jedenfalls nicht, damit das klar ist. Ehrlich gesagt haben wir sie nachgebastelt. Es waren zwei befreundete Schneiderinnen, die uns die Uniformen genäht haben. Und sie mussten sich dafür auch keine Vorlage organisieren, so zahlreich wie sie in der Stadt zu sehen sind. Aber wir wollten kein Risiko eingehen und haben die Uniformen inzwischen wieder entsorgt. Sich als Polizist auszugeben wäre dann doch eine schwere Straftat.

 

Hier das 89er-Original von KRS-One:

 

Und hier Cut Killer in La Haine 1995:

 

Bild: Francesco Bonanno

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!