, 3. Dezember 2013
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Käfer kontra Konzerte

Das Naturmuseum beantragt mehr Geld: 90000 Franken zusätzlich zur Inventarisierung und Vorbereitung des Umzugs in den Neubau. Der Kredit kommt zu einem fragwürdigen Zeitpunkt.

Auf den ersten Blick leuchtet das Argument ein: „Wir wollen geordnet ins neue Haus zügeln können“, sagt Konservator Toni Bürgin auf Anfrage. Dazu sei es nötig, die Bestände elektronisch zu inventarisieren und den grossen Restaurationsbedarf abzubauen. 90000 Franken beantragt der Stadtrat dafür dem Stadtparlament, jährlich wiederkehrend, für eine halbe zusätzliche Stelle und extern zu vergebende Restaurierungs- und Verpackungsarbeiten.

Auf den zweiten Blick erstaunt insbesondere der Zeitpunkt der Vorlage. Und dies in doppelter Hinsicht: Im November 2012, als das Volk über Baukredit für das neue Naturmuseum im Neudorf abstimmte, war in der Abstimmungsbroschüre erst pauschal von höheren Betriebsbeiträgen von rund 1 Million Franken die Rede. Und nächste Woche diskutiert das Stadtparlament gleichentags über eine Kürzung der Gelder für die zeitgenössische Kulturförderung von 80000 Franken. Eine unschöne Subventionsverschiebung?

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Arno Noger, Präsident der Stiftung Naturmuseum, widerspricht. In der Bauvorlage seien die künftigen Personalkosten beziffert gewesen: 1,45 Millionen statt heute gut 800000 Franken. Das neue Haus brauche mehr Personal für Haus- und Kassendienste, aber auch für die Museumsarbeit selber. Die 90000 Franken für 2014 sieht Noger als erste Tranche für Arbeiten, die bereits jetzt anfallen. Mit der Eröffnung, voraussichtlich 2016, folgten dann die weiteren Kosten. Das sei keine Salamitaktik, sondern die Eröffnung brauche einen Vorlauf.

Dies allerdings hätte man bereits bei der Volksabstimmung wissen können. Denn der problematische Zustand der Sammlungen ist nichts Neues.

Der Muff von dreissig Jahren

Rosenbergstrasse 89, ein in die Jahre gekommener Hauseingang, im Untergeschoss Regale voll ausgestopfter Vögel und anderem Getier, dazwischen Präparator Roland Müller: Es sind urige Bilder, die mir von jenem Besuch, irgendwann in den Achtzigerjahren, in der Aussenstelle des damals geschlossenen St.Galler Naturmuseums geblieben sind. Die Spätfolgen stehen jetzt, bald 30 Jahre später in der Stadtratsbotschaft: Die sogenannten Dermoplastiken „litten an der Rosenbergstrasse unter den Emissionen des damaligen Strassenverkehrs und wurden entsprechend durch Abgase und Russpartikel verschmutzt“. Diese Vogel- und Säugetierpräparate, Stolz der St.Galler Sammlung und Vermächtnis des legendären Präparators Ernst Heinrich Zollikofer, brauchten am dringendsten Hilfe.

Dass da nicht früher eingegriffen wurde, begründet Direktor Toni Bürgin mit dem auch im Vergleich zu den anderen Museen knappen Personalbestand über all die Jahre seit der Wiedereröffnung 1987. Externe Fachleute sollen nun bis zum Umzug diese Restaurierungs- und Archivierungsarbeit vorantreiben – zwei Drittel des Zusatzkredits will Bürgin zudem für eine fixe halbe Kuratorenstelle nutzen, für die Käfer- und Schmetterlingssammlungen, deren Bedeutung für die Erforschung der Biodiversität zentral sei.

„Kein Zusammenhang“

Bleibt der störende Eindruck, dass hier Kulturgeld verschoben wird – im Budget 2014 sind bekanntlich zugleich jene 80000 Franken weggespart, welche bisher der freien Projektförderung zustanden. 90000 hier statt 80000 dort? Arno Noger hat Verständnis dafür, wenn dies auf Kritik stösst, sieht aber keinen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Beträgen. Die Museumsstrategie „3 Häuser – 3 Museen“ habe eine hohe Priorität im Kulturkonzept. Und wer A zum Neubau (Bild unten: eine Visualisierung des künftigen Museums) sagt, müsse auch B sagen.

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Das sehen einige Mitglieder der GPK des Stadtparlaments anders: Sie wollen den Zusatzkredit für das Naturmuseum ablehnen. Die jetzt beantragten Kosten hätte man längst voraussehen können, und die freie Kultur dürfe nicht zu Gunsten der Institutionen bluten, sagt GPK-Mitglied Etrit Hasler auf Anfrage.

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